Neue Aussichten in Bremen

Das größte und älteste Kontorhaus Bremens soll aufgestockt werden: Die Baumwollbörse erhält eine neue Eckturmspitze und das Ensemble am Marktplatz ein weiteres Kupferdach

Text: Josties, Daniel, Halle (Saale)

    Die Baumwollbörse heute, nach zahlreichen baulichen Eingriffen
    Foto: Landesamt für Denkmalpflege, Bremen

    Die Baumwollbörse heute, nach zahlreichen baulichen Eingriffen

    Foto: Landesamt für Denkmalpflege, Bremen

    Um diesen Blick der Öffentlichkeit zugänglich zu machen, soll eine Aussichtsplattform an der Spitze des Eckturms entstehen.
    Fotos: Wolfgang Hübschen

    Um diesen Blick der Öffentlichkeit zugänglich zu machen, soll eine Aussichtsplattform an der Spitze des Eckturms entstehen.

    Fotos: Wolfgang Hübschen

    Das Haus der Bremischen Bürgerschaft (Wassili Luckhardt, 1966) verursachte seinerzeit jahrelange Kontroversen um zeitgenössische Architektur am Marktplatz.
    Foto: Jürgen Howaldt

    Das Haus der Bremischen Bürgerschaft (Wassili Luckhardt, 1966) verursachte seinerzeit jahrelange Kontroversen um zeitgenössische Architektur am Marktplatz.

    Foto: Jürgen Howaldt

    Foto: Detmar Schmoll

    Foto: Detmar Schmoll

    1.Preis: Kuehn Malvezzi verwenden Glas und Kupfer, um zwei neue Geschosse und einen Aussichtsturm mit Festsaal zu schaffen. Das Erdgeschoss durchbrechen sie von Wacht- und Balgenbrückstraße aus um die Höfe zu erschließen.

    1.Preis: Kuehn Malvezzi verwenden Glas und Kupfer, um zwei neue Geschosse und einen Aussichtsturm mit Festsaal zu schaffen. Das Erdgeschoss durchbrechen sie von Wacht- und Balgenbrückstraße aus um die Höfe zu erschließen.

    3.Preis: Die Bremer Planungsgruppe sieht einen Turm aus Glasbausteinen vor und legt besonderes Augenmerkauf die stadträumliche Anbindung der neu zu schaffenden Passagen

    3.Preis: Die Bremer Planungsgruppe sieht einen Turm aus Glasbausteinen vor und legt besonderes Augenmerkauf die stadträumliche Anbindung der neu zu schaffenden Passagen

    3.Preis: Die vertikale Struktur, die zweimeterzehn vorschlagen, ist von Baumwollfäden inspiriert. Die Jury kritisiert sie als zu „käfigartig“. Die Hoferschließung bewertet sie positiv.

    3.Preis: Die vertikale Struktur, die zweimeterzehn vorschlagen, ist von Baumwollfäden inspiriert. Die Jury kritisiert sie als zu „käfigartig“. Die Hoferschließung bewertet sie positiv.

Neue Aussichten in Bremen

Das größte und älteste Kontorhaus Bremens soll aufgestockt werden: Die Baumwollbörse erhält eine neue Eckturmspitze und das Ensemble am Marktplatz ein weiteres Kupferdach

Text: Josties, Daniel, Halle (Saale)

