Losgelöst von der Vergangenheit
Die Südtirolersiedlung in Bregenz, eine von über 130 in Österreich, wird trotz Protesten weitgehend abgerissen und durch ein neues Quartier ersetzt. Der Siegerentwurf greift immerhin typologische Elemente des Bestandes gekonnt auf.
Text: Nowotny, Maik, Wien
Losgelöst von der Vergangenheit
Die Südtirolersiedlung in Bregenz, eine von über 130 in Österreich, wird trotz Protesten weitgehend abgerissen und durch ein neues Quartier ersetzt. Der Siegerentwurf greift immerhin typologische Elemente des Bestandes gekonnt auf.
Text: Nowotny, Maik, Wien
Es gibt sie an 130 Orten in ganz Österreich, und doch wurde bis vor wenigen Jahren kaum über sie geredet: Die Südtirolersiedlungen, errichtet während der NS-Zeit für Auswanderer aus Südtirol in Folge des Optionsabkommens von 1939 zwischen dem Deutschen Reich und Italien. 75.000 der sogenannten Optanten fanden hier eine neue Heimat, in der sie allerdings von der einheimischen Bevölkerung eher kühl empfangen wurden. Jene, die nach dem Krieg nach Südtirol zurückkehrten, galten dort als Abtrünnige – sie waren mehrfach heimatlos. Dabei versuchten die von deutschen NS-Architekten geplanten Siedlungen eben gerade diese Zugehörigkeit zu signalisieren, entweder im „deutschen“ Stil der neuen oder in einer Imitation der alten Heimat, mit Versatzstücken Südtiroler Bautraditionen.
Heute sind manche dieser Siedlungen denkmalgeschützt, doch eine Gesamtbetrachtung fehlte bisher. 2024 schließlich arbeitete das Kuratorium für technische Kulturgüter aus Bozen und Innsbruck für das umfangreiche Standardwerk „Südtiroler Siedlungen – Condominium in mind“ den umfassenden Fundus aus Plänen und Fotos auf, im April 2026 lancierte das Kuratorium die Website suedtirolersiedlungen.eu.
Motiviert sind diese Bemühungen vom Wunsch nach Erhalt der Siedlungen. Denn einige der Siedlungen wurden in den letzten Jahren abgerissen, oft unter Protest wie in St. Johann in Tirol oder in der Kanaltalersiedlung in Villach. Viele von ihnen verfügen über große, grüne Höfe, die Bausubstanz ist jedoch oft weniger solide als sie scheint, die Wohnungen nicht barrierefrei, das Heizsystem energetisch veraltet. Für manche Gemeinden dürfte auch die historische „Kontaminierung“ dazu beitragen, sich mit einem Abriss einer ernsthaften architektonischen Vergangenheitsbewältigung zu entledigen.
Burgartig
In Bludenz in Vorarlberg leisteten sich Gemeinde und Bauträger 2023 ein Forschungsprojekt zur Sanierung der dortigen Siedlung mit dem Vorarlberger Energieinstitut und Johannes Kaufmann Architekten. Sie erwies sich jedoch als vorerst zu teuer. In Bregenz beschloss die Gemeinde 2023 einen Masterplan, der den weitgehenden Abriss einer der beiden Südtirolersiedlungen vorsah, die von der landeseigenen VOGEWOSI verwaltet werden. Die nicht denkmalgeschützte Anlage ist mit ihren Torbögen, Erkern und Fachwerk-Applikationen eher burgartig-teutonisch, mit dem Karree des Südtiroler Platzes als Zentrum. Ein schonender Umbau mit Lift, Balkonen Schallschutz und thermischer Sanierung sei technisch und wirtschaftlich nicht realisierbar. Auch hier regte sich Protest, eine Bürgerinitiative und ein Verein für den Erhalt wurden gegründet, auch die Architektenschaft schaltete sich ein, mit Hinweisen auf die Graue Energie der Bausubstanz, die man heute bei der CO2-Bilanz nicht ignorieren dürfe.
Abbruch
Der von der VOGEWOSI ausgeschriebene, geladene und einstufige städtebauliche Ideenwettbewerb sah den Abbruch von rund 200 Wohnungen in 42 Gebäuden und die Neuerrichtung von 320 Wohnungen vor. Nur der Südtirolerplatz mit dem Torbogen als städtebauliches Element sollte erhalten bleiben.
Insgesamt wurden zehn Projekte eingereicht, drei Teams sträubten sich gegen den Masterplan und versuchten, den Bestand weitgehend zu erhalten und durch punktuelle Neubauten zu verdichten. Keines dieser Projekte wurde bei der Preisgerichtssitzung im März ausgezeichnet, stattdessen gewann der Entwurf von Büro 03 Arch. aus München, der immerhin die Bestandstypologie der weit aufgespannten Höfe weiterentwickelte.
„Das Siegerprojekt übernimmt nicht die äußere Form des Bestands, sondern dessen räumliche Prinzipien – keine starre Geometrie, sondern ein fein abgestimmtes Gefüge mit eigenständigen Situationen und Blickbeziehungen“, so der Jury-Vorsitzende Hans Gangoly. Ein gut ausdifferenziertes neues Wohnquartier, zweifellos. Eine ernsthafte historische, kulturelle und städtebauliche Auseinandersetzung mit dem Erbe der Südtirolersiedlung blieb in Bregenz jedoch aus. Eine echte Bilanz der Gesamtenergie ebenso.







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