Tanker auf Kursänderung

Ein Gutachten übt harsche Kritik am Aufbau der Stiftung Preußischer Kulturbesitz. Vor allem den Museen fehle ein finanzieller aber auch organisatorischer Spielraum. Nun soll die Stiftung grundlegend umgebaut werden.

Text: Schulz, Bernhard, Berlin

Die Skulptur "It Wasn't Us" der Künstlerin Katharina Grosse ist derzeit im und hinter dem Hamburger Bahnhof zu sehen, einem der 15 Museen der Stiftung Preußischer Kulturbesitz.
Foto: Jens Ziehe

Die Skulptur "It Wasn't Us" der Künstlerin Katharina Grosse ist derzeit im und hinter dem Hamburger Bahnhof zu sehen, einem der 15 Museen der Stiftung Preußischer Kulturbesitz.

Foto: Jens Ziehe


Tanker auf Kursänderung

Ein Gutachten übt harsche Kritik am Aufbau der Stiftung Preußischer Kulturbesitz. Vor allem den Museen fehle ein finanzieller aber auch organisatorischer Spielraum. Nun soll die Stiftung grundlegend umgebaut werden.

Text: Schulz, Bernhard, Berlin

Zwei Jahre dauerte die Evaluierung der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, die der Wissenschaftsrat im Auftrag der Kulturstaatsministerin (BKM) vornahm. Eine 17-köpfige Arbeitsgruppe, geleitet von der Dresdner Literaturwissenschaftlerin Marina Münkler, untersuchte die fünf Teilinstitutionen der Stiftung, darunter als weitaus größte den Verbund der Staatlichen Museen mit ihren 15 Einzelmuseen sowie die Staatsbibliothek mit ihren beiden Häusern. Als das Ergebnis in einem 270 Seiten starken Gutachten unter dem Titel „Strukturempfehlungen“ der Öffentlichkeit vorgestellt wurde, strahlten Staatsministerin Monika Grütters und Stiftungspräsident Hermann Parzinger um die Wette und versprachen, die angemahnte Reform an Haupt und Gliedern in drei bis fünf Jahren umzusetzen.
Das ist jedoch reiner Zweckoptimismus. Denn die Empfehlungen des Wissenschaftsrates, gewonnen aus dem der Stiftung abgeforderten Faktenmaterial und zahllosen Gesprächen mit Mitarbeitern aller Einrichtungen, münden in die Forderung einer kompletten Neuaufstellung. Auch wenn das Wort von der „Zerschlagung“, das alsbald in den Medien kursierte, im Gutachten nicht vorkommt, wird doch die Auflösung der komplizierten Stiftungshierarchie in vier unabhängige Einheiten – Stiftungen in rechtlicher Hinsicht auch sie – vorgeschlagen, vor allem aber die Abschaffung der jetzigen Entscheidungsebene von Präsident und Hauptverwaltung. Dass Grütters und Parzinger die Ausarbeitung dieser Grundsatzreform einer klitzekleinen Arbeitsgruppe anheimgeben wollen, die aus eben der infrage stehenden Stiftungsspitze plus Vertreter von BKM bestehen soll, wurde in der Fachöffentlichkeit mit ungläubigem Kopfschütteln quittiert.
Manchmal muss sich alles ändern, damit es bleiben kann, wie es ist – dieses vielzitierte Dichterwort kann auch über dem seltsam einvernehmlichen Vorgehen von Grütters und Parzinger stehen. So aber sind die Empfehlungen des Wissenschaftsrates nicht gemeint, wie Marina Münkler bei der Vorstellung des Gutachtens bei aller diplomatischen Höflichkeit durchblicken ließ. Parzinger konzentrierte sich auf die – ebenfalls im Gutachten enthaltene und wohlbegründete – Forderung nach erheblicher Aufstockung der Finanzen und des Personals. Das ist erwartbar – aber darum geht es nicht allein und nicht einmal in erster Linie. Denn die Gutachter unterziehen die Stiftungs-Hierarchie einer vernichtenden Kritik: „eine gemeinsame Dachstruktur und eine gemeinsame Verwaltung für die fünf Einrichtungen“ sei „dysfunktional“.
Das trifft vor allem die Staatlichen Museen, die sich als international nicht konkurrenzfähig abgekanzelt sehen, ja nicht einmal ihrem hiesigen Bildungsauftrag gerecht werden. Dabei versagt sich das Gutachten jede persönliche Schuldzuweisung, eben um den Blick ganz auf die mangelhaften Strukturen zu lenken: Die Staatlichen Museen wie auch die anderen Stiftungseinrichtungen haben keinerlei Finanz- und Personalhoheit, denn alles wird in der Hauptverwaltung entschieden und von ihr zugeteilt. Während insbesondere die Staatsbibliothek ihren Betrieb reibungslos führen kann und ob ihrer Nutzerorientierung Bestnoten erhält, sehen sich die Museen in die Ecke gestellt. Dass sie keine grandiosen Ausstellungen planen können, wenn nicht einmal ihr jährliches Budget über die lächerlichen, im Haushalt fixierten 1,5 Millionen Euro für sämtliche 15 Museen (!) bekannt und zugesagt ist – auch das stellt das Gutachten in aller Nüchternheit dar.
Die Konstruktion der Stiftung Preußischer Kulturbesitz stammt aus dem Jahr 1957, sie sollte laut Errichtungsgesetz „bis zu einer Neuregelung nach der Wiedervereinigung“ Bestand haben. Die Neuregelung blieb jedoch nach 1990 aus, als mit großem Engagement die in West- und Ost-Berlin spiegelbildlich vorhandenen Institutionen der Museen und der Bibliotheken zusammengeführt wurden, begleitet allerdings von einem von der Politik verfügten, geradezu mörderischen Stellenabbau. An der Konstruktion der Stiftung wurde indessen nichts verändert. Und neu hinzugekommene Häuser für die Stiftung – wie der Hamburger Bahnhof für die Gegenwartskunst – müssen mit dem vorhandenen Personal bespielt werden (Parzinger machte einmal sogar den Vorschlag, die wiederaufzubauende Bauakademie als Architekturmuseum der Stiftung anzugliedern).
Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz steht der Öffentlichkeit als Riesengebilde vor Augen, das Milliarden für die Sanierung der zahllosen Gebäude verschlingt – jedoch, gemessen daran und an den weltbedeutenden Sammlungen, bei weitem zu wenig für die Allgemeinheit leistet. Das legt das Gutachten des Wissenschaftsrates schonungslos offen. Neue, zeitgemäße Formen der governance müssen implementiert, Hierarchien abgeflacht, Doppelverwaltungen – wie zwischen Generaldirektion der Museen und Hauptverwaltung der Stiftung – beseitigt werden. Natürlich braucht es mehr Geld. Aber es braucht nicht nur Geld. Es braucht vor allem einen klaren Plan. Und es braucht die politische Unterstützung, die vor allem die Zurückdrängung der den Stiftungsrat dominierenden, aber kaum zur Finanzierung beitragenden Bundesländer zu ihrem ersten Ziel haben muss. Alles in allem eine Herkulesaufgabe – aber die einzige Chance, den gern als Tanker bespöttelten Stiftungs-Riesen endlich rundum flott zu machen. Und sei es in Gestalt der im Gutachten vorgeschlagenen vier einzelnen, voneinander unabhängigen und fachspezifischen Einheiten.
Foto: Jens Ziehe; die aktuelle Ausstellung von Katharina Grosse im Hamburger Bahnhof, einem Museum der Stiftung.


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