Die Ruhe vor dem Sturm
Ulrich Brinkmann reibt sich die Augen angesichts der Berliner Bau- und Planungsgegenwart
Text: Brinkmann, Ulrich, Berlin
Die Ruhe vor dem Sturm
Ulrich Brinkmann reibt sich die Augen angesichts der Berliner Bau- und Planungsgegenwart
Text: Brinkmann, Ulrich, Berlin
Zwei Architekten, beide in Berlin über Jahrzehnte im Wohnungsbau tätig, schlagen ein neues Stadtquartier am Rand des Tempelhofer Felds vor: Wohnungen für rund 50.000 Menschen, untergebracht nicht in Hochhäusern oder Großstrukturen, sondern in traditionellen, parzellierten Berliner Blöcken. Ein Plan, der aussieht wie aus dem „Groß-Berlin-Wettbewerb“ von 1910 abgepaust oder wie ein aus einer alten Lade gezogener Teil jener Planung, wie sie kurz vor dem Ersten Weltkrieg noch auf der Westseite des Tempelhofer Damms in Ansätzen realisiert wurde, bevor in den 20er Jahren die Bebauung in kleinstädtisch anmutendem Siedlungsmodell fortgeführt wurde. In der Mitte bliebe das Feld frei, für immer – ein Kompromiss, der die gegenwärtige Misere auf dem Wohnungsmarkt und den Wunsch nach Fortbestand der Freifläche kombiniert, im Wissen, dass ein Kompromiss niemals maximale Zufriedenheit auf allen Seiten erzielen kann. Der Entwurf von Hans Kollhoff und Tobias Nöfer wirkt so praktikabel, dass man sich fragt, warum so wenig Zustimmung zu vernehmen ist – haben etwa alle Angst davor, dass endlich ein Plan auf dem Tisch liegt, der umsetzbar erscheint und mithin Bewegung in die verhärtete Frontstellung kommen könnte? Mitnichten. Auch dieser Vorschlag sei komplett wirklichkeitsfern, so ist im Tagesspiegel seitens des Bezirksamts Tempelhof-Schöneberg zu lesen: Es existierten schließlich weder Wasser- noch Stromleitungen, es existierte auch keine verkehrliche Anbindung an den Tempelhofer Damm, es existierten keine Kitas und Schulen und auch keine Nahversorgungszentren, geschweige denn Grünflächen und Sportanlagen, weshalb ein Wohnen am Tempelhofer Feld niemandem zuzumuten sei – schon gar nicht dem Bezirksamt. Denn diese Infrastrukturen zu schaffen, sei gar nicht möglich; der Bezirk habe dafür keine Mittel und werde auch keine bekommen, nie und nimmer. So weit ist es gekommen, in Berlin: Nichts geht mehr, nicht mal ein ganz normales, von keinem entwurflichen Experiment getrübtes Stück Stadt. Und dieses Berlin will eine Internationale Bauausstellung ausrichten? Wie soll denn das, bitteschön, gelingen? Und vor allem: Was will man denn zu diesem Anlass der Welt vorzeigen?







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