Die ganze Stadt

Im Spannungsfeld von Zentrum und Peripherie – der Bauwelt Kongress 2019 am 5. und 6. Dezember in Berlin

Text: Flagner, Beatrix, Berlin; Klingbeil, Kirsten, Berlin

    Wie lässt sich die Stadt – in ihrer Gänze – wieder ins Gleichgewicht bringen? Eine der Fragen, die es auf dem Kongress zu disku­tieren geben wird. Fotografisch eingefangen hat Séverin Malaud sie in seiner Serie „Bruxelles Dilution“.

    Wie lässt sich die Stadt – in ihrer Gänze – wieder ins Gleichgewicht bringen? Eine der Fragen, die es auf dem Kongress zu disku­tieren geben wird. Fotografisch eingefangen hat Séverin Malaud sie in seiner Serie „Bruxelles Dilution“.

    Philipp Rode

    Philipp Rode

    Angelika Fitz

    Angelika Fitz

    Hedwig Fijen

    Hedwig Fijen

    Mike Josef

    Mike Josef

    Andreas Hofer
    Foto: Franzika Kraufmann

    Andreas Hofer

    Foto: Franzika Kraufmann

    Regula Lüscher
    Foto: Rico Prauss

    Regula Lüscher

    Foto: Rico Prauss

    Ila Bêka + Louise Lemoine

    Ila Bêka + Louise Lemoine

    Martin Rein-Cano
    Foto: Hanns Joosten

    Martin Rein-Cano

    Foto: Hanns Joosten

    Franz-Josef Höing

    Franz-Josef Höing

    Barbara Steiner
    Foto: Universalmuseum Joanneum / J.J. Kucek

    Barbara Steiner

    Foto: Universalmuseum Joanneum / J.J. Kucek

    Maarten Gielen

    Maarten Gielen

    Bernd Vlay + Lina Streeruwitz
    Foto: vist

    Bernd Vlay + Lina Streeruwitz

    Foto: vist

    Christoph Mäckler
    Foto: Thorsten Jansen

    Christoph Mäckler

    Foto: Thorsten Jansen

    Andreas Garkisch
    Foto: Albrecht Fuchs

    Andreas Garkisch

    Foto: Albrecht Fuchs

    Dan Stubbergaard
    Foto: Nikolai Linares

    Dan Stubbergaard

    Foto: Nikolai Linares

    Andreas Hild

    Andreas Hild

Die ganze Stadt

Im Spannungsfeld von Zentrum und Peripherie – der Bauwelt Kongress 2019 am 5. und 6. Dezember in Berlin

