Bauwelt

Hinterm Gartenzaun geht’s weiter


Während vielerorts die Innenstädte kleiner werden und Einfamilienhäuser zu groß, eröffnet ein Genossenschaftsprojekt in der Oberpfalz eine neue Perspektive aufs Älterwerden. BeL entwickelt dafür keine urbane Utopie, sondern knüpft an die Kultur der dörflichen Nachbarschaft an.


Text: Josepha Landes, Berlin


  • Im Gemeinschaftsraum haben die Architektinnen Einbaumöbel und Ausstattung farblich an ihren Kanon angepasst. Das Mobiliar steuerten die Bewohner bei.

    Im Gemeinschaftsraum haben die Architektinnen Einbaumöbel und Ausstattung farblich an ihren Kanon angepasst. Das Mobiliar steuerten die Bewohner bei. Foto: Sebastian Schels

    Im Gemeinschaftsraum haben die Architektinnen Einbaumöbel und Ausstattung farblich an ihren Kanon angepasst. Das Mobiliar steuerten die Bewohner bei.

    Foto: Sebastian Schels

  • Der für die Lage ungewöhnlich massige Komplex fügt sich dank seiner Höhen- und Tiefenstaffelung gut ein.

    Der für die Lage ungewöhnlich massige Komplex fügt sich dank seiner Höhen- und Tiefenstaffelung gut ein. Foto: Sebastian Schels

    Der für die Lage ungewöhnlich massige Komplex fügt sich dank seiner Höhen- und Tiefenstaffelung gut ein.

    Foto: Sebastian Schels

  • Mut zur Farbe schöpfte BeL aus aufmerksamem Blick: mineralische Farben prägen das Ortsbild.

    Mut zur Farbe schöpfte BeL aus aufmerksamem Blick: mineralische Farben prägen das Ortsbild. Foto: Sebastian Schels

    Mut zur Farbe schöpfte BeL aus aufmerksamem Blick: mineralische Farben prägen das Ortsbild.

    Foto: Sebastian Schels

  • Einmal im Jahr findet auf dem Platz zwischen dem Wohngebäude und dem hölzernen Hallenbau ein Fest statt. Die Terrassen im Erdgeschoss sind Treffpunkt für den Plausch unter Nachbarn.

    Einmal im Jahr findet auf dem Platz zwischen dem Wohngebäude und dem hölzernen Hallenbau ein Fest statt. Die Terrassen im Erdgeschoss sind Treffpunkt für den Plausch unter Nachbarn. Foto: Sebastian Schels

    Einmal im Jahr findet auf dem Platz zwischen dem Wohngebäude und dem hölzernen Hallenbau ein Fest statt. Die Terrassen im Erdgeschoss sind Treffpunkt für den Plausch unter Nachbarn.

    Foto: Sebastian Schels

  • Zwischen Laubengang und Wohnungen vermitteln Wintergärten.

    Zwischen Laubengang und Wohnungen vermitteln Wintergärten. Foto: Sebastian Schels

    Zwischen Laubengang und Wohnungen vermitteln Wintergärten.

    Foto: Sebastian Schels

  • Sie lassen sich mittels Gardinen, die auch thermisch isolieren, optisch abschirmen.

    Sie lassen sich mittels Gardinen, die auch thermisch isolieren, optisch abschirmen. Foto: Sebastian Schels

    Sie lassen sich mittels Gardinen, die auch thermisch isolieren, optisch abschirmen.

    Foto: Sebastian Schels

  • Das Pflegebad wird bislang nicht genutzt.

    Das Pflegebad wird bislang nicht genutzt. Foto: Sebastian Schels

    Das Pflegebad wird bislang nicht genutzt.

    Foto: Sebastian Schels

  • Die Genossinnen entschieden, unterstützt durch die Architekten, ...

    Die Genossinnen entschieden, unterstützt durch die Architekten, ... Foto: Sebastian Schels

    Die Genossinnen entschieden, unterstützt durch die Architekten, ...

    Foto: Sebastian Schels

  • ... über die Raumfolge und die Ausstattung ihrer Wohnungen.

    ... über die Raumfolge und die Ausstattung ihrer Wohnungen. Foto: Sebastian Schels

    ... über die Raumfolge und die Ausstattung ihrer Wohnungen.

