Ausgeduscht!
Josepha Landes würde den Baudiskurs gern mit einer Autobatterie antreiben, um die Fragen der Zeit in der Realpolitik wiederzufinden.
Text: Landes, Josepha, Berlin
Ausgeduscht!
Josepha Landes würde den Baudiskurs gern mit einer Autobatterie antreiben, um die Fragen der Zeit in der Realpolitik wiederzufinden.
Text: Landes, Josepha, Berlin
Es murmelt mal wieder hinter meinem Duschvorhang. In Bauwelt 9.2023 hatte ich schon einmal von meiner stehen gebliebenen Badezimmeruhr erzählt. Damals waren die Zeiger auf halb neun verendet, keinerlei Zucken mehr. Nun fiel mir jüngst in der Badewanne auf, dass das Wasser zwar kühler wurde, die Sekunden und Minuten auf dem Ziffernblatt jedoch kaum verrannen. Die Uhr steht nicht still, doch sie läuft deutlich verlangsamt. Manchmal zittert die Zeit, manchmal ruht sie. In jedem Fall ist sie der Außenwelt hinterher. Schon in der Küche betritt man die Zukunft, die eigentlich Gegenwart ist.
Die Blase in meinem Badezimmer ähnelt der Blase derzeitiger Fachdebatten: Die Klimakrise ist längst nicht abgewehr, die Bauwende nicht vollzogen. Im Gesundheitswesen, bei Rentenfragen und vielem anderen ist das ähnlich. Medizinischer Fortschritt und Finanzierungsmodelle haben kaum mit den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen zu tun. Wie der kleine Zeiger verharren die Argumente, die ans Eingemachte gehen, die Komplexität tatsächlich widerspiegeln und wirklichen Fortschritt anstoßen könnten, vielmals an Ort und Stelle. Es tönt die immergleiche Gegenwehr: belehrende Hinweise auf die Wechselwirkungen mit den ganz großen Belangen der Weltwirtschaft oder die eher kleinen, dafür aber wahlrelevanten Interessen der Autofahrerinnen. Also tritt das Sinnfällige regelmäßig einen Schritt zurück für jeden, den es zuvor eventuell-vielleicht nach vorne ging.
Während in der Küche, die im Politischen mit Kriegen in Ost und West, mit Rechtsruck und Linken-Revival beschäftigt ist, die Dämpfe dicker werden, prangt auf dem Türschloss des Badezimmers das „besetzt“-Zeichen. Und keiner schaut nach, ob da möglicherweise einer ins Klo gefallen ist. Der Baudiskurs ähnelt einem Selbstgespräch. Draußen entscheiden andere über Wohnungs- und Baupolitik. Die gesamtdeutsche Badezimmeruhr tickt zu langsam! Diese Zeitschere ist ganz und gar nicht so gemütlich wie die Verspätung unterm heißen Strahl meiner Duschbrause. Ja, wenn ich ehrlich bin, ist nicht einmal die es: Eine halbe Stunde zu spät ist eigentlich auch zu spät für Kaffee, ich muss mich sputen. Ein Glück, dass dagegen schon eine einzige AA hilft. Und morgen werde ich pünktlich sein – noch lässt sich das Liegengebliebene aufarbeiten.






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