Himmel aus Beton / Skies of Concrete

Gisela Erlachers Fotografien sind fein austarierte Bildkunstwerke, in denen sich Perspektive, Bildausschnitt und Flächenkomposition über das wiederkehrende Thema der (urbanen) Un-Orte legen

Text: Brosowsky, Bettina Maria, Berlin


Himmel aus Beton / Skies of Concrete

Gisela Erlachers Fotografien sind fein austarierte Bildkunstwerke, in denen sich Perspektive, Bildausschnitt und Flächenkomposition über das wiederkehrende Thema der (urbanen) Un-Orte legen

Text: Brosowsky, Bettina Maria, Berlin

Brücken sind Bauwerke, deren ästhetischem Reiz, konstruktiver Raffinesse oder topografischer Geste Städte, gar ganze Landstriche ihr Image verdanken können. Man denke nur an die Rialto-Brücke in Venedig, die Brooklyn Bridge in New York, auch an etwas unbekanntere Beispiele wie die Kombination dreier Brücken in Ljubljana oder daran, dass der Graubündner Ingenieur Jürg Conzett auf der Architekturbiennale 2010 mit seinem ganz persönlichen Inventar aus Brückenbauwerken den Schweizer Beitrag bestritt.
Brücken sind zuvorderst Elemente der räumlichen Verbindung – und Trennung. Der linear fließenden, zielgerichteten Bewegung, die Brücken mitunter in überwältigenden Wahrnehmungsinszenierungen sicherstellen, widerspricht eigentlich die Zäsur, die Trennung in eine Welt oberhalb und eine unterhalb des Brückenbauwerks, die seine Konstruktion zwangsläufig mit sich bringt. Die Welt unterhalb der Brücken, früher einmal der sozialromantisch verklärte Nährboden gesellschaftlichen Abweichlertums aus Künstlern und Clochards, hat angesichts gigan-tischer Brückenkonstruktionen weltweit ihren Charme schon lange eingebüßt und stattdessen neuartige Räume, auch ökonomischen Verwertungsinteresses, generiert. Die Wiener Fotografin und studierte Psychologin Gisela Erlacher ist diesen hybriden, improvisierten oder auch straff durchorganisierten Situationen nachgegangen –in dem großformatigen Band liegt nun ihre globale Ausbeute mit 43 farbigen Abbildungen vor.
Die Aneignung der Räume unter den Brücken reicht von Lagerplätzen, dem Fahrradparken in Amsterdam über Garagenzufahrten in Wien, den unvermeidlichen, mit Grün etwas aufgehübschten Maßstabssprüngen im ländlichen Raum bis hin zu stationären Nutzungen wie Garküchen in China und einem Sportareal inklusive Reitstall in London. Erlachers Fotografien funktionieren aber nicht nur als Dokumente. Darauf verweist der Kunsthistoriker Peter Lodermeyer in seinem Essay. Sie sind fein austarierte Bildkunstwerke, in denen sich Perspektive, Bildausschnitt und Flächenkomposition über das wiederkehrende Thema der (urbanen) Un-Orte legen und dadurch weitere Erzählebenen oder Auslegungen eröffnen. Vor allem aber verweigert sich Erlacher einem spektakulär bunten Kolorit, selbst wenn ihre asiatischen Motive vielleicht eine stärkere Farbigkeit nahelegen würden. Die Fotos entstanden allesamt im diffusen Licht eines Tages ohne intensive Sonne, sie sind schattenlos, ein warmes Grau ist die vorherrschende Farbstimmung, im natürlichen wie im Beton-Himmel gleichermaßen. Einzelne Details treten daraus mit stärkerer Farbigkeit fast surreal hervor.
Trotz der verhaltenen Atmosphäre und der zugespitzten Motivik stimmen Erlachers Fotos nicht traurig. Sie zeigen vielmehr den unerschöpflichen Ideenreichtum des Menschen, auch unwirtlichen Bedingungen noch einen Rest Lebensraum abzugewinnen. Wenngleich Architekten und Ingenieure sich eigentlich schämen müssten, kraft ihrer professionellen Anstrengungen derartige Orte weltweit zu hinterlassen.  
Fakten
Autor / Herausgeber Von Gisela Erlacher, mit Beiträgen von Lilli Lička und Peter Lodermeyer
Verlag Park Books Zürich, 2015
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aus Bauwelt 42.2015
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