OOS und das Exil

Debüt Nr. 07

Text: Meyer, Friederike, Berlin

Dominique Wehrli

Dominique Wehrli


Foto: OOS

Foto: OOS


Foto: Dominique Wehrli

Foto: Dominique Wehrli


Foto: Dominique Wehrli

Foto: Dominique Wehrli


OOS und das Exil

Debüt Nr. 07

Text: Meyer, Friederike, Berlin

Im Zürcher Westen haben Architekten in einer ehemaligen Sanitärwerkstatt nicht nur ihr Büro eingerichtet, sondern auch einen Club. Manche sagen, hier läuft die beste Livemusik der Stadt.
Zürich, Kreis 5. Das ehemalige Industrieviertel ist im Umbruch. Neben der Hardbrücke wächst der Prime-Tower von Gigon/Guyer Architekten  in den Himmel, schicke Büro- und Apartmentblocks drängen zwischen die Autowaschanlagen, Imbissbuden und Lagergebäude. Hier ge-hen die Zürcher „in den Ausgang“: in die vie­­­len Clubs und Bars, in das Theater im Schiffbau. Hier spielt auch der in der Musikszene bekannte Pianist Nik Bärtsch jeden Montag mit seiner Band Ronin im „Exil“, einem Club, in dem vorrangig Livemusik zu hören ist. Wegen ihm sind wir Ende August ins Exil gekommen. Die Einrichtung ist von karger Gemütlichkeit, die Mu­sik wie ein Rausch, die Stimmung familiär. Wir kommen ins Gespräch. Initiator des Clubs ist der Architekt Christoph Kellenberger, einer von vier Inhabern des Büros OOS. In Berlin gibt es so einige Architekten, die einen Club aufgemacht haben. Aber in Zürich? Ein Jahr lang, erzählt Kellenberger, habe er sich um einen Mietvertrag für den Klinkerbau an der Hardstraße bemüht, der eigentlich viel zu groß war für sein Büro. Ein interessanter Mieter für die Räume im Erdgeschoss fand sich nicht. Deshalb hat er die Sache selbst in die Hand genommen und gemeinsam mit dem Musiker Nik Bärtsch und drei anderen, die sich auskennen in der Branche, das Exil gegründet. Oben Büro, unten Club. Erst entwerfen, später chillen. Das Haus, so wird im Gespräch langsam klar, ist für den Architekten und den Musiker Ausdruck ihres Lebensgefühls. Dieses haben sie auch in die Gestaltung der Räume übertragen.
Im Juli 2009 hat das Exil aufgemacht. Ein Jahr in Zürich mit einem Livemusik-Konzept zu überleben, heißt also: Es funktioniert?

Christoph Kellenberger | Der Betrieb als solcher trägt sich tatsächlich. Wir möchten mit dem, was wir mögen, nicht nur ästhetisch erfolgreich sein, sondern auch zeigen, dass innovatives Unternehmertum ökonomisch funktionieren kann, ohne öffentliche Unterstützung.

Was unterscheidet Ihren Club von anderen?

CK | Wichtig war, dass wir die Positionierung des Clubs im Team erarbeitet haben. Wir wollten die beste Livemusik der Stadt bieten, exzentrisches Clubbing, den besten Barservice und eine perfekte, charakterstarke Atmosphäre. Wir kommen alle aus der Praxis. Michael Vollenweider und Dominik Müller haben Erfahrung mit der Technik, dem Booking und dem Betrieb, Nik Bärtsch und Tosho Yakkatokuo sind für die künstlerische Seite zuständig und unser Büro OOS für den Raum und die Atmosphäre.
Nik Bärtsch | Normalerweise gestalten Architekten den Club, dann kommt der Betreiber und kreiert eine Atmosphäre, die mit dem Raum nicht übereinstimmt. Viele kuriose Missverständnisse passieren. Die Idee hier war, dass wir von Beginn an gemeinsam an den Übergängen gearbeitet haben und sich die verschiedenen Disziplinen beeinflussen konnten.
 
Ein Beispiel?

NB | Nehmen wir mal an, wir haben ein Problem mit der Kante am Bühnenrand, weil man oft dran hängen bleibt, wenn man etwas auf die Bühne hebt. Der Rand wird abgenutzt und sieht nicht mehr gut aus. Man könnte die Stelle einfach abkleben oder fest tackern oder aber sich mit den Architekten unterhalten, welche Lösung praktisch funktionieren kann.
 
Das klingt jetzt so nach technischem und funktionalem Optimieren. Welche Rolle spielt denn die Atmosphäre des Raums?

NB | Ich glaube, es ist ein Grundmissverständnis, dass es einen Unterschied zwischen Technik bzw. Praxis und Ästhetik gibt. Wir versuchen, eine Gesamtatmosphäre zu kreieren, mit der sich das Club-Team identifiziert. Die entsteht dadurch, dass die Programmation, die Organisation, die Logistik wie auch die Ästhetik kohärent sind. Aber diese Atmosphäre kann man nicht einfach hinzaubern, sie entsteht durch Erfahrung und krea­­­­­­tive Praxis.

