Making Heimat

Peter Cachola Schmal und Oliver Elser über den Deutschen Pavillon der Architekturbiennale Venedig 2016

Text: Hoetzel, Dagmar, Berlin

    Peter Cachola Schmal (links)
    ist seit 2000 Kurator am Deutschen Architekturmuseum und seit 2006 dessen Leitender Direktor. Er ist Architekt,
    freier Architektur-Publizist und war als Hochschullehrer tätig.
    Oliver Elser
    ist seit 2007 Kurator am Deutschen Architekturmuseum. Er studierte Architektur in Berlin und war von 2003 bis 2006 in Wien als Architekturkritiker und Journalist tätig. Er kuratierte u.a. das Ausstellungsprojekt Sondermodelle.
    Foto: Kirsten Bucher

    Peter Cachola Schmal (links)
    ist seit 2000 Kurator am Deutschen Architekturmuseum und seit 2006 dessen Leitender Direktor. Er ist Architekt,
    freier Architektur-Publizist und war als Hochschullehrer tätig.
    Oliver Elser
    ist seit 2007 Kurator am Deutschen Architekturmuseum. Er studierte Architektur in Berlin und war von 2003 bis 2006 in Wien als Architekturkritiker und Journalist tätig. Er kuratierte u.a. das Ausstellungsprojekt Sondermodelle.

    Foto: Kirsten Bucher

Making Heimat

Peter Cachola Schmal und Oliver Elser über den Deutschen Pavillon der Architekturbiennale Venedig 2016

Text: Hoetzel, Dagmar, Berlin

Herzlichen Glückwunsch! Sie sind in einem offenen Wettbewerbsverfahren ausgewählt worden, die Ausstellung „Making Heimat. Germany, Arrival Country“ im Deutschen Pavillon auf der 15. Architekturbiennale 2016 in Venedig zu realisieren. Was verstehen Sie unter „Making Heimat“?
Peter Cachola Schmal
Es geht darum, eine neue Heimat für unsere neuen Mitbürger zu kreieren. Der kanadische Journalist Doug Saunders nennt diesen Prozess: from illegal aliens to regular immigrants. Wie schaffen wir eine neue Heimat für die Menschen, die ihre alte verloren haben? Was machen wir, um ihnen ein neues Leben zu ermöglichen?
Oliver Elser
Heimat ist auch ein Begriff, der das Hier-Sein und Bleiben-Wollen gut zum Ausdruck bringt. Es geht nicht um „Erst mal willkommen, aber vielleicht auch wieder gehen“, sondern dahinter steht das Thema, dass das Ankunftsland die neue Heimat werden soll.
Was zeigt man dazu auf einer Architekturbiennale?
Peter Cachola Schmal
Uns interessiert zum einen die aktuelle Situation. Fragen, was und wie viel gebaut wird und werden muss, kann im Moment niemand seriös beantworten. Das hat uns dazu geführt, einen Call for Projects zu lancieren, um einen Überblick zu gewinnen über das, was jetzt im Moment geplant und gebaut wird.
Oliver Elser Und da gibt es eine ganze Bandbreite. Wir haben Projekte, die auf kurze Sicht für die Flüchtlingsunterbringung gedacht sind und solche zur langfristigen Wohnraumschaffung. Wir haben aber auch für die unmittelbare Erstaufnahme das Beispiel eines Architekten aus München, der für zwei Leichtbauhallen den Auftrag hatte, die individuelle Möblierung herzustellen. Also gibt es quasi alles, von den Ad-hoc-Maßnahmen bis zu den langfristigen.

