Greenwashing am Hermannplatz

2020 entzog der Berliner Senat dem Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg die Entscheidungshoheit über die Wiederaufbaupläne des Investors Signa für den Karstadt. Mit einem Re-Use-Wettbewerb scheint sich der Entwickler nun einen grünen Anstrich geben zu wollen.

Text: Rada, Uwe, Berlin

    Anfang 2019 stellte die Signa ihre Wiederaufbaupläne für das ehemals größte Warenhaus Europas vor. Für den Neubau sind 107.000 Quadratmeter Bruttogeschossfläche vorgesehen. Der Anteil gemeinwohlori­entierter Nutzung beträgt lediglich vier Prozent.
    Visualisierung: © SIGNA Real Estate

    Anfang 2019 stellte die Signa ihre Wiederaufbaupläne für das ehemals größte Warenhaus Europas vor. Für den Neubau sind 107.000 Quadratmeter Bruttogeschossfläche vorgesehen. Der Anteil gemeinwohlori­entierter Nutzung beträgt lediglich vier Prozent.

    Visualisierung: © SIGNA Real Estate

    In der Nachkriegszeit wurde auf dem Grundstück des 1945 gesprengten Warenhauses ein neuer Karstadt-Komplex errichtet.
    Foto: Florian Thein

    In der Nachkriegszeit wurde auf dem Grundstück des 1945 gesprengten Warenhauses ein neuer Karstadt-Komplex errichtet.

    Foto: Florian Thein

    Nur an der Hasenheide ist ein Rest der Originalfassade übrig geblieben. Hier befindet sich die Zufahrt zum Hof mit Parkplätzen – dem jetzigen Wettbewerbsareal.
    Foto: Florian Thein

    Nur an der Hasenheide ist ein Rest der Originalfassade übrig geblieben. Hier befindet sich die Zufahrt zum Hof mit Parkplätzen – dem jetzigen Wettbewerbsareal.

    Foto: Florian Thein

    Ein Preis (Zuschlag): Lendager leiten aus ihrem Bauteilkatalog für die Abrissmaterialien fünf unterschiedliche Fassadengestaltungen ab.
    Abb.: Verfasser

    Ein Preis (Zuschlag): Lendager leiten aus ihrem Bauteilkatalog für die Abrissmaterialien fünf unterschiedliche Fassadengestaltungen ab.

    Abb.: Verfasser

    Ein innenliegender Hof soll als öffent­licher Raum und Verteiler funktionieren. Auf den Dächern sind Solarpanele vorgesehen.
    Abb.: Verfasser

    Ein innenliegender Hof soll als öffent­licher Raum und Verteiler funktionieren. Auf den Dächern sind Solarpanele vorgesehen.

    Abb.: Verfasser

    Ein Preis: White Arkitekter schlagen vor, das vorhandene Parkhaus zu erhalten und als neue zentrale Erschließung zu verwenden.
    Abb.: Verfasser

    Ein Preis: White Arkitekter schlagen vor, das vorhandene Parkhaus zu erhalten und als neue zentrale Erschließung zu verwenden.

    Abb.: Verfasser

    Ihre Analyse des Bauteil­katalogs basiert auf einer Materialpyramide, die sich aus den Treibhauspotentialen der Materialien ergibt.
    Abb.: Verfasser

    Ihre Analyse des Bauteil­katalogs basiert auf einer Materialpyramide, die sich aus den Treibhauspotentialen der Materialien ergibt.

    Abb.: Verfasser

Greenwashing am Hermannplatz

2020 entzog der Berliner Senat dem Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg die Entscheidungshoheit über die Wiederaufbaupläne des Investors Signa für den Karstadt. Mit einem Re-Use-Wettbewerb scheint sich der Entwickler nun einen grünen Anstrich geben zu wollen.