    Foto: Sebastian Schels

In der Innenstadt von Neunburg vorm Wald reihen sich zweigeschossige Satteldachhäuser in pastellenen Tönen. Sie schlängeln sich an gepflasterten Straßen den Hügel empor zum Pfalzberg. Die zentrale Einkaufsstraße auf dem Kamm ist von bunten Wimpeln überspannt. Alle Geschäfte haben geschlossen. Ein Junitag, kurz vor Mittag, das Thermometer steigt.
Das Haus, das BeL in fünf Minuten Gehentfernung von Stadtkirche und Rathaus gebaut haben, führt die Anmutung des Ortes fort und wandelt seinen Geist gleichsam grundlegend. Hinter Edeka, vorbei am Friedhof führt eine Seitenstraße direkt auf den mintgrünen, dreigeschossigen Neubau zu. Genauer gesagt knickt die Straße kurz vor der zentralen Hofeinfahrt ab ins angrenzende Wohngebiet – „Trotzdem sind schon Leute vorgefahren, die eigentlich nicht zu Besuch wollten“, schmunzelt Architektin Anne-Julchen Bernhardt. Für die Genossenschaft „9Bürger“ hat ihr Kölner Büro eine insbesondere im Ländlichen eher ungewöhnliche Form des Wohnens 60+ entwickelt: eine offene, gemeinschaftliche Wohnanlage.
„Man kennt genossenschaftliche Wohnprojekt vor allem aus Großstädten. Wir wollten ausprobieren, wie man so eine Idee auf eine Kleinstadt übertragen kann“, erzählt Markus Sowa, Mitinitiator des Projekts. Als Architekt engagiert er sich heute in der Kooperative Großstadt in München. Sowa wuchs in der Oberpfalz auf. Seine Eltern waren Gründungsmitglieder der Genossenschaft, konnten sich schließlich aber nicht vom vertrauten Zuhause trennen. Der Gemeinschaftssinn auf dem Land unterscheidet sich von jenem in der Großstadt. Sowa erzählt: „Die meisten Menschen leben hier im eigenen Haus. Das heißt aber nicht, dass es keinen Sinn für die Nachbarn gäbe – im Gegenteil.“ Bei den Vorhaben, die er in München begleitet, entschieden sich die Menschen aktiv fürs Zusammenleben. Für die 9Bürger, mittlerweile auf 20 Mietparteien angewachsen, nimmt Unabhängigkeit im kooperativen Wohnen eine andere Selbstverständlichkeit ein. „Die meisten Bewohner nutzen in dem Projekt die Chance, Ihr Wohnen neu zu gestalten, wenn das Einfamilienhaus nicht mehr zu den Lebensumständen passt“, beobachtet er, „aber es gibt schon auch noch den Gartenzaunblick.“ Der hält die Gemeinschaft auch zusammen – wer schaut, der kümmert sich.
Der „Gartenzaun“ hat im Haus eine räumliche Entsprechung gefunden: Er verläuft entlang der zur Südseite gerichteten Laubengangerschließung. Anne-Julchen Bernhardt erläutert, dass die Wohnungen nach hinten immer privater werden. Der Zugang erfolgt über einen „Porch“ genannten Wintergarten, der zugleich als Klimapuffer dient. Viele Bewohner nutzen ihn wie einen Vorgarten. Dort zeigen sich Pflanzen, Stühle, persönliche Dinge. Zur zusätzlichen Temperierung und als Sichtschutz lassen sich Gaze-Vorhänge schließen. „Der Lacaton-Vassal-Vorhang, hier nicht silbern sondern weiß, eher eine normale Gardine“, referenziert Bernhardt. Ohnehin sind dem Haus Einflüsse der Franzosen nicht abzusprechen.
Die Einheiten sind jeweils siebeneinhalb Meter breit und staffeln sich in der Tiefe sechs Mal um je neunzig Zentimeter von 7,10 auf 12,50 Meter. So sind kleinere und größere Wohnungen möglich, zugleich öffnet der Versatz zusätzliche Blicke nach Westen. Das Gebäude ist, angepasst an seine Hanglage, treppenförmig aufgebaut. Der durch die Tiefenstaffelung erreichte Versatz korrespondiert mit jenem in der Höhe. Gemeinsam lösen sie den Baukörper auf und nehmen ihm seine Massivität.
Zwischen den Nachbarwohnungen ziehen sich auf allen Etagen flache, rollstuhlgerechte Rampen. „Barrierefreiheit mit 1,50-Meter-Radien, auch in den Bädern, war zwingend“, sagt Bernhardt – obwohl es sich ausdrücklich nicht um ein Altenheim handelt. „Die Genossen ziehen ein, wenn sie um die sechzig sind, oder auch etwas älter – aber leben komplett autonom. Eine Wohnform, die es in der Art in der Gegend nicht gab. Da ziehst du aus dem eigenen Haus direkt ins Heim, Endstation.“ Ein Teil der Bewohnenden habe hier eine Alternative zum leergezogenen Einfamilienhaus gefunden. Andere kämen aus der Großstadt, wo die Mieten zu hoch seien, um mit kleinem oder mittlerem Budget angemessen zu wohnen. Viele wohnen allein, einige als Paar.