Als 1961 Wassili Luckhardts Entwurf für das Haus der Bremischen Bürgerschaft, dem Landesparlament, im Wettbewerb ausgewählt wurde (Bauwelt 23.1961), begann ein jahrelanger Streit in der Bremer Öffentlichkeit. Einerseits stieß Luckhardts moderner Entwurf auf Begeisterung, andererseits war vor allem die flach gezackte Form der Dachkante ein Stein des Anstoßes. Sie sei dem Ensemble des Marktplatzes mit seinen Spitzgiebeln nicht angemessen. Luckhardt setzte sich jedoch durch.
2015 geht es wieder um zeitgenössische Architektur am Bremer Marktplatz. Das Gebäude der Baumwollbörse ist bis heute im Besitz des gleichnamigen Vereins, der seit über 140 Jahren mit der „Wahrung und Förderung der Interessen aller am Handel mit und der Verarbeitung und Veredelung von Baumwolle und Baumwollprodukten sowie sonstigen Textilfasern und Textilfaserprodukten Beteiligten“ beschäftigt ist. Er legt, gemeinsam mit siebzehn weiteren internationalen Organisationen Bedingungen fest, an denen sich der internationale Baumwollhandel orientiert. Noch heute wird hier die Qualität der Rohprodukte bewertet und Streit vor Schiedsgerichten verhandelt.
Der Bau entstand 1902 nach dem Entwurf des Bremer Architekten Johann Georg Poppe und war als Kontorhaus geplant, was sich noch heute an den großen Fenstern, insbesondere im vierten Obergeschoss, abzeichnet. Hinter ihnen wurde die Baumwolle gesichtet und bewertet. Im Laufe der Zeit erfuhr der Bau, bedingt durch Kriegsschäden, aber auch früh auftretende Witterungsschäden an den Sandsteinverziehrungen, starke Veränderungen. Die Stuckverzierungen der Fassade, das Spitzdach und der Eckturm verschwanden, 1961 kam ein Parkhaus als südöstlicher Abschluss hinzu.
Die Bremer Baumwollbörse hat nun, in Kooperation mit dem Senator für Umwelt, Bau und Verkehr der Freien Hansestadt Bremen, einen Wettbewerb für ein Gesamtkonzept ausgelobt, dessen einzelne Aspekte sukzessive umgesetzt werden sollen. Im Realisierungsteil der Auslobung wird das Bedürfnis nach mehr Bürofläche durch die Aufstockung des Hauptflügels an der Marktstraße um ein sechstes und siebtes Obergeschoss formuliert. Außerdem soll an Stelle des alten Eckturms eine neue, separat erschlossene und wettergeschützte Aussichtsplattform entstehen. Sie böte wegen der guten Aussicht auf den Marktplatz touristisches Potenzial. Im Ideenteil des Wettbewerbs waren Nutzungsszenarien für die beiden Innenhöfe gesucht, ebenfalls zu touristischen Zwecken. Für die Aufstockung des Parkhauses (entlang der Balgenbrückstraße) und eine Überprüfung der Erdgeschossnutzung an selber Flanke sollten ebenfalls Vorschläge gemacht werden.
Die acht eingeladenen Büros sahen sich also einer herausfordernden Mischung aus Entwurf und Bestandsanpassung gegenüber. Die Lösung der Aufgabe gelang nach Meinung der Jury (Vorsitz: Jörg Springer) dem Berliner Büro Kuehn Malvezzi mit Christian Felgendreher am besten. Zwei gleichrangige dritte Preise vergab sie an zweimeterzehn architekten und die Planungsgruppe Gestering, beide aus Bremen.
Die Auslobung forderte: „Der Entwurf darf nicht den Anspruch erheben, ein dominierendes Bauteil auszubilden.“ Die Vorschläge für den Eckturm konkurrieren aber durchaus um die Blicke der Passanten, mit glänzenden Glasbausteinen (Gestering Knipping de Vries) oder mit einer vertikalen, „käfigartigen“ Verkleidung der neuen Turmlaterne (zweimeterzehn). Das von Kuehn Malvezzi vorgesehene patinierte Kupfer und Glas steht dem in Auffälligkeit kaum nach. Die Jury lobte bei diesem Entwurf, dass er dem Bau eine „einprägsame Geste“ hinzufüge. Ihr gefiel auch, dass die Architekten einen Festsaal in der Turmspitze vorsehen. Von diesem aus sind zwei kleine Aussichtsplattformen zu erreichen.
Von der Marktstraße besteht heute die einzige Zuwegung zu den beiden Innenhöfen. Kuehn Malvezzi und die Planungsgruppe Gestering sehen neue Erschließungen sowohl von der Balgenbrückstraße als auch von der Wachtstraße aus vor. Zweimeterzehn architekten gestalte den zweiten Innenhof dagegen so, dass er nur vom ersten aus erreichbar ist. Die Jury erwähnt dies lobend als „beruhigend“ und „introvertiert“. Der Siegerentwurf hingegen erfuhr aber auch wegen des Zuschnitts der Büro- und Serviceräume auf den beiden neuen Ebenen Zuspruch. Die Juroren entschieden einstimmig, nannten aber einige Empfehlungen für die weitere Bearbeitung des Entwurfs. Die Proportionen des Turms sollen überprüft, alternative Erschließungen der Aufstockungen untersucht werden. Auch das vorpatinierte Kupfer „sollte in Hinblick auf eine selbstständige Alterung nochmals hinterfragt werden“.
Als Luckhardt vor dieser Frage stand, soll er persönlich das „Patinieren“ der Traufkante mittels grüner Farbe angeordnet haben. Ob nun wieder eine jahrelange Diskussion um eine zeitgenössische Giebelgestaltung an historischer Stelle bevorsteht?
Einstufiger, begrenzter Wettbewerb nach RPW 2013 mit Realisierungs- und Ideenteil

1.Preis Kuehn Malvezzi/Christian Felgendreher, Berlin/Bremen
ein 3. Preis Planungsgruppe Gestering|Knipping|de Vries, Bremen
ein 3.Preis zweimeterzehn architekten, Bremen

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