Neue Kirchen in der Diaspora

Eine Kapitel Bau- und Sozialgeschichte nach 1945

Text: Matl, Martin, Fulda


Neue Kirchen in der Diaspora

Eine Kapitel Bau- und Sozialgeschichte nach 1945

Text: Matl, Martin, Fulda

Die Glanzlichter des Kirchenbaus im 20. Jahrhundert, z.B von Dominikus Böhm oder Rudolf Schwarz, sind in der im kulturellen Gedächtnis der Moderne präsent. Wie aber sieht es mit den zahllosen Kirchen aus, die ohne berühmte Namen und abseits der Metropolen entstanden? Immer mehr fallen inzwischen unter das Verdikt „zu groß, zu kaputt, zu viele“. Während also längst ein negativer Ausleseprozess eingesetzt hat, der oft genug vom Zufall getrieben zu sein scheint, fällt es immer noch schwer, sich innerhalb einer Region überhaupt ein Bild vom Bestand, von Entwicklungslinien und Entstehungsgeschichten moderner Kirchenbauten zu machen.
Johanna Anders hat an der Universität Kassel eine Dissertation zu den Kirchenneubauten nach 1945 im nordhessischen Teil des Bistums Fulda vorgelegt, die nun unter dem Titel „Neue Kirchen in der Diaspora“ in Buchform vorliegt. In einer knappen Einführung zum modernen Sakralbau werden die Bestrebungen zur Liturgiereform und die Möglichkeiten der neuen Baumaterialien Stahl und Beton als Triebfedern des modernen Sakralbaus herausgestellt. Die dramatischen Zerstörungen am Kriegsende und die Ansiedlung der Ströme von bundesweit mehreren Millionen Flüchtlingen und Vertriebenen führten auch zur historisch einmaligen Kirchenbautätigkeit in den Jahrzehnten nach 1945. Der Begriff „Diaspora“ bedeutet nichts anderes als die vollkommen neue konfessionelle Durchmischung der Bevölkerung und die Entstehung starker katholischer (anderswo protestantischer) Minderheiten mit eigenen Bedürfnissen räumlicher und seelischer Beheimatung.
Anhand von 27 Kirchen wird die Architektur, die unter diesen Bedingungen entstand, nach Grundrisstypen geordnet und mit ihrer Ausstattung vorgestellt. Ein Katalogteil listet 107 Kirchenneubauten auf, die von 1949 bis 1988 zwischen Bad Hersfeld, Eschwege, Kassel, Bad Karlshafen und Frankenberg errichtet wurden. Die Entwicklung geht von ersten Notkirchen in ehemaligen Lagerbaracken über äußerst bescheidene Kirchensäle mit vorsichtigen, teils historisierenden, teils modernistischen Akzenten bis hin zum bekannten Spektrum des Kirchenbaus der Nachkriegszeit: Ovale, trapez- und parabelförmige Grundrisse, Zeltkirchen, multifunktionale Gemeindezentren. Die Frage nach der Eigenständigkeit dieser Architektur des Kirchenbaus in der Diaspora muss allerdings mit Nein beantwortet werden. Das bedeutet aber: Die Geschichte dieser Architektur ist eine der erfolgreichen Integration und der tiefgreifenden Modernisierung eines Landstrichs. In der überwiegend unspektakulären Architektur steckt ein Kapitel Bau- und Sozialgeschichte. Vor diesem Hintergrund sollte man sich die Vielfalt moderner Kirchenbauten in der Diaspora noch einmal genau ansehen – im Buch und vor Ort.
Fakten
Autor / Herausgeber Johanna Anders
Verlag Kassel university press, 2014
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aus Bauwelt 13.2015
Artikel als pdf

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