Dass sich das Haus so selbstverständlich öffnet, war keineswegs Konsens. Der Wettbewerbsjury fiel das Abwägen von Charakteristika der Geborgenheit und der Offenheit in Bezug auf die Bauaufgabe offenbar schwer. „Da standen wohl sehr progressive und eher traditionelle Auffassungen gegeneinander“, spekuliert Bernhardt. Drei Beiträge wurden zunächst gleichrangig ausgezeichnet und zur Überarbeitung aufgefordert. „Die Entscheidung fiel auch für euch, weil ihr diese Öffnung gewagt habt“, sagt Sowa.
Das Gebäude grenzt sich zwar zu den Nachbarn im Norden mit einer ortstypischen Lochfassade ab, es öffnet sich jedoch großflächig zum vorgeschalteten Hof, auf dem kleine Terrassen einladen, einander zu begegnen. „Die jeweils dahinter Wohnenden gestalten die Terrassen und pflegen sie, aber sie sind gemeinschaftliche Flächen“, unterstreichen Architektin und Bauherrenvertreter.
Zum Hof ist zugleich die Konstruktion ablesbar. Eine Pergola aus Beton trägt die Erschließungsebene. Gehalten wird sie visuell durch einen Aufzugsschacht und eine gewendelte Fluchttreppe, die fast als Skulpturen mit dem Haus in Dialog treten. Ursprünglich war der Bau als Holzkonstruktion geplant. Die Kostenauswirkungen von Corona und des Ukrainekriegs machten eine Umplanung erforderlich. „Wir haben einen gedämmten Hohllochstein verwendet – kein WDVS“, betont Bernhardt.
Vis-à-vis der Hoffläche sind Parkplätze, Lagerräume und ein Müllraum unter einem großen Dach versammelt. „Noch haben fast alle ein eigenes Auto. Vielleicht werden sie in absehbarer Zeit mehr teilen“, überlegt Sowa. Im Sommer dient die offene Halle als Schattenspender fürs Hoffest. Im rückwärtigen Bereich haben sich die Bewohner eine Grillecke eingerichtet, daneben stehen Hochbeete – die Tomaten bereits mannshoch.
Der Gemeinschaftsraum im Erdgeschoss wurde von den Planern mit Einbauschränken, einer Küche und Kaminofen ausgestattet. Außerdem ist er mit Mobiliar aus den verschiedenen Haushalten bestückt – Sofas, Tische, Stühle, ein Fernseher. Dinge, die nicht mehr passten, als die Wohnfläche kleiner wurde. Hier kommen auch die im Projekt angewandten Farben zur Geltung: ein kräftiges Gelb, ein abgetöntes Lila sowie Schattierungen von Blau, Grün und Rot. „Wir haben uns an der Farbpalette des Städtchens orientiert und dann Farben dazu komponiert“, erklärt Bernhardt: „Reine Materialfarben konnten wir uns nicht leisten. Die Farben verfeinern Putz, Holzfenster und Fliesen.“ Nach außen dominiert zartes Grün den Bau. Die Putzfassade umhüllt ihn an drei Seiten und ist von raumhohen Fenstern durchbrochen. Die mineralischen Farben verankern den Geschosswohnungsbau gemeinsam mit der aufgelösten Volumetrie im kleinteiligen und seinerseits farbenfrohen Kontext.
Gemeinschaft wird von den 9Bürgern nicht forciert. Eher finden sich kleine Gruppen zusammen, Freundschaften entstehen oder werden ausgebaut. Mit manchen sei der Kontakt eher beiläufig. Ein Ehepaar sei nach kurzer Zeit wieder ausgezogen. „Das ist halt nichts für jeden.“ Verpflichtenden Gemeinsinn gebe es nicht: eine Genossenschaftsversammlung im Jahr, alle zwei Monate ein Treffen der Hausgemeinschaft, um praktische Fragen zu klären. „Die Küchenplatte ist zu klein, als dass wir alle gemeinsam damit kochen könnten“, moniert eine Genossin.
Beim Besuch erzählen zwei Bewohnerinnen vom gemeinsamen Wanderurlaub, aus dem sie gerade zurückgekommen sind. Die ausgewaschenen Rucksäcke trocknen noch auf der Veranda: „Wir wurden vermisst.“



Fakten
Architekten BeL Sozietät für Architekten, Köln
Adresse Rötzer Str. 7, 92431 Neunburg vorm Wald


aus Bauwelt 15.2026
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