Bauwelt

Losgelöst von der Vergangenheit

Die Südtirolersiedlung in Bregenz, eine von über 130 in Österreich, wird trotz Protesten weitgehend abgerissen und durch ein neues Quartier ersetzt. Der Siegerentwurf greift immerhin typologische Elemente des Bestandes gekonnt auf.

Text: Nowotny, Maik, Wien

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    Noch nicht abgerissen: Die Südtirolersiedlung in Bregenz.
    Foto: Oliver Jaist, Kurato­­ri­um Technische Kultur­güter

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    Noch nicht abgerissen: Die Südtirolersiedlung in Bregenz.

    Foto: Oliver Jaist, Kurato­­ri­um Technische Kultur­güter

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    1. Preis Der Siegerentwurf setzt die ländlich-klösterliche Hoftypologie des Bestands fort und ergänzt den Südtirolerplatz entlang der Achgasse um einen Südtirolerhof und einen Südtirolergarten. So entstehen offene und geschlossene, gut definierte und zonierte Außenräume und eine Straßenkante im Norden.

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    1. Preis Der Siegerentwurf setzt die ländlich-klösterliche Hoftypologie des Bestands fort und ergänzt den Südtirolerplatz entlang der Achgasse um einen Südtirolerhof und einen Südtirolergarten. So entstehen offene und geschlossene, gut definierte und zonierte Außenräume und eine Straßenkante im Norden.

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    Im Zentrum des neuen Quartiers wird ein Teil des Torbogenhauses erhalten, um die historische Blickachse zu erhalten.

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    Im Zentrum des neuen Quartiers wird ein Teil des Torbogenhauses erhalten, um die historische Blickachse zu erhalten.

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    Eine Referenz auf Elemente der Südtirolersiedlungen ohne „allfällige ungute Assoziationen zum historischen Kontext“ (Zitat Jury).

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    Eine Referenz auf Elemente der Südtirolersiedlungen ohne „allfällige ungute Assoziationen zum historischen Kontext“ (Zitat Jury).

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    Die Torbögen am Südtiroler Platz werden saniert, alle 42 Wohngebäude der Siedlung hingegen abgerissen.

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    Die Torbögen am Südtiroler Platz werden saniert, alle 42 Wohngebäude der Siedlung hingegen abgerissen.

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    2. Preis Eine Mischung von Typologien in einer patchworkartigen Bebauung, mit elfgeschossigen Turmbauten an der Straßenkante. Dafür wurde die historische Achse der Achgasse aufgegeben, was zu einer gewissen Unschärfe von räumlichen Fassungen und einer Vermischung von privaten, halböffentlichen und öffentlichen Freiräumen führt. Die Formgebung war laut Jury „wenig ortsspezifisch und austauschbar“, das Verhältnis zwischen dem bestehenden Südtirolerplatz und dem vorgeschlagenen neuen Zentrumsplatz bleibe unklar.

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    2. Preis Eine Mischung von Typologien in einer patchworkartigen Bebauung, mit elfgeschossigen Turmbauten an der Straßenkante. Dafür wurde die historische Achse der Achgasse aufgegeben, was zu einer gewissen Unschärfe von räumlichen Fassungen und einer Vermischung von privaten, halböffentlichen und öffentlichen Freiräumen führt. Die Formgebung war laut Jury „wenig ortsspezifisch und austauschbar“, das Verhältnis zwischen dem bestehenden Südtirolerplatz und dem vorgeschlagenen neuen Zentrumsplatz bleibe unklar.

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    3. Preis Ein Entwurf, der etwas an den Siedlungsbau der frühen 1960er Jahre erinnert. Sechs vier- bis sechsgeschossige Baukörper bilden zwei prägende Hofräume, eine klare Großmaßstäblichkeit, die sich als Referenz an den Bestand lesen lässt. Für die Jury jedoch in der Gesamtheit zu massig, homogen und streng – und auch zu wenig adaptiv. „Ein langfristiges Entwicklungspotenzial sowie eine flexible, zukunftsfähige Transformierbarkeit werden vermisst“. Der Entwurf gliedert die Freiräume in drei gleichwertige, den Wohngebäuden zugeordnete Höfe.

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    3. Preis Ein Entwurf, der etwas an den Siedlungsbau der frühen 1960er Jahre erinnert. Sechs vier- bis sechsgeschossige Baukörper bilden zwei prägende Hofräume, eine klare Großmaßstäblichkeit, die sich als Referenz an den Bestand lesen lässt. Für die Jury jedoch in der Gesamtheit zu massig, homogen und streng – und auch zu wenig adaptiv. „Ein langfristiges Entwicklungspotenzial sowie eine flexible, zukunftsfähige Transformierbarkeit werden vermisst“. Der Entwurf gliedert die Freiräume in drei gleichwertige, den Wohngebäuden zugeordnete Höfe.