Was wünschen Sie sich als Musiker von einem Raum?

NB | Die Akustik ist unheimlich wichtig. Sie hängt aber nicht nur vom Raum ab, sondern auch von der Positionierung der Musiker, der Verstärkeranlage, den Boxen und dem Publikum. Mit der Akustik kommt die Atmosphäre. Oft ist die Bühne sehr hell, weil die Performer sichtbar sein sollen. Ich finde es spannend, wenn Bühne und Raum modulierbar sind. In einer Black Box funktioniert so etwas sehr gut. Das Exil ist für verschiedene Livemusik-Richtungen und für Clubbing konzipiert. Es ist flexibel und charakteristisch zugleich. Damit eine Charakteristik entsteht, müssen alle das Gesamte denken. Auf Tour stelle ich oft fest: Da hat der Designer an die Musik gedacht, aber nicht an die Zuhörer. Andersherum stehen viele Musiker auf der Bühne, und denken nicht daran, dass ihnen jemand zusieht.
 
Also ist es eigentlich egal, wie der Ort gestaltet ist?

CK | Nein, keinesfalls. Im Exil geht es um das Gleichzeitige von Gegenseitigem. Raumaffine Personen entdecken andere Dinge als Musiker. Musi­ker sehen mit den Ohren, Raumgestalter sehen hier zum Beispiel, dass sich bei gewissen Lichtsituationen Kontinente an den Wänden spiegeln.
NB | Architekten hören mit den Augen!
 
Die Stimmung im Exil scheint mit sehr wenigen gestalterischen Mitteln erzeugt. Welche Überlegungen haben Sie angestellt?

CK | Wir haben die Raumwirkung als „rau-glamourös“ beschrieben. Begriffe, die sich eigentlich widersprechen, aber die, wenn sie sich überlagern, Atmosphäre bilden. Exil ist etwas Flüchtiges, vielleicht auch Zufälliges oder Ungewolltes. Die Bar aus scheinbar zufällig geschichteten Eichenbalken und der golden schimmernde Metallvorhang dahinter stehen vermeintlich im Kontrast. Für die Bühne gibt es drei verschiedene Vorhänge – je nach Abend, rot, schwarz oder silbern. Das Wichtigste an einem Club sind aber nicht die Oberflächen. Es ist das Licht.
 
Architekten wird häufig vorgeworfen, die Akustik der Räume nicht mitzudenken bei ihren Planungen. Sind Sie durch die Zusammenarbeit mit Musikern wie Nik Bärtsch sensibler geworden?

CK | Wir lassen uns sehr gern beeinflussen. Dies entspricht unserer transdisziplinären Arbeitsweise.
 
Ich war irritiert, als ich aus dem dunklen Konzertraum kommend eine Etage tiefer erwartete, die Toiletten zu finden und plötzlich in einem mit Technofarben gestrichenen, grell beleuchteten Gangsystem stand.

CK | Der Name ist Programm. Eine der Ideen des Exil ist, dass man sich nicht so sicher sein kann, was kommt. Dass man immer wieder eine Überraschung erlebt, herausgefordert wird, sich mit einem Kontext abzufinden, der auf den ersten Blick nicht gerade einladend wirkt. Sobald sich der Betrachter aber an die Stimmung gewöhnt hat, werden Farbnuancen und Abstufungen sichtbar.
 
Ist der Club das Theater des 21. Jahrhunderts?

CK | Es ist „Theater 2.0“. Die Besucher sind Teil des Gesamterlebnisses. Sie performen mit.
 
An wen wendet sich das Exil?

CK | An Leute, die Avantgarde mögen, die neueste Trends mitsetzen oder prägen. Im Vergleich zu den Agglomerationsclubs, wo Tausende von Leuten reinpassen und der globalisierte Brei gespielt wird, setzt unser Club auf Individualität.
 
Ein Club für Sie und Ihre Freunde?

CK | Ja. Die Zielgruppe sind wir.
 
Ihre Büroräume über dem Exil sind ganz in weiß gehalten. Welchen Stellenwert hat das Exil für das Büro?

CK | Das Exil ist eine Art erweitertes Büro. Es ist ein Ort des Zusammentreffens und der Inspiration.
 
Ein After-Work-Club?

CK | So ähnlich. Wir wollen über die Architektur hinaus Projekte mit­begleiten. Dinge werden benutzt und verändert. Das interessiert uns. Das Leben in den Räumen beginnt ja immer erst nach der Eröffnung.
Fakten
Architekten OOS, Zürich
aus Bauwelt 39-40.2010
Artikel als pdf

0 Kommentare


Ihr Kommentar






loading