Die Ästhetik des Gebrauchs
Dem Verhältnis von Fotografie und Design widmet sich eine Ausstellung im Bremer Wilhelm Wagenfeld Haus
Text: Brosowsky, Bettina Maria, Braunschweig
Die Ästhetik des Gebrauchs
Dem Verhältnis von Fotografie und Design widmet sich eine Ausstellung im Bremer Wilhelm Wagenfeld Haus
Text: Brosowsky, Bettina Maria, Braunschweig
Das deutsche Verb begreifen ist vieldeutig. Konkret bezeichnet es den Vorgang, einen Gegenstand mit der Hand zu fassen, etwas zu befühlen oder auch tastend zu prüfen. Im abstrakten Sinn bedeutet es, den Erkenntnisprozess, etwa einen Sachverhalt, intellektuell zu durchdringen oder eine komplexe Vorstellung zu entwickeln. In materiell gestalterischen Disziplinen, besonders der Formgebung tagtäglicher Gebrauchsgüter, kommen beide Tätigkeiten gemeinsam zum Tragen. Es gibt einerseits die Vorstellung, die geistig kulturelle Klärung eines Produkts. Und andererseits seine funktional taktile Qualifizierung (neben weiteren, etwa der fertigungstechnischen oder wirtschaftlichen). Im glücklichen Falle gelingt dem fertigen Produkt dann ein weiteres Zusammenspiel, das zwischen Hand und Auge des Benutzers: schon beim Ansehen wird der angenehme Gebrauch begriffen, der sich in der Praxis einstellt.
Für den Produktgestalter Wilhelm Wagenfeld (1900–1990) stand stets der haptische Gebrauchswert eines Alltagsgegenstandes im Mittelpunkt seiner Formfindungsprozesse. Deshalb vertraute er auf das manuelle Begreifen ab dem frühesten Entwurfsstadium. „Nicht die Zeichenmaschine ist die Geburtsstätte neuer Geräte, sondern die Modellwerkstatt, der Platz, wo nach ersten Notizen in Ton, Gips, Holz, Metall und Kunststoffen das Gewollte ertastet wird (…)“ , so Wagenfeld in seinem undatierten Aufsatz „Gebrauchsgüter“. Mitarbeiter bezeichneten später Wagenfelds Methode als ein Sehen mit der Hand. Aber auf eine visuelle Argumentation, das gegenläufige Fühlen mit dem Auge, verzichtete Wagenfeld in seinem Arbeitsprozess natürlich keineswegs. Nicht nur seine Zeichnungen – Entwurfsskizzen wie vermaßte Werkpläne gleichermaßen – sind von ästhetischer Autonomie. Wagenfeld pflegte zur internen wie externen Abstimmung vielfältige Gebrauchsweisen der Sachfotografie. Die Wagenfeld-Stiftung in Bremen, die den Nachlass des gebürtigen Hanseaten verwaltet, sichtete für ihre aktuelle Ausstellung zur Beziehung zwischen Fotografie und Design Wagenfelds Bildarchiv aus rund 2000 Abzügen, Filmstreifen- und Glasplattennegativen.
Wagenfeld sammelte systematisch Fotografien seiner Arbeiten, nach Verlusten im Zweiten Weltkrieg auch, um die Dokumentation seiner frühen Entwürfe, etwa für die Jenaer Glaswerke, zu reorganisieren. Werkfotos aktueller Produkte kamen kontinuierlich hinzu. Die Abzüge wurden auf Kartons geklebt und chronologisch, nach Firmen oder auch nach Materialien in Ordnern zusammengestellt, mit Verweisen zu Negativen und greifbar vorliegenden Abzügen. Diese Ordner, insgesamt sind 53 erhalten, dienten einerseits als reines Archiv, anderseits als Referenzmappen zur Kommunikation mit Firmen, als Grundlage für Ausstellungen oder Kataloge. Sie hatten aber auch eine dritte, interne Funktion im Entwurfsprozess. Deshalb wurden auch verworfene oder ausgemusterte Entwürfe und Varianten archiviert und immer wieder als Bezugsmaterial anstehender Entwicklungsaufgaben zu Rate gezogen. Um eine Vergleichbarkeit der Objekte zu ermöglichen, bevorzugte Wagenfeld eine sachliche Fotografie. Die Objekte sind vor neutralem Hintergrund harmonisch ausgeleuchtet, aus der Perspektive normal empfundenen Gebrauchs aufgenommen und ohne Effekte, etwa harte Schatten, inszeniert. In der Regel sind sie als Einzelstück unter Verzicht atmosphärischer Arrangements, etwa eines gedeckten Tisches, aufgenommen. Dergestalt dekontextualisiert und optisch systematisiert, unterstützten die Fotografien Wagenfelds jahrzehntelange Entwurfsarbeit und trugen zu einer ästhetischen Kanonisierung bei, etwa zur Herausbildung von materialspezifischen Typen oder zu morphologischen Reihen aus Grundform und Variationen. Mit dieser neutralen Sachfotografie bebilderte Wagenfeld um 1940 sowohl den Verkaufskatalog der Lausitzer Glaswerke als auch eigene Produktseiten der Vorbildsammlung „Deutsche Warenkunde“. Beide Kompendien ähneln Karteikartensammlungen, das Foto ist jeweils ergänzt um einen kurzen Text, technische Angaben oder eine Zeichnung. Auch nach dem Zweiten Weltkrieg folgte die Werksfotografie dieser sachlichen Ästhetik, im Urvertrauen in das Medium, die Wirklichkeit objektiv abzubilden.
In Werbung und Präsentation kamen ab etwa 1930 aber auch komplexere Kompositionen und künstlerische Interpretationen zum Einsatz, so der leicht surreale Rapport gläserner Tassen von László Moholy-Nagy. Und das Atelier Louis Held zeigte das transparente Geschirr in Funktion: es ist die tätige Hand, die das Versprechen des schönen Gebrauchs nun auch visuell einlöst.






0 Kommentare