Die Kunst des Weglassens

Kuehn Malvezzi Architekten gewinnen den Wettbewerb für die Innengestaltung der Parochialkirche in Berlin mit einem Projekt, das fast unsichtbar bleibt

Text: Herzog, Andres, Zürich

    ein 2. Preis Kuehn Malvezzi Architekten ziehen einen neuen Terrazzoboden ein
    Foto: Architekten

    ein 2. Preis Kuehn Malvezzi Architekten ziehen einen neuen Terrazzoboden ein

    Foto: Architekten

    ein 2. Preis Knerer und Lang Architekten schließen die Decke mit einer Kuppel, die im Raum zu schweben scheint
    Abbildung: Architekten

    ein 2. Preis Knerer und Lang Architekten schließen die Decke mit einer Kuppel, die im Raum zu schweben scheint

    Abbildung: Architekten

    Ankauf Winfried Brenne Architekten und Nils Meyer Architekten
    Abbildung: Architekten

    Ankauf Winfried Brenne Architekten und Nils Meyer Architekten

    Abbildung: Architekten

    Ankauf Königs Architekten
    Abbildung: Architekten

    Ankauf Königs Architekten

    Abbildung: Architekten

Die Kunst des Weglassens

Kuehn Malvezzi Architekten gewinnen den Wettbewerb für die Innengestaltung der Parochialkirche in Berlin mit einem Projekt, das fast unsichtbar bleibt