Text: Rada, Uwe, Berlin

Ein nicht offener Re-Use-Wettbewerb ist schon die zweite Charmeoffensive, mit der Projektentwickler und Investor, die Signa Holding, versucht, in der aufgeregten Diskussion um das Karstadt-Projekt (Bauwelt 22.2020) in die Offensive zu gehen. Im vergangenen August hatte die Firma des österreichischen Investors René Benko, dem Besitzer der Warenhauskette Galeria Karstadt Kaufhof, überraschend bekannt gegeben, das 66.500 Quadratmeter große Bestandsgebäude am Hermannplatz nicht wie ursprünglich geplant abzureißen, sondern den Rohbau stehen zu lassen. Die Aufstockung um zusätzliche 16.500 (laut Anfrage an den Senat im Februar sogar 40.000) Quadratmeter von David Chipperfield Architects, die für den Wiederaufbau des Gebäudes neu hinzukommen, sollen in Holzbauweise erfolgen. Die stark vertikal gegliederte Fassade soll statt Muschelkalk mit Ziegeln aus der Region gestaltet werden.
Dass der Paradigmenwechsel nicht von ungefähr kommt, hat mit den zahlreichen Protesten zu tun. Anwohnerinnen und Anwohner aus Neukölln und Kreuzberg fürchten sich vor steigenden Mieten und Verdrängung, die Initiative Hermannplatz fordert ein Ende des Projekts. Signa wiederum hat sich mit einer Standortgarantie für vier der sechs von Schließung bedrohten Filialen in Berlin grünes Licht vom Berliner Senat geholt. Inzwischen hat die Landesregierung das Bebauungsplanverfahren an sich gezogen, und der neue Bausenator Andreas Geisel (SPD) hat angekündigt, bis Ende März einen vorhabenbezogenen B-Plan aufzustellen. Die geplante Bürgerbeteiligung ist damit de facto vom Tisch. Die Information der Anwohnerinnen und Anwohner hat Signa mit der Website nichtohneuch.berlin inzwischen in einer Art Akt der Piraterie gekapert. Darin werden die Umbaupläne heuchlerisch als „internationales Leuchtturmprojekt für nachhaltige Immobilienentwicklungen“ gefeiert.
Um griffige Narrative geht es Signa offenbar auch im aktuellen Wettbewerb. In der Präsentation von RAU Architects betont Thomas Rau: „Der Auslober will sich Re-Use auf die Fahnen schreiben.“ Sein Amsterdamer Büro war eines von insgesamt neun Büros, die Signa eingeladen hat, um am 28. Januar über ihre Entwürfe für den Neubau der rückwärtigen Gebäudeteile des Karstadt-Komplexes zwischen Urbanstraße und Hasenheide zu diskutieren. Dafür haben die Büros einen detaillierten Bauteilkatalog von Concular bekommen; der digitalen Plattform für ressourceneffizientes Bauen. Die bestehenden Materialien – Fenster, Träger, Lochbleche – sollten beim Neubau von Büros und Gewerbeflächen wiederverwendet werden. Der neue Gebäudekomplex mit seinen Höfen soll den Neubau des Karstadt-Warenhauses am Hermannplatz nach den Plänen von David Chipperfield ergänzen. „Es ist das emotionalste Projekt im Hause Signa“, betonte Reiner Müller, Head of Project Development bei Signa. „Wir dürfen heute eines der größten Projekte in Deutschland entwickeln, die mit dem Bestand umgehen.“
Allerdings soll die Wiederverwendung von Rohstoffen und Bauteilen beim Bau der Büros um die Höfe und dem Durchgang zwischen Urbanstraße und Hasenheide ihre Grenzen haben. In der Auslobung wurde explizit der Abriss des bestehenden Parkhauses an der Urbanstraße gefordert. Dass mit White Arkitekter aus Göteborg nun ein Büro einen von zwei ers­ten Preisen bekommen hat, das das Parkhaus erhalten will, bringt Signa in ein Dilemma. Eigentlich sollte das Parkhaus nämlich abgerissen werden, um Baufreiheit für die Untergeschosse mit Parkplätzen zu schaffen.
