Bauwelt

Verantwortung übernehmen in unsicheren Zeiten

Nadin Heinich, Gründerin von Architecture Matters, über die Konferenz, die am 15. und 16. April in München stattfindet

Text: Friedrich, Jan, Berlin

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Foto: Heinrich Völkel

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Verantwortung übernehmen in unsicheren Zeiten

Nadin Heinich, Gründerin von Architecture Matters, über die Konferenz, die am 15. und 16. April in München stattfindet

Text: Friedrich, Jan, Berlin

Architecture Matters feiert zehnjähriges Jubiläum. Anlass für eine Rückschau?
Man hält inne – nicht nur, weil bei der Konferenz die Zehn steht, sondern auch, weil man selbst älter wird. Und man stellt fest: Die Branche ist erstaunlich langsam. Ich halte es weiterhin für richtig, unterschiedliche Seiten zusammenzubringen, so wie wir das seit 2016 machen. Aber ich sehe wenig Bewegung. Viele erkennen die Herausforderungen, auch dass der Berufsstand der Architekten an Einfluss verliert. Doch zu selten ist die Bereitschaft da, wirklich aufeinander zuzugehen, die eigene Komfortzone zu verlassen, gemeinsam Neues auszuprobieren.
Sie waren für die kommende Stadtbauwelt, die im Vorfeld der Konferenz erscheint, viel in Osteuropa unterwegs, zuletzt in der Ukraine. Hat das Ihren Blick verändert?
Ich war mehrmals in Odesa, u.a. vergangenen Dezember, während eines der seit Kriegsbeginn schwersten Angriffe Russlands auf die Stadt. Erst vor Ort habe ich verstanden, wie sehr sich dieser Krieg gegen die Zivilbevölkerung, gegen Kultur und Identität der Ukraine richtet. Dabei habe ich bei Weitem nicht das Schlimmste gesehen. Luftalarm ist vor allem im Winter so häufig, dass man ihn meist ignorieren muss, man kann nicht vier Jahre im Keller leben. Die meisten Menschen haben keinen Schutzraum, sie müssen einfach hoffen, dass die Luftabwehr so viele Drohnen wie möglich abschießt.
Wenn man nachts im Stadtzentrum die Luftabwehr hört, fragt man sich irgendwann: Warum greifen die Russen permanent eine Stadt an, in der vor allem Zivilisten leben? Die Antwort ist erschreckend einfach: weil sie es können, weil sie es wollen. Und weil niemand sie aufhält. Trotz unzähliger Sanktionspakete fliegen weiter Drohnen, voll mit westlichen Bauteilen, die nicht mehr direkt nach Russland, sondern über Umwege geliefert werden. Diese Realität ist schwer zusammenzubringen mit dem, was ich hier in Deutschland wahrnehme: die große Diskrepanz zwischen Reden und Handeln. Wir leben privilegiert – und unterschätzen die neue Unsicherheit.
Für mich war der Angriff Russlands auf die Ukraine eine Zäsur. Ich komme aus Leipzig, bin noch in dieser kleinen DDR geboren. Die Montagsdemonstrationen und der Mauerfall waren Teil meiner Jugend – ein Moment der Öffnung. Jetzt habe ich das Gefühl, die Welt bewegt sich rückwärts. Autoritäre Kräfte gewinnen an Einfluss. Das bleibt nicht ohne Folgen, auch für die Architektur. Die Fragen „Für wen bauen wir? Wer entscheidet?“ stellen sich neu.
Welche Rolle spielt Architecture Matters in diesem Kontext?
Die New Yorker Architektin Liz Diller ist dieses Jahr zu Gast. Sie sagt klar: Architekten dürfen nicht am Rand stehen, sie müssen „am Tisch sitzen“, Verantwortung im Zentrum übernehmen. Doch sobald man unbequeme Themen öffentlich diskutiert – etwa mit Entwicklern und Kapitalgebern –, wird schnell in einen simplen Konfrontationsmodus geschaltet, in dem es vor allem darum geht, die eigenen Vorurteile bestätigt zu sehen. Gerade Akteure der Stadtentwicklung mit Kapital und Einfluss könnten mehr zum Gemeinwohl beitragen. Natürlich geht es um Rendite – und es muss möglich sein, darüber offen zu sprechen. Aber es muss ebenso selbstverständlich um gesellschaftliche Verantwortung gehen.
Das Konferenzmotto lautet „How to Connect to an Uncertain Future?“. Was heißt das konkret?
Zunächst: Resilienz weiter zu denken. Nicht nur als Anpassung an den Klimawandel, sondern auch als Widerstandsfähigkeit gegenüber geopolitischen Bedrohungen. Wo sind unsere Städte am stärksten verwundbar? Was bedeutet der Schutz kritischer Infrastruktur für Planung und Stadtentwicklung? Reinier de Graaf etwa analysiert seit Jahren die ökonomischen und politischen Bedingungen des Bauens. Liz Diller steht für eine kulturelle Haltung, die auch in unsicheren Kontexten Verantwortung übernimmt. Carlo Ratti bringt die technologische Perspektive ein: Welche Rolle kann Technik spielen, um auf veränderte Bedingungen zu reagieren? Der Krieg in der Ukraine ist Ausdruck einer sich neu sortierenden Weltordnung – auch das transatlantische Verhältnis verändert sich gerade. Vor diesem Hintergrund müssen wir über Stadt, Architektur und Verantwortung sprechen. Und darüber, wie wir aus der eigenen Blase heraustreten.

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