Text: Herzog, Andres, Zürich

Manchmal zeigt sich die Stärke eines Entwurfs nicht darin, was der Architekt hinzufügt, sondern was er weglässt. Dies verdeutlichen Kuehn Malvezzi Architekten mit ihrem Siegerprojekt beim Wettbewerb für die Innengestaltung der Parochialkirche in Berlin, bei dem die Jury zwei Ankäufe und zwei 2. Preis vergab, die überarbeitet wurden. Das Barock-Bauwerk, entworfen von Johann Arnold Nering und fertiggestellt 1714, war eine der bekanntesten Kirchen der Stadt, bis sie im Zweiten Weltkrieg zerstört wurde. Der Turm stürzte ein, das Inventar verbrannte, die Glocken schmolzen. 1946 richtete die Gemeinde im Turm einen Andacht-Saal ein. Zwischen 1987 bis 2003 wurde die Kirche umfassend saniert, wobei die Spuren der Zerstörung sichtbar blieben. Derzeit werden die Turmspitze und das ehemals berühmte Glockenspiel wiederhergestellt, das neu gar 52 statt der früheren 37 Bronzeglocken zählt.
Angesichts der historischen Bedeutung hieß das erste Stichwort für die Teilnehmer also: sensibel. Um das Gebäude für die Zukunft zu rüsten, planen die Evangelische Kirchgemeinde St. Petri – St. Marien und die Stiftung Kirchliches Kulturerbe, hier eine Sammlung für sakrale Kunst zu zeigen und die Kirche für kulturelle Veranstaltungen aller Art einzurichten. Daneben sollen weiterhin Gottestdieste stattfinden. Das zweite Stichwort lautete darum: flexibel.
Kuehn Malvezzi Architekten, die 2012 den Wettbewerb für das religionsübergreifende Gebetshaus „The House of One“ in Berlin gewonnen haben, reagieren auf die Anforderungen mit minimalen Interventionen, die sich im Wesentlichen auf zwei Punkte beschränken: ein neuer Boden und ein neues Raummöbel. Terrazzo verbindet die Raumabschnitte fugenlos und nimmt eine Fußbodenheizung auf. Darüber erhalten die Architekten den verletzten Innenraum vollständig, auch der offene Dachstuhl bleibt sichtbar. Das Dach wird nur innen gedämmt und neu verschalt, im Gebälk ein Beleuchtungssystem installiert. Auch die Vorhalle und der Turmsaal bleiben in ihrem fragmentierten Zustand erhalten.
Einzig mit dem Raummöbel in der Westkonche setzen die Architekten einen feinen Kontrapunkt, der mit der Überarbeitung noch reduzierter wurde. In der ersten Stufe stand das Möbel frei im Raum, nun schmiegt es sich an die Rundung der Wand. Damit das Gewölbe statisch nicht verstärkt werden muss, ist der Einbau aus Brettsperrholz konstruiert, was Gewicht spart. Der schlichte Körper ist als All-in-One-Lösung konzipiert: Er markiert den Übergang zwischen Hauptportal und offenem Kirchenraum, nimmt die Orgel auf und bietet Platz für das Schaudepot. Die Exponate werden auf Schiebelementen präsentiert, die auf Rollen bewegt werden können. Nachdem man die Kunstwerke betrachtet hat, kann man sie im Raummöbel wie in einem Schrank verstauen, wo sie klimatisch kontrolliert lagern.
Viele Projekte zielen in eine ähnliche Richtung, folgen der Kunst des Weglassens aber nicht so konsequent wie Kuehn Malvezzi. Knerer und Lang Architekten, die ihr Projekt ebenfalls überarbeitet haben, schließen die Decke mit einer Kuppel, die im Raum zu schweben scheint. Niedrige Einbauten folgen der Außenwand und nehmen das Schaudepot auf. Die Eingriffe sind behutsam, verändern den brüchigen Eindruck der Vergangenheit aber doch wesentlich, insbesondere beim Dach.
Winfried Brenne Architekten und Nils Meyer Architekten, mit einen Ankauf prämiert, platzieren zwei freistehende Emporen, die sie mit schlichten Holzbänken kombinieren. Der Vorschlag ist subtil, greift aber stärker in den Raum aus als jener der Sieger. Max Dudler definiert den Grundriss wie manch andere Teilnehmer mit einem Möbel, das von den Wänden abgesetzt ist. Die Dimension des Kirchenschiffs bleibt erlebbar, die Wahrnehmung wird trotzdem deutlich verändert.
Einige Büros treten die Flucht nach vorne an und entwerfen einen Konterpunkt zum Barock, überspannen den Bogen aber alle. Königs Architekten verteilen unterschiedlich hohe Emporen aus Blech im Kirchenraum und hängen gläserne Vitrinen unter die Decke, was ihnen einen Ankauf einbrachte. Graft Architekten arbeiten als Bühnenbildner und installieren unter dem Dachstuhl einen Schnürboden, an dem die Kunstwerke aufgehängt sind. Innert Minuten verschwinden ganze Ausstellungsteile im Himmel. Doch die Flexibilität hat ihren Preis. Statt in einer Kirche wähnt man sich auf einer Theaterbühne.  Noch dramatischer überformen P.arc, Ittenbrechbühl und Niall McLaughlin den Bestand. Sie legen ein feines Metallgitter in den Raum, das das Licht schillernd nach unten fallen lässt. Ein poetischer, aber eben auch radikaler Eingriff. Die ursprüngliche Architektur verschwindet hinter dem Dickicht der Stäbe. Umso schlüssiger erscheint darum das Siegerprojekt, das mit fast nichts operiert. Manchmal ist weniger mehr.
Anonymer Ideen- und Realisierungswettbewerb
ein 2. Preis (zur Realisierung empfohlen) Kuehn Malvezzi Architekten; Berlin, Winter, Berlin
ein 2. Preis Knerer und Lang Architekten, Dresden; Gesa, Dresden
Ankauf Winfried Brenne Architekten, Berlin; Nils Meyer Architekten, Berlin; Ingenieurbüro Axel C. Rahn, Berlin
Ankauf Königs Architekten, Köln; Donker & Dammann, Oldenburg
Fachjury
Volkmar Bleicher, Matthias Hoffmann-Tauschwitz, Marc Jordi, Rüdiger Lorenz, Volker Staab, Michael Kny
Fakten
Architekten Kuehn Malvezzi Architekten, Berlin; Winter, Berlin; Knerer und Lang Architekten, Dresden, Gesa, Dresden; Winfried Brenne Architekten, Berlin; Nils Meyer Architekten, Berlin; Ingenieurbüro Axel C. Rahn, Berlin; Königs Architekten, Köln; Donker & Dammann, Oldenburg
aus Bauwelt 6.2016
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