Text: Flagner, Beatrix, Berlin; Klingbeil, Kirsten, Berlin

Am 5. und 6. Dezember lädt die Bauwelt zu ihrem sechsten Kongress in die Akademie der Künste am Hanseatenweg in Berlin ein. 16 internatio­na­le Referenten aus Architektur, Kunst, Stadt- und Landschaftsplanung, Po­­litik, Forschung und Industrie debattieren gemeinsam, mit welchen Stra­tegien, Lösungen und Ideen den Herausforderungen der ganzen Stadt zu begegnen ist. Denn die europäische Stadt zerfällt – in arm und reich, durchgeplant und planlos, angeschlossen und abgehängt. Es stellt sich die Frage: Kann es der Architektur und Stadtplanung gelingen, die Fragmente neu zusammenzufügen? Auf den folgenden Seiten stellen wir die Referenten vor. Das Programm können Sie online einsehen und sich anmelden: kongress.bauwelt.de. In diesem Jahr eröffnet Matthias Sauerbruch, der Direktor der Sektion Baukunst der Akademie der Künste, am Donnerstag um 15.30 Uhr den Bauwelt-Kongress.
Philipp Rode
ist Direktor des Zentrums LSE Cities und des Urban-Age-Programms an der London School of Economics and Political Science. Der Schwerpunkt seiner aktuellen Arbeit liegt auf den institutionellen Strukturen von Städten, nachhaltiger Stadtentwicklung und Mobilität.
Sein Vortragstitel lautet Städte im urbanen Zeitalter: Die Grenzen der Steuerung komplexer Abhängigkeiten. Städte sind keine isolierten Inseln konzentrierter mensch­licher Aktivitäten. Sie sind voneinander abhängige Systeme, die untrennbar mit ihrem lokalen und globalen Hinterland verbunden sind. Gleichzeitig jedoch wird die Stadt häufig mit den Vorteilen lokalen und kontextuellen kollektiven Handelns assoziiert. Diese Spannungen gilt es hervorzuheben. Zum Beispiel im Rahmen des globalen Klimanotfalls und des städtischen Klimaschutzes, oder bei der Koordinierung von Stadtentwicklung über die Kernstadt hinaus sowie bezüglich der Chancen und unbeabsichtigten Folgen neuer Verkehrstechno­logien und Mobilitätslösungen. Sein Vortrag wird diese Spannungen als Teil der umfassenderen Dynamik der globalen Urbanisierung und des Stadtwandels positionieren, wo­-bei ein besonderer Schwerpunkt auf der europäischen Stadtentwicklung liegt.
Angelika Fitz
ist seit 2017 Direktorin des Architekturzentrums Wien. Zuvor war sie international als Kuratorin tätig.
In ihrem Vortrag Critical Care: Plädoyer für eine Stadt des Sorge­tragens spricht sie über Anthropozän bzw. Kapitalozän und wie die­se unsere Städte verändert und den Planeten in die Klimakrise geführt haben. Auch die Architektur und der Urbanismus sind in die ökologischen und sozialen Krisen verstrickt. Stadtentwicklung wird aus einer radikalen Care Perspektive betrachtet, internationale Case Studies beweisen, dass sich Stadtentwicklung nicht der Ausbeutung von Ressourcen unterwerfen muss. Sorgetragen ist möglich, sei es für den öffentlichen Raum, für das Menschenrecht auf Wohnen, für Wasser und Boden, für die reparaturbedürftige Moderne oder für lokale Produktion. Es erfordert neue Schnittstellen zwischen Bottom-up und Top-down sowie neue Allianzen zwischen Planung und anderen Wissenssorten – für eine Stadt des Sorgetragens, welche die Beziehungen zwischen Ökonomie, Ökologie und Arbeit neu bestimmt.
Hedwig Fijen
ist Gründungsdirektorin der Manifesta. Unter ihrer Leitung hat sich die Europäische Biennale für zeitgenössische Kunst zu einer der drei wichtigsten Kunstgroßveranstaltungen in Europa entwickelt. Derzeit bereitet sie die Manifesta 13 vor, die 2020 von der Stadt Marseille ausgerichtet wird sowie die Manifesta 14, 2022 in Pristina.
From Signals into Substance – neue Modelle für das Miteinander in den Manifesta-Städten