Losgelöst von der Vergangenheit

Die Südtirolersiedlung in Bregenz, eine von über 130 in Österreich, wird trotz Protesten weitgehend abgerissen und durch ein neues Quartier ersetzt. Der Siegerentwurf greift immerhin typologische Elemente des Bestandes gekonnt auf.

Text: Nowotny, Maik, Wien

Es gibt sie an 130 Orten in ganz Österreich, und doch wurde bis vor wenigen Jahren kaum über sie geredet: Die Südtirolersiedlungen, errichtet während der NS-Zeit für Auswanderer aus Südtirol in Folge des Optionsabkommens von 1939 zwischen dem Deutschen Reich und Italien. 75.000 der sogenannten Optanten fanden hier eine neue Heimat, in der sie allerdings von der einheimischen Bevölkerung eher kühl empfangen wurden. Jene, die nach dem Krieg nach Südtirol zurückkehrten, galten dort als Abtrünnige – sie waren mehrfach heimatlos. Dabei versuchten die von deutschen NS-Architekten geplanten Siedlungen eben gerade diese Zugehörigkeit zu signalisieren, entweder im „deutschen“ Stil der neuen oder in einer Imitation der alten Heimat, mit Versatzstücken Südtiroler Bautraditionen.
Heute sind manche dieser Siedlungen denkmalgeschützt, doch eine Gesamtbetrachtung fehlte bisher. 2024 schließlich arbeitete das Kuratorium für technische Kulturgüter aus Bozen und Innsbruck für das umfangreiche Standardwerk „Südtiroler Siedlungen – Condominium in mind“ den umfassenden Fundus aus Plänen und Fotos auf, im April 2026 lancierte das Kuratorium die Website suedtirolersiedlungen.eu.
Motiviert sind diese Bemühungen vom Wunsch nach Erhalt der Siedlungen. Denn einige der Siedlungen wurden in den letzten Jahren abgerissen, oft unter Protest wie in St. Johann in Tirol oder in der Kanaltalersiedlung in Villach. Viele von ihnen verfügen über große, grüne Höfe, die Bausubstanz ist jedoch oft weniger solide als sie scheint, die Wohnungen nicht barrierefrei, das Heizsystem energetisch veraltet. Für manche Gemeinden dürfte auch die historische „Kontaminierung“ dazu beitragen, sich mit einem Abriss einer ernsthaften architektonischen Vergangenheitsbewältigung zu entledigen.
Burgartig
In Bludenz in Vorarlberg leisteten sich Gemeinde und Bauträger 2023 ein Forschungsprojekt zur Sanierung der dortigen Siedlung mit dem Vorarlberger Energieinstitut und Johannes Kaufmann Architekten. Sie erwies sich jedoch als vorerst zu teuer. In Bregenz beschloss die Gemeinde 2023 einen Masterplan, der den weitgehenden Abriss einer der beiden Südtirolersiedlungen vorsah, die von der landeseigenen VOGEWOSI verwaltet werden. Die nicht denkmalgeschützte Anlage ist mit ihren Torbögen, Erkern und Fachwerk-Applikationen eher burgartig-teutonisch, mit dem Karree des Südtiroler Platzes als Zentrum. Ein schonender Umbau mit Lift, Balkonen Schallschutz und thermischer Sanierung sei technisch und wirtschaftlich nicht realisierbar. Auch hier regte sich Protest, eine Bürgerinitiative und ein Verein für den Erhalt wurden gegründet, auch die Architektenschaft schaltete sich ein, mit Hinweisen auf die Graue Energie der Bausubstanz, die man heute bei der CO2-Bilanz nicht ignorieren dürfe.
Abbruch
Der von der VOGEWOSI ausgeschriebene, geladene und einstufige städtebauliche Ideenwettbewerb sah den Abbruch von rund 200 Wohnungen in 42 Gebäuden und die Neuerrichtung von 320 Wohnungen vor. Nur der Südtirolerplatz mit dem Torbogen als städtebauliches Element sollte erhalten bleiben.
Insgesamt wurden zehn Projekte eingereicht, drei Teams sträubten sich gegen den Masterplan und versuchten, den Bestand weitgehend zu erhalten und durch punktuelle Neubauten zu verdichten. Keines dieser Projekte wurde bei der Preisgerichtssitzung im März ausgezeichnet, stattdessen gewann der Entwurf von Büro 03 Arch. aus München, der immerhin die Bestands­typologie der weit aufgespannten Höfe weiterentwickelte.
„Das Siegerprojekt übernimmt nicht die äußere Form des Bestands, sondern dessen räumliche Prinzipien – keine starre Geometrie, sondern ein fein abgestimmtes Gefüge mit eigenständigen Situationen und Blickbeziehungen“, so der Jury-Vorsitzende Hans Gangoly. Ein gut ausdifferenziertes neues Wohnquartier, zweifellos. Eine ernsthafte historische, kulturelle und städtebauliche Auseinandersetzung mit dem Erbe der Südtirolersiedlung blieb in Bregenz jedoch aus. Eine echte Bilanz der Gesamtenergie ebenso.

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