Werden die Projekte bewertet oder ausgesucht?
Peter Cachola Schmal
Nein, wir schließen keine Projekte aus, wir können sie etwas sortieren z.B. nach Bauweise, Material, Größenordnung usw.
Oliver Elser
Im Moment sind wir dabei, die Projekte vergleichbar zu erfassen, so dass man eine Datenlage erhält, die man gegenüberstellen kann. Und wir finden, dass es notwendig ist, mit solchen Datenblättern relativ schnell an die Öffentlichkeit zu gehen.
Es ist eine gemeinsame Website von DAM und Bauwelt geplant, wo die von Ihnen gesammelten Projekte und die für diese Stadtbauwelt eingereichten präsentiert werden.
Oliver Elser
Idealweiser wäre es so. Anlässlich der ersten Pressekonferenz die wir zur Biennale geben, voraussichtlich Ende Februar, wollen wir die Projekte online stellen, ob als richtige Datenbank oder als downloadbares PDF oder E-Book, das müssen wir noch überlegen.
Peter Cachola Schmal
Wir versprechen uns davon, dass beispielsweise ein Stadtrat einer Gemeinde auf die Website geht und feststellt, 400 Personen, Holzmodulbauweise, das ist doch genau das, was wir wollen, 1500 Euro, unglaublich, welcher Architekt war das, welche Firma war das? Da ruf ich jetzt an! Das direkte Feedback wäre auch für die Architekten, die eingereicht haben, toll.
Die Website könnte also zu einem Arbeitsinstrument werden?
Oliver Elser
Ja. Wobei man noch mal betonen muss, dass das nur ein Teil des Ausstellungsprogramms ist. Ich glaube, zu beobachten und zu wissen, wie sieht es eigentlich im Moment aus, das ist genauso wichtig wie zu sagen, was ist stadtstrukturell notwendig. Es gibt den unmittelbar architektonischen und es gibt den stadtstrukturell-politischen Aspekt. Im zweiten Teil der Ausstellung wollen wir uns ein wenig aus dem aktuellen Geschehen zurücknehmen und fragen, was geschieht oder sollte geschehen, wenn aus Flüchtlingen Einwanderer werden. Wie sehen gute Bedingungen für Einwanderung in Deutschland aus. Was zeichnet die Ankunftsstädte aus, die besonders gute Bedingungen haben.
Für diesen Teil haben Sie den Journalisten Doug Saunders als Berater ins Team geholt?
Peter Cachola Schmal
Saunders‘ großer Verdienst ist, uns mit seinem Buch „Arrival City“ die Augen für eine andere Perspektive geöffnet zu haben. Er ist unser Inspirator und Berater. Wir werden schauen, dass wir vielleicht den einen oder anderen field trip mit ihm zusammen machen.
Dieser zweite Teil der Ausstellung wird sich mit Städten oder Regionen beschäftigen?
Peter Cachola Schmal
Ja, und das ist der weitaus größere Teil der Ausstellung. Die Frage, was macht eine gute Ankunftsstadt aus, wird wahrscheinlich in acht bis neun Punkte gegliedert werden und die werden dann jeweils mit Beispielen unterlegt.
Oliver Elser
Es wird eigentlich eher so eine Art Leitfaden, der Versuch einer Argumentationsstruktur. Es geht uns dabei nicht um Best-Practice-Modelle, sondern darum, gute Voraussetzungen für das Ankommen zu benennen oder darzulegen, wie das tatsächlich stattfindet.
Welche Beispiele werden das sein?
Peter Cachola Schmal Die
Rhein-Main-Region ist gesetzt. Der Regionalverband arbeitet daran, sich als eine Arrival-Region zu deklarieren und meint, dass die Region prädestiniert dafür ist, weil sie es längst ist. Frankfurt und Offenbach sind bundesweit die Städte mit dem höchsten Ausländeranteil und dem höchsten Anteil an Migrationshintergrund. Offenbach hat 55 Prozent Migrationshintergrund und 30 Prozent Ausländeranteil.
Oliver Elser
Die Beispiele variieren. Mal ist es eher eine Region, mal sind es eher Einzelphänomene wie z.B. der vietnamesische Markt in Berlin-Lichtenberg, der gut verdeutlicht, wie sich eine Community aus einer wirtschaftlich schwierigen Situation heraus quasi selber eine Arbeitsmöglichkeit schafft.
Dieses Beispiel untermauert eine von Doug Saunders’ zentralen Thesen für eine erfolgreiche Arrival City, nämlich die „Selbstintegration“ der Ankommenden zu unterstützen.
Peter Cachola Schmal
Wir haben ein System mit viel Geld und viel Mühe und viel Freiwilligenarbeit, das sich um die Flüchtlinge kümmert. Dabei übersehen wir gerne, dass diese Flüchtlinge, die ihr Schicksal mit der Flucht schon in die eigene Hand genommen haben, sich vielleicht selber kümmern möchten, nach dem Ankommen in Deutschland, und auch gern mitreden würden, wenn es um ihre Zukunft geht und um die ihrer Kinder.
Oliver Elser
Gerade im Bezug auf Bauen und Architektur kann man sich ja auch die Frage stellen, warum schlüsselfertige Wohnungen angeboten werden müssen. Da könnte ja auch ein Anteil an Eigeninitiative und Selbstausbau dabei sein.
Peter Cachola Schmal