lautet der Titel ihres Vortrages, in dem sie auf die Herausforderungen bei der letzten Manifesta in Palermo eingeht: der Auftrag, dass die Manifesta als Instrument für die Bürger von Palermo dienen soll, durch das sie ihre Stadt zurückerobern können. Die Frage nach der Identität der Manifesta war in diesem Kon­-text besonders dringend. Sie erforderte eine neue Herangehenswei­-se an den urbanen Kontext der Nomadenbiennale, die alle zwei Jahre von einer Stadt zur nächsten reist. Die Manifesta hat sich von einer monodisziplinären, kuratierten Ausstellung visueller Künste zu einer interdisziplinären, vermittelnden, wissens- und forschungsproduzierenden Biennale transformiert, die über menschenzentrierte Sichtweisen auf Kunst und Kultur hinaus zu ökologischen Perspektiven führt. Anstelle von künstlichen Interventionen entwickelte sie sich zu einem inklusiveren, pragmatischeren und nachhaltigeren Format, das vorübergehende Signale ins Substanzielle umwandelt.
Mike Josef
ist seit Mitte 2016 Dezernent für Planen und Wohnen der Stadt Frankfurt am Main.
In seinem Vortrag Wachstum gestalten in Frankfurt am Main: Planen und Bauen zwischen Bürgern, Politik und Immobilienwirtschaft berichtet er über die wachsende Großstadt, die als „global city“ durch Internationalität und Banken geprägt ist. Die Stadt und ihre Teile für alle Bürger bezahlbar und lebenswert weiter zu entwickeln ist ein Kernanliegen von Stadtplanung und Politik. Dabei ist folgender Rahmen relevant: 1. Historisch durch kleinteiliges Eigentum geprägt, sind Grund und Boden in Frankfurt mehrheitlich nicht in der Hand der Kommune.
2. Vor dem Hintergrund von Wohnungsmangel, Baulandknappheit und günstigen Zinsen gehört Immobilienentwicklung zu den interessantesten Wirtschaftssegmenten des lokalen Marktes. 3. Architektenschaft, Bürgerinitiativen, Politiker und Verwaltung haben unterschiedliche Prioritäten und ihre jeweils eigene Sicht der Dinge. Der Planungsdezernent bewegt sich inmitten dieser Konstellationen. Der Vortrag beleuchtet diese schwierige Rolle und zeigt anhand von Beispielen Möglichkeiten und Grenzen qualitätvoller Stadtentwicklung in diesem Kontext auf.
Andreas Hofer
ist seit Anfang 2018 Intendant der Internationalen Bauausstellung 2027 StadtRegion Stuttgart (IBA’27).
In seinem Vortrag Eine interna­tionale Bauausstellung als Übungsfeld für die Stadt von Morgen spricht er darüber, wie Internationale Bauausstellungen in Deutschland in den letzten hundert Jahren die Bruch- und Wendepunkte der gesellschaftlichen – und in der Folge städtebaulichen – Entwicklung begleitet haben. Die Bauausstellung verbindet die Kraft des Gebauten mit dem Anspruch, exemplarisch Zukunft zu zeigen. Wenn die Region Stuttgart zum 100-jährigen Jubiläum des Weissenhofs wieder eine Bauausstellung ausrichtet, stellt sie sichder Diskussion über eine heroische Moderne und ihren Folgen. Die Diskussion zeigt, dass Ort, Zeitpunkt und Thema gut gewählt sind, die Fragen so bedeutungsvoll und existen­tiell sind, dass nur ein Ausbruch aus dem Gewöhnlichen die dringenden Schritte ermöglicht. Es gilt, das Siedeln in eine postfossile Zukunft zu führen. Dies setzt ein Neudenken von Wohnen, Arbeiten und Mobilität voraus. Die im industriellen Kontext geschaffenen baurechtlichen Rahmenbedingungen werden kaum eine Hilfe sein, es gilt mit der Bauausstellung Freiräume zu schaffen.
Regula Lüscher
ist seit 2017 Berliner Senatsbau­direktorin und Staatssekretärin für Stadtentwicklung in der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Wohnen.
Stadt machen! Qualität der Pro­­zesse – neue Formen des Planens und der Beteiligung
fordert Regu­-
la Lüscher mit ihrem Vortrag. Denn in Berlin wird derzeit so viel gebaut,wie seit 20 Jahren nicht mehr. Der Neubau bringt Veränderungen für das Umfeld und die Stadt mit sich. Wie kann der Weiterbau der Stadt behutsam und zum Wohl aller beitragen? Gemeinwohlorientierung, Nachbarschaft und Nutzungsvielfalt ist keine alleinige Aufgabe von Politik und Verwaltung. Sie kann nur gelingen, wenn vielseitige Akteure als professionelle Partner einbezogen werden und wenn die Menschen dazu aktiviert werden, sicheinzubringen. Die neue Form des Stadt Machens etabliert dafür neue Formen von Prozessen und Instrumenten. Stadt im Dialog und verbindlich machen, in Kooperation mit den Anwohnern. Stadt in Koopera­tion mit Initiativen und Behörden machen, mit der Region, in Koopera­tionen mit öffentlichen und privaten Akteuren mit dem Ziel einer solida­rischen, nachhaltigen und innovativen Stadtentwicklung. Das bedeu­-tet Stadtentwicklung in Aushandlungsprozessen und auf Augenhöhe, damit diese große Vision gelingt.