Den vielleicht radikalsten Vorschlag machte dennoch Thomas Rau. Statt die Bauteile des Gebäudes abzutragen, zwischenzulagern und neu zu verwenden, schlägt er vor, einfach Alt gegen Neu zu tauschen. „Warum bringen wir die 80.000 Quadratmeter Fenster nicht zu Schüco zurück und bekommen dafür neue?“ „Re-Sponsibility“ nennt Rau seine Philosophie. „Der Bauherr gibt beim Abriss die Verantwortung zurück zum Produzenten.“ Der müsse dann garantieren, dass man den Materialwert zurückbekomme. „Bei Re-Use dagegen liege die Verantwortung beim Bauherrn.“ Die alten Karstadt-Fenster also zurück zum Hersteller, und der liefert dann die neuen. Mit den abgerissenen Betonteilen würde Rau ähnlich verfahren. Die würde er bei einem seiner Partner in Magdeburg recyceln lassen. Statt Wiederverwertung also eine „zirkuläre Ökonomie“, als deren Vordenker Rau gilt. Das hat auch Anja Rosen, Professorin für zirkuläres Bauen an der Bergischen Universität Wuppertal und Mitglied der Jury beeindruckt. „Ich sehe da jede Menge Potential für die Zukunft“, sagte Rosen auf der Sitzung des Preisgerichts.
Entgegen der Auslobung schlagen die prämierten Architekten von White vor, jede zweite Decke aus dem Parkhaus zu entnehmen und so flexible Räume mit 5,90 Metern Höhe zu schaffen, in denen mit Holzeinbauten auch Zwischenebenen errichtet werden können. Die Rampe und die ins oberste Geschoss führende Parkhausspindel will das Büro erhalten. Von der Spindel aus könnten etwa Teile der Büros erschlossen werden. „Das Parkhaus ist ein Mini-Guggenheim“, schwärmte ein White-Vertreter bei der Präsentation.
Neben White hat das Büro Lendager den ersten Preis zugesprochen bekommen. Das Kopenhagener Büro schlägt in seinem Entwurf den Abriss des Parkhauses zugunsten mehrerer Büroneubauten um ein Ensemble dreier gleichberechtigter Höfe vor. Während der Beratung der Jury nach den Präsentationen schwärmte Berlins Senatsbaudirektorin Petra Kahlfeldt von der „architektonischen Baukörperqualität“ im Entwurf von Lengader. „Da wollen auch die Primärnutzer rein, die zahlen mehr Miete“, so Kahlfeldt, die allerdings auch bekannte: „Aber mein Herz schlägt für White, weil die das Parkhaus stehen lassen.“
Beide Siegerbüros sind nun aufgefordert, ihre Entwürfe innerhalb von vier Wochen anhand eines Leistungsbild des Bauherrn zu überarbeiten. Vor allem die Fassadengestaltung ist Signa wichtig. Denn auch die soll nach außen demonstrieren, dass hier Nachhaltigkeit und Wiederverwendung groß geschrieben werden. „Wir begeben uns heute auf eine Reise“, sagte Signa Projekt-Manager Müller zu Beginn der Jury-Sitzung. Bei den Nutzungsanforderungen dürfe man aber keine Abstriche machen.
Gut möglich, dass der Umgang mit dem Parkhauses den Ausschlag gibt. Für White, weil Signa dann überzeugende Argumente für die nächste Charmeoffensive hätte. Oder für Lendager, weil die Wirtschaftlichkeit doch mehr wiegt als die radikale Interpretation des Re-Use-Gedankens.
Re-Sponsibilty spielte bei der Jury keine Rolle. Auch wenn Thomas Rau vom zirkulären Bauen überzeugt ist: „Das ist der nächste Schritt in der Immobilienwelt. Wir haben viele Aufgaben, aber die Materialien sind endlich.“
Der gesamte Wettbewerb mit dem Ziel das Wiederaufbauprojekt mit einem weiteren Gebäude um 20.000 Quadratmetern zu vergrößern, erscheint weniger als ein nachhaltiger Stadtbaustein, als ein Versuch der Signa seine fragwürdige Investorenpraxis ökologisch rein zu waschen.
Anmerkung der Redaktion: In der zweiten Phase haben auch Lendager mit dem Erhalt des Parkhaus gearbeitet. Am 14. März wurden Lendager als Sieger des Wettbewerbs bekannt gegeben.
Fakten
Architekten David Chipperfield Architects, Berlin; White Arkitekter, Göteburg; Lendager, Kopenhagen
Adresse Hermannplatz 5-10, 10967 Berlin


aus Bauwelt 6.2022
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