Wessen Moderne?

Es war ein politischer Angriff auf das Erbe der architektonischen Moderne in Indien: der Abriss der Hall of Industries und der Hall of Nations im Juli 2017. Die Hallen auf dem Messegelände Pragati Maidan in Neu-Delhi, entworfen von Raj Rewal und Mahendra Raj, sind nicht die einzi­gen Gebäude, die dem Rechtsruck unter der hindu-nationalis­tischen Regierung zum Opfer fallen werden. Zeit, um über Indiens Moderne auch aus europäischer Perspektive neu nachzudenken.

Text: Fenk, Anne-Katrin, Berlin

Vergessene Größe: das 1972 realisierte Shri Ram Centre in Neu-Delhi von Shivnath Prasad und Mahendra Raj
Foto: Felix Krebs

Vergessene