Henrike Naumann
(1984–2026)
Text: Jung, Sophie, Berlin
Henrike Naumann
(1984–2026)
Text: Jung, Sophie, Berlin
Man musste Henrike Naumann dabei zuhören, wie sie über Möbel sprach. Das waren für sie nicht irgendwelche funktionalen Dinge einer guten oder schlechten Form. Möbel waren für sie „Träger von Politik im Privaten“, so sagte sie.
In ihren Kunstprojekten arrangierte Henrike Naumann Einrichtungsgegenstände zu ganzen Interieurs, zu Wohnzimmern, Schlafzimmern oder Büros. Und von ihnen ging immer etwas Beunruhigendes aus. Denn die Künstlerin konnte damit bis in die düsteren Ecken einer gesellschaftlichen Psyche vordringen. Dann war ein schwarzes Ikea-Würfelregal mit seltsamen Nippes drin kein Funktionsgegenstand mehr, sondern nahm vielmehr die Gestalt eines archaischen Sockels an, auf dem sich ein ganzes konspiratives Bildprogramm erhob. In ihrer Installation „Das Reich“ etwa konnten ein ostalgisches Sandmännchen auf einem solchen Ikea-Regal oder ein gehörnter Helm, wie ihn der Qanon-Schamane Jake Angeli beim Sturm aufs Washingtoner Kapitol im Januar 2021 trug, in die verschrobelte Welterklärung der Reichsbürger regelrecht hineinfühlen lassen. Und als Henrike Naumann 2022 im Sculpture Center New York die wuchtig-eichenholzigen Kommoden und Tische eines federal style zur hohen Pyramide auftürmte, wurden die vornehmlich auf US-Flohmärkten zusammengesammelten Möbel zur Metapher einer einsturzgefährdeten Demokratie. Es sei beeindruckend gewesen, die USA durch ihre Augen zu sehen, sagte der damals zuständige Kurator Kyle Dancewicz, „voller Zeug, von sich selbst träumend, institutionell ein Wrack und in einer Sackgasse“.
Henrike Naumanns scharfer Blick dafür, wie sich anhand der banalen Dinge Verschwörungen und Gewalt in den Alltag einschleichen können, zeigte sich schon 2012 in ihrer Diplomarbeit „Triangular Stories“ für die Filmuniversität Babelsberg Konrad Wolf. Naumann wurde 1984 in Zwickau geboren und ist dort aufgewachsen, in jener sächsischen Stadt, von der aus das Trio des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU), Beate Zschäpe, Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos, unentdeckt hinter bürgerlicher Fassade seine rechtsterroristischen Morde planen konnte. In einem der zwei VHS-Filme von „Triangular Stories“ begibt sich Naumann in den Teenager-Alltag des NSU hinein. Eingebettet war das Video in einem Ausschnitt aus dem Set, in eine Rekonstruktion von Beate Zschäpes Jugendzimmer: Fake-Holzkommode für die Glotze, Mickey-Mouse-Pullover überm Stuhl und dazu schwarze stelenartige CD-Ständer oder spiralförmige Kerzenhalter. Jener billige Abklatsch eines postmodernen Möbeldesigns, wie er in den Neunzigerjahren die Privatwohnungen Ostdeutschlands flutete.
Das Filmset zum Kunstobjekt zu machen, Interieurs möglichst originalgetreu nachzubauen und damit in den intimsten und gleichsam politischen Bereich einer Gesellschaft vorzudringen, das war Naumanns besonderer Ansatz. Der brachte sie auf Ausstellungen von Chemnitz bis Frankfurt am Main, von Seoul über Kyiw bis Los Angeles. Die postmodernen Alltagsgegenstände tauchten da wie ein Leitmotiv immer wieder auf, sie machten einen Verdrängungsprozess im Ostdeutschland der Wendejahre spürbar, schließlich spielten sich neben ihren klamaukigen Designs auch die Baseballschlägerjahre ab.
In ihren späteren Arbeiten sollten sich die Räume immer mehr auflösen. Als sie mit dem „Museum of Trance“ während der documenta fifteen in Kassel gemeinsam mit dem Kunstkollektiv Atis Rezistans aus Haiti eine deutsche Rave-Kultur samt ihrer CD-Ständer zum pseudo-ethnografischen Sujet erklärte, da standen die Objekte nur noch wild und exotisiert herum, da war jede Ordnung aus den Angeln gehoben.
Henrike Naumann wurde eingeladen, auf der jetzt im Mai eröffnenden Venedig-Kunstbiennale gemeinsam mit Sung Tieu den deutschen Pavillon zu bespielen. Bis zum Schluss, so heißt es in ihrer Abschiedsbotschaft, habe sie für diese womöglich größte aller ihrer Ausstellungen noch die Möbel arrangiert. Zu spät hatte man bei ihr eine Krebserkrankung festgestellt. Henrike Naumann starb am 14. Februar 2026 im Alter von 42 Jahren, ein Tag nach dem ersten Geburtstag ihrer Tochter Nina. Nina, wie Nina Hagen.






