Gebaute Gemeinschaften
Die James-Simon-Galerie in Berlin gibt Einblicke in das Leben vor 12.000 Jahren anhand aktueller Erkenntnisse aus der Türkei
Text: Hölzel, Christopher, Berlin
Gebaute Gemeinschaften
Die James-Simon-Galerie in Berlin gibt Einblicke in das Leben vor 12.000 Jahren anhand aktueller Erkenntnisse aus der Türkei
Text: Hölzel, Christopher, Berlin
2000 Jahre vor den ersten Dörfern, 6000 Jahre vor den ersten Tempeln, 7000 Jahre vor den Pyramiden von Gizeh und dem Steinkreis von Stonehenge sowie 10.000 Jahre vor der Erbauung des Kolosseums in Rom errichteten Menschen in Südostanatolien erste Bauwerke von außergewöhnlichem Ausmaß: In Göbekli Tepe entstanden mit in den Berg eingelassenen Rundgebäuden und bis zu sechs Meter hohen, T-förmigen Kalksteinpfeilern die frühesten monumentalen Steinarchitekturen der Menschheit.
Die Ausstellung „Gebaute Gemeinschaft. Göbekli Tepe, Taş Tepeler und das Leben vor 12.000 Jahren“ des Vorderasiatischen Museums widmet sich dieser spannenden Phase der Geschichte. In Kooperation mit der Universität Instanbul und dem Archäologischen Museum Şanlıurfa, das nahezu alle der rund hundert präsentierten Objekte als Ausleihe zur Verfügung stellt, wird in einer den frühneolithischen Orten nachempfunden Ausstellungsarchitektur das Leben der damaligen Gesellschaften rekonstruiert.
In der Berliner James-Simon-Galerie werden archäologische Funde präsentiert, die erstmals außerhalb der Türkei zu sehen sind. Die Objekte veranschaulichen tiefgreifende gesellschaftliche Umbrüche, die sich nach dem Ende der letzten Eiszeit im Südosten der heutigen Türkei vollzogen. Besonders beeindruckend sind teils überlebensgroße Statuen von Menschen und bedrohlich wirkenden Wildtieren, die damalige Vorstellungs- und Bildwelten vermitteln.
Was die Gemeinschaften in Südostanatolien vor 12.000 Jahren zum Bau monumentaler Gebäude und der Entwicklung der kunstvoll angefertigten Statuen bewegte, ist bis heute Gegenstand einer breit geführten fachlichen Debatte. Klimadaten zeigen, dass sich das Wetter zeitgleich erwärmte und feuchter wurde. Die Forschung geht davon aus, dass sich die Menschen an veränderte Umweltbedingungen anpassten.
Ebenso spannend wie die Frage nach den Ursachen ist jedoch, welche Wirkung die neuen Architekturen auf die Menschen selbst hatten und wie sie das neue Leben in Gemeinschaft prägten. Vieles spricht dafür, dass sich Menschen in und um diese Bauten regelmäßig zu großen Zusammenkünften versammelten, bevor sie zur mobilen Lebensweise von Jäger-und-Sammler-Gemeinschaften zurückkehrten. Diese Deutungen sowie die möglichen Gründe für das Verlassen der großen Rundgebäude mit den T-Pfeilern vor etwa 10.000 Jahren werden in der Fachwelt intensiv diskutiert.
Das Gebiet um Şanlıurfa ist seit der Entdeckung des Göbekli Tepe im Jahr 1995 zu einem Schlüsselgebiet der Neolithikumsforschung geworden. Diese Funde stellten die gängigen Narrative der Sesshaftwerdung grundlegend infrage, da die Bauwerke der Domestizierung von Pflanzen und Tieren sowie festen Siedlungen zeitlich vorausgingen. Lange als singulär betrachtet, erweist sich Göbekli Tepe heute als Teil einer ganzen Fundlandschaft. In seiner Umgebung wurden zahlreiche zeitgleiche Stätten mit ähnlichen architektonischen Merkmalen entdeckt. Die Ergebnisse des internationalen Forschungsprojekts Taş Tepeler (Steinhügel), in dem viele verschiedene Fundorte ausgegraben werden, sind zum ersten Mal dem Museumspublikum zugänglich.
Gebaute Gemeinschaft macht deutlich, dass der Weg der Menschheit zur Sesshaftigkeit kein linearer Fortschrittsprozess war. Vielmehr handelte es sich um einen fragilen, von Brüchen und Umwegen geprägten Übergang, in dem Phasen der Sesshaftigkeit ebenso möglich waren wie die Rückkehr zur Mobilität. Die Sonderausstellung macht einen Prozess sichtbar, in dem Menschen begannen, ihr Weltbild dauerhaft in Gebäuden und Kunstwerken einzuschreiben. Damit wurde ein zentraler Entwicklungsschritt lange vor Städten, Religionen und ausgeprägten sozialen Hierarchien für die Ewigkeit festgehalten.







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