Jetzt wäre wirklich die Möglichkeit zu schauen, ob man nicht den Elemental-Ansatz (Bauwelt 35.2013, a.d.R.) testen könnte: halbfertige Wohnanlagen errichten und der eigentliche Ausbau erfolgt durch Handarbeit der zukünftigen Nutzer, da hätten die Flüchtlinge auch viele Möglichkeiten, sich auszuprobieren und zu lernen, und das Ergebnis wäre gestalterisch garantiert interessant. Man könnte Architekten dabei haben und Handwerker, die dafür sorgen, dass bauliche Anforderungen erfüllt werden. Das wäre eine richtige Elemental-Siedlung. Und die Baubrigade, die sich so formen würde, könnte dann gleich weitermachen und Geld verdienen. Jemand mit etwas Wagemut müsste versuchen eine Anlage zu bauen, mit der Beteiligung derjenigen, die da wohnen werden.
Wird das in der Ausstellung thematisiert werden?
Oliver Elser
Wir werden das auf jeden Fall thematisieren. Wenn wir darüber nachdenken, was die Arrival-City auszeichnet, finden wir immer einen hohen Grad an Improvisiertheit. Ich habe mir gerade das Dong Xuan Center, den großen vietnamesischen Markt in Berlin-Lichtenberg, angeschaut, der war anfangs planungsrechtlich eigentlich illegal, er ist als Großmarkt deklariert, funktioniert aber nicht ausschließlich als Großmarkt, aber da drückt man beide Augen zu. Er ist extrem erfolgreich und dehnt sich immer weiter aus. Erfolgreiche Modelle funktionieren eben nicht unbedingt nach unseren Vorstellungen davon, was legal und was illegal ist. Gerade Leute, die hierherkommen und Eigeninitiative haben, suchen sich diese Lücken und das muss man auch tolerieren. In einigen Bereichen funktioniert es, in anderen tun wir uns furchtbar schwer damit.
Das Thema spricht auch kommunale und politische Entscheider an. Wie kann man diese erreichen?
Peter Cachola Schmal
Die Frage des Zielpublikums ist die Frage, die wir uns immer stellen, und auch, wie man dieses erreicht. Zum einen durch die Presse, ganz klar. Wir vermuten, dass unser Thema sowie das generelle Thema der Architekturbiennale dieses Jahr – mit „Reporting from the Front“ hat Alejandro Aravena ja etwas Politischeres vor, das nicht nur auf die gebaute Realität zielt – allgemein breiter rezipiert wird und nicht nur die Architekturpresse darüber berichtet. Das könnte einen Nachhall haben bei Menschen, die gar nicht in Venedig waren. Wir werden Verschiedenes unternehmen, dass unsere Ausstellung und unsere Kernthesen nicht nur in Venedig transportiert werden.
Oliver Elser
Es wird eine sehr thesenhafte, an starken Schlagworten orientierte Ausstellung, die man sich quasi auch von zu Hause aus anschauen kann. Man muss dort gewesen sein, aus einem ganz anderen Grund, über den wir jetzt eigentlich noch gar nicht sprechen wollen. Ich denke, die zentralen Thesen der Ausstellung werden durchaus etwas manifesthaftes haben und sich so auf einer journalistischen Ebene mitteilen. Wir wollen Berichte aus den Ankunftsstädten der Flüchtlinge mit unserem Ausstellungsprogramm verknüpfen und diese auch nach der Eröffnung weiterschreiben.
Die Ausstellung wird also weniger einen Status quo abbilden als vielmehr die Momentaufnahme eines Prozesses sein?
Peter Cachola Schmal
Ja, wir haben ja ein Thema, das ganz nah an der Zeit liegt, es wird uns eine ganze Weile begleiten: ein halbes Jahr auf der Biennale, und ein halbes Jahr später, im April 2017, wird die Ausstellung dann im DAM gezeigt. Unser Thema, unser Ansatz, hat sich dann vermutlich, wie auch die Realität, wer weiß wohin entwickelt. Dieser Prozess muss abgebildet werden.
Wird es einen Katalog geben?
Peter Cachola Schmal
Ja, aber etwas anders als üblich. Mit einem Thema, was direkt mit den Geschehnissen parallel läuft, kann man nicht einen Katalog drei Monate vor Eröffnung beenden und drucken. Aber wir werden etwas herstellen, was man in der Hand halten und lesen kann, und aus dem im nächsten Jahr ein weiteres Druckwerk erzeugt wird, das wiederum den Prozess abbilden kann.
Und warum muss man nach Venedig kommen?
Peter Cachola Schmal
(lacht) Das wird man dann sehen, wenn man in Venedig gewesen ist! Wenn die Freunde gesagt haben, du musst hingehen.
Heißt das, es wird auch bauliche Veränderungen an dem Pavillon geben?
Peter Cachola Schmal Wir machen was. Sie werden überrascht sein, versprechen wir!
Oliver Elser
Wir haben uns ja bewusst mit Gestaltern zusammen getan, mit dem Büro „Something Fantastic“ aus Berlin, die sowohl als Architekten ausgebildet sind, als auch als Ausstellungsgestalter arbeiten und gleichzeitig Grafiker sind. Man kann also auch ein architektonisches Statement erwarten, natürlich ein thematisch Passendes.

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