Le Corbusier: Ein Visionär auf Abwegen
Die achte Ausstellung im Zürcher Pavillon Le Corbusier dokumentiert die zwei Seiten eines visionären Planers und politischen Opportunisten
Text: Wolfgang Jean Stock
Le Corbusier: Ein Visionär auf Abwegen
Die achte Ausstellung im Zürcher Pavillon Le Corbusier dokumentiert die zwei Seiten eines visionären Planers und politischen Opportunisten
Text: Wolfgang Jean Stock
Kürzlich wurde auf arte eine Dokumentation gezeigt. Es ging um das Haus von Eileen Gray in Roquebrune an der Côte d’Azur, in der Le Corbusier persönlich als eher schmächtiger Mann mit einer hohen, fast dünnen Stimme auftrat. Das also war der Baukünstler mit internationaler Wirkung, der Geschichte geschrieben hat? Offenbar verfügte er über ein besonderes Charisma, um seine teilweise epochalen Erfolge zu erzielen. Dass sein selbstbewusster, ja missionarischer Auftritt, Le Corbusier oftmals geholfen hat, zuweilen aber auch nicht, veranschaulicht die Ausstellung „Bauen für die Macht“ in dem von ihm entworfenen Zürcher Pavillon.
Seit der Pavillon als Ausstellungsgebäude gerettet wurde, ist er der dritte Standort des Zürcher Museums für Gestaltung (Bauwelt 22.2020). Seither findet einmal im Jahr eine Schau mit Bezug auf Le Corbusiers Werk statt. Nicht alle Ausstellungen haben überzeugt, ein letzter Höhepunkt war jene zum Maßsystem des Modulor (Bauwelt 19.2023). Deren Qualität setzt die aktuelle Ausstellung fort, umsichtig kuratiert vom Museumsdirektor Christian Brändle. Im Mittelpunkt der lebendig gestalteten, mit Fotos, Plänen, Autographen und Publikationen reich bestückten Schau stehen Le Corbusiers städtebauliche Visionen. Darauf werden in einem zweiten Teil seine Bemühungen vor Augen geführt, von politischen Machthabern große Aufträge zu erhalten – dass diese nicht ganz unbekannten Ambitionen erstmals im Zusammenhang gezeigt werden, ist ein Verdienst der Ausstellung.
Obwohl er bis dahin wenig gebaut hatte, stand Le Corbusier bereits in den frühen 1920er Jahren auf der internationalen Bühne. Wie er das erreichen konnte, zeigt die Ausstellung sehr eindrücklich: zum einen dadurch, dass er als fleißiger Publizist seine „Ville contemporaine“ von 1922 propagierte, zum anderen, dass seinen ersten städtebaulichen Plan eine Aufsehen erregende Radikalität auszeichnete. Mit dem Plan Voisin von 1925 (benannt nach dem gleichnamigen Automobilunternehmer, der ihn förderte) schlug er einen weit reichenden Abriss von Paris vor. Auf dem rechten Ufer der Seine sollte ein neues Zentrum mit seriell errichteten Hochhäusern und monumentalen Achsen entstehen, weil die alte Stadt krank mache, weil sie zu dicht und zu chaotisch sei. Der Aufschrei gegen diesen „verkehrsgerechten“ Plan machte Le Corbusier zu seiner Freude erst recht bekannt – unter den modernen Architekten gehörte er zu den ersten Medienstrategen.
Vielen gilt Le Corbusier bis heute als einzigartiger Künstler-Architekt. Dabei wird übersehen, dass er bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs auf Technokratie hoffte, um seinen Maschinenkult und seine Vorstellungen von Gesundheit bis hin zur Eugenik durchzusetzen. Darüber hinaus dokumentiert in der Schau ein handschriftliches Diagramm aus dem Jahr 1935, dass er von Demokratie wenig hielt, sondern autoritär dachte: In seiner „Pyramide der natürlichen Hierarchien“ standen die großen Chefs an der Spitze. So erklärt sich, dass Le Corbusier auch bei Diktatoren um Aufträge buhlte, freilich ohne Erfolg: ob 1931 unter Stalin beim Wettbewerb für den Palast der Sowjets in Moskau, ob durch ein Mussolini herzlich gewidmetes Buch, ob bei der nazihörigen Vichy-Regierung von Marschall Petain. Der Architekt war weder Kommunist noch Nazi, wie ihm manche unterstellt haben, wohl aber ein „gnadenloser Opportunist“, so Kurator Brändle.
Die Ausstellung schließt mit einem großen, dann weltweit bewunderten Projekt, das wie ein ironischer Hall auf seine peinlichen Versuche wirkt, mit Diktatoren ins Geschäft zu kommen. 1951 erhält Le Corbusier von Präsident Nehru den Auftrag, mit Chandigarh die neue Hauptstadt des Punjab im unabhängig gewordenen Indien zu planen: eine Musterstadt für eine parlamentarische Demokratie, gekrönt durch die Bauten aus Sichtbeton und Licht für die drei Gewalten. Symbolisiert durch seine Skulptur der „offenen Hand“ hat Le Corbusier hier zum Humanismus gefunden. Für Architektinnen und Architekten, die unbedingt bauen wollen, gibt es eine Bezeichnung: „Baumenschen“. Le Corbusier war einer von ihnen – gerade mit seinem indischen Auftrag hat er schließlich auch moralisch Glück gehabt.
Bauen für die Macht
Pavillon Le Corbusier (Museum für Gestaltung), Höschgasse 8, 8008 Zürich
Bis 29. November 2026
pavillon-le-corbusier.ch/de
Pavillon Le Corbusier (Museum für Gestaltung), Höschgasse 8, 8008 Zürich
Bis 29. November 2026
pavillon-le-corbusier.ch/de






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