Ila Bêka + Louise Lemoine
Die Filmemacher konzentrieren ihre Forschung auf das Experimentieren mit neuen narrativen und kinematographischen Formen in Bezug auf zeitgenössische Architektur und das städtische Umfeld. Ihre Filme werden auf Festivals und in Muse­en präsentiert. 2016 wurde ihr Gesamtwerk vom MoMA in New York für seine Sammlung erworben.
Louise Lemoine präsentiert in ihrem Vortrag The Experience of Space mit einer Reihe von Filmausschnitten ihre Arbeitsweise und Werke: von ihren ersten bekannten Filmen, die die tägliche Intimität innerhalb zeitgenössischer ikonischer Gebäude aufzeigen bis hin zur laufenden, bereits 9-teiligen Filmserie „Homo Urbanus“, die den seltsamen Zustand der Stadtbewohner auf der ganzen Welt beobachtet. Sie wird über ihre radikale Position gegenüber bekannten Herangehensweisen zur Darstellung in der Architektur sprechen, und dabei auf ihre Arbeitsmethoden als Filmemacher und unabhängige Produzenten eingehen.
Martin Rein-Cano
gründete 1996 das Büro Topotek 1. Mit seinem Büro bearbeitet er eine Bandbreite von nationalen und internationalen Projekten und hat eine Vielzahl von Wettbewerben gewonnen. Er hat als Gastprofessor in
Europa und Nordamerika gelehrt.
Als Creative Director und Grün­-der von Topotek 1 bewegt sich Martin Rein-Cano zwischen verschiedenen Disziplinen – Landschaftsarchitektur, Architektur und Städtebau. Bei der Gestaltung urbaner Räume, der Bearbeitung von städtebaulichen Themen sowie Gebäuden sammelte er weltweit verschiedenste Eindrücke. In seinem Vortrag Offenheit und Multiplikation – Prinzipien einer aktiven Gestaltung stellt er die Produktivität von Konflikten und die Rolle dialektischen Denkens und offener Konzepte zur Diskussion. Zentrale Themen sind additive und multiplikatorische gestalterische Prinzipien, die neue Anregungen zur Integration von Peripherien geben.
Franz-Josef Höing
ist seit November 2017 Oberbaudirektor in der Behörde für Stadtentwicklung und Wohnen der Frei­en und Hansestadt Hamburg.
In seinem Vortrag Die Boule­vards von morgen? Erkenntnisse aus dem Internationalen Bauforum 2019 | Magistralen in Hamburg spricht er über die Ausfallstraßen Hamburgs.Mehr als 20.000 Menschen kommen jährlich neu in die Hafenstadt. Neben Stadtentwicklungsprojekten wie der Hafen-City, Mitte Altona oder Oberbillwerder bleibt eine 100 Jahre alte Stadtstruktur für das Wachstum tragend: der Federplan von Fritz Schumacher. Die Stadt entwickelt sich im Zen­trum und entlang der großen Erschließungsstraßen, dazwischen bleibt Raum für Natur und Landschaft. Sie sind das urbane Rückgrat und spielen mit ihrer Vielfalt
an Nutzungen eine große Rolle. Allein an den sieben für das 7. Bau­forum ausgewählten „Ausfallstraßen“ wohnen über 130.000 Menschen. Lange wurden diese Orte nicht mehr als Ganzes gedacht. Architekten, Stadtplaner, Verkehrsplaner, Freiraumplaner, Soziolo­-gen und Querdenker haben während des Bauforums „Drehbücher“ für die 8 bis 20 Kilometer langen Stadträume entwickelt. Franz-Josef Höing zeigt mit ausgewählten Ideen, dass an diesen Straßen die Stadtentwicklungsthemen der nächsten 20 bis 30 Jahre liegen.
Barbara Steiner
ist Kuratorin, Autorin und Herausgeberin. Sie leitet das Kunsthaus Graz. Neben Monografien zeitgenössischer Künstler publizierte sie Bücher zum Verhältnis von Architektur, Design und Kunst.
Unter der Überschrift Vermeidung, Verdrängung – Konflikt widmet sie sich in ihrem Vortrag parti­zipatorischen Projekten im öffentlichen Raum, bei denen Konflikte selbst als konstitutiv angesehen werden. Seit den 1960er Jahren nimmt das Interesse an partizipatorischen Projekten von Seiten der Künstler, Architekten und Planer zu, nicht zuletzt als Reaktion auf die soziale Fragmentierung von Gesellschaften und auf eine tiefgreifende Ökonomisierung der Städte, City Branding und Marketingpolitiken. Doch was als Selbstermächtigung begonnen hatte, führte oft zu Beteiligungsprozessen als Beschwichtigungsgeste und kosmetische Legitima­tion von Entscheidungsträgern. Vor diesem Hintergrund kann Partizi­pation nicht länger automatisch als emanzipatorisches Instrument betrachtet werden – sie wird selbst zum Reibebaum für gesellschaftliche Konflikte.
Maarten Gielen
ist Designer, Kurator, Forscher und Gründungsmitglied bei Rotor. Das Kollektiv beschäftigt sich mit der Wiederverwertung von Baumaterialien und koordiniert den nachhaltigen Rückbau großer Gebäudekomplexe.
Er wird in seinem Vortrag über die Wiederverwertung in der Architektur sprechen.Wann immer in der Geschichte ein Gebäude abgerissen wurde, fanden nahezu alle Bauteile eine Wiederverwendung in neuen Bauvorhaben. Das änderte sich in Westeuropa nach den 1960er Jahren, als schnellere Abbruchverfahren die Praxis wurden. Heute wird der meiste Bauschutt zerkleinert und für einfache Zwecke wie Straßenfüllungen genutzt. Die Wiederverwendungsrate liegt bei unter einem Prozent: Ein Recycling gilt als „ökonomisch nicht durchführbar“. Nur wenige hochwertige Materialien bilden eine Ausnahme. Inzwischen erlebt das Prinzip Wiederverwertung als Teil einer neuen „Kreislaufwirtschaft“ eine erhöhte Aufmerksamkeit. Kann aber Recycling mehr sein als ein Flicken auf einem an so vielen Stellen undichten System?
Bernd Vlay +
Lina Streeruwitz
forschen und arbeiten an der Schnittstelle von Urbanismus und Architektur. Mittels Leitbildern, Objekten und Interventionen erkunden sie verschiedene Maßstäbe. Ihre Arbeitsweise setzt bei der Aufgabenstellung an, um Möglichkeiten zu maximieren.
Ihr Vortragstitel lautet Public Space as Found – Vom Hof Vague zur Freien Mitte. Das städtebauliche Leitbild „Freie Mitte – Vielseitiger Rand“ ist eine „As Found“-Operation. Anstatt die bestehende Lücke des ehemaligen Wiener Nordbahnhof-Areals mit 500.000 m² BGF aufzufüllen, wird sie als anderer Ort in der Stadt inszeniert: die Verdichtung wird an den Rand geschoben und bildet einen hochkomprimierten, volumetrisch signifikanten und gleichzeitig durchlässigen Rahmen um einen übermaßstäblichen, außergewöhnlichen „Hof“, der zum Herzstück des neuen Stadtteils avanciert. Eine Landschaft, die kein Park mehr ist, ein zentraler Freiraum, der in der Ferne liegt: die Freie Mitte. Der Erfolg des mittlerweile siebenjährigen, abenteuerlichen Umsetzungsprozesses fußt auf einer nachhaltigen Provokation. Dabei ist es letztlich der Durchschlagskraft der Leitfigur selbst zu verdanken, dass im his­to­rischen Zentrum Wiens bald ein Freiraum erlebbar sein wird, der in der Lage ist, den Widerstreit zwischen Verdichtung und Weite, zwischen Bottom-up und Top-down, zwischen zivilisiert und wild „auszuräumen“.
Christoph Mäckler
gründete 1981 sein Büro in Frankfurt am Main. Bis 2018 war er Professor für Städtebau an der TU Dortmund und gründete 2008 das Deutsche Institut für Stadtbaukunst, als dessen Direktor er seither zahlreiche Städte berät.
In seinem Vortrag Learning from European City – Form follows Context zeigt er auf, welche fünf Voraussetzungen für eine lebendige Stadt heute in Quartiersentwürfen fehlen. Dazu gehören soziale und funktionale Vielfalt, urbane Dichte und qualitätsvoller öffentlicher Raum. Der öffentliche Raum ist der Sozialraum der Stadt. Auf der Grundlage vorhandener Qualitäten bestehender Quartiere müssen Planer konsequent moderne Stadtkonzepte entwickeln. Dafür müssen die zur Verfügung stehenden  städtebaulichen Werkzeuge reformiert werden. Hierzu wurde auf der 10. Konferenz des Deutschen Instituts für Stadtbaukunst im Mai 2019 die Düsseldorfer Erklärung zum Städtebaurecht unter dem Titel „Nichts ist erledigt“ vorgestellt. Sie wurde von 100 Baubürgermeistern, Planungsdezernenten und Amtsleitern aus knapp 80 deutschen Städten, darunter Hamburg, Frankfurt am Main, Hannover, Bochum und München, unterschrieben – ein Umdenken in den Stadtplanungsämtern hat begonnen. Anhand von Beispielen wird Christoph Mäckler in seinem Vortrag Wege zur Wiedererlangung einiger Qualitäten des Europäischen Städtebaus aufzeigen.
Andreas Garkisch
ist Partner im Büro 03 Architekten in München und Professor für Städ­tebau und Stadtarchitektur an der Bauhaus Universität Weimar.
Er wird in seinem Vortrag über Common Values – Die ganze Stadt als Wertvorstellung sprechen. Der öffentliche, allen zugängliche Raum ist das konstituierende Element der Stadt. Die digitalen Medien verändern das Verhältnis unserer Gesellschaft zu diesem Raum und zum öffentlichen Leben. Politische Diskussionen werden verlagert auf private Plattformen, aus der Nachbarschaft wird im Internet das Netzwerk. Die Auswirkungen auf den öffentlichen Raum versteht man noch nicht ganz, doch die Auseinandersetzung kann helfen, die Bedeutung des städtischen Raums für die Teilhabe aller am öffentlichen Leben herauszustellen. Dabei wird definiert werden müssen, welche „Commons“, Programme, öffentliche Gebäude und Stadträume notwendig sind, um die Idee der Inklusion aufrecht zu erhalten – eine Chance auf ein neues Fundament städtischer Architektur und für das öffentliche Leben.
Dan Stubbergaard
gründete 2006 das Architekturbüro COBE in Kopenhagen. Er unterrichtet an der Royal Danish Academy of Fine Arts und an der University of Washington in Seattle, USA.
Er widmet sich in seinem Vortrag der Stadt als Wohnzimmer: Our Urban Living Room. Die Stadt ist unser Zuhause und laut COBE begründet sich darauf der Erfolg von Kopenhagen. Je stärker wir uns um unse­re Stadt kümmern, als Architekten, aber vor allem als Stadtbewohner selbst, desto besser werden wir mit ihr umgehen. Je besser die Stadt gestaltet ist, desto mehr Menschen wollen hier leben und sind stolz da­rauf. Damit ist nicht die Schönheit oder der Wohlstand einer Stadt gemeint, sondern eine soziale Lebensqualität und urbane Demokratie. In seinem Vortrag wird eine neue Perspektive auf die Stadt vorgeschlagen, die sie als erweiterten Wohnraum versteht und die Grenzen zwischen privatem und öffentlichem Raum aufhebt. Kopenhagen gilt nach vielen Veränderungen in den letzten dreißig Jahren heute als eine der lebenswertesten Städte der Welt. Dan Stubbergaard stellt die Geschichte der architektonischen Entwicklung Kopenhagens vor und zeigt damit, wie sich die Veränderungen und Entwicklungen auf die Lebensbedingungen in der Stadt ausgewirkt haben.
Andreas Hild
gründete 1992 in München Hild und Kaltwasser Architekten. Seit 1998 firmiert das heute von Andreas Hild, Dionys Ottl und Matthias Haber geleitete Büro unter dem Namen Hild und K Architekten. Seit 2013 ist er Professor für Entwerfen, Umbau  und Denkmalpflege an der TU München.
Sein Vortrag trägt den Titel Die erfahrene Stadt. Die architektonischen Begebenheiten der Städte,
in denen wir leben, verändern sich ständig. Wenn es in ihrer Geschich­-te überhaupt eine Konstante gibt, dann ist das der Wandel. Dennoch gelang es über Jahrhunderte hinweg, die unterschiedlichen historischen Schichten zu einer übergeordneten Einheit zu verbinden. Diese ist syntagmatisch organisiert und damit auf „gegenseitige Erläuterung“ der einzelnen Häuser ausgelegt. Stadt spricht einen komplexen Dialekt, der durchaus einer entsprechenden Bildung bedarf, um gelesen zu werden. Neuerdings droht das Bewusstsein für den ikonographischen Wert von Gebäuden, repräsentiert in der Kultur, den Erinnerungen, den Vorstellungen von Funktion oder Typologie, also der Summe der Erfahrungenund Erwartungen, die mit ihnen verbunden werden, verloren zu gehen. Wir Architekten müssen die Verknüpfungen mit dem Baubestand wieder ernster nehmen, um zu einer neuen Kultur des Weiterbauens zu gelangen.
Zur Anmeldung zum Bauwelt Kongress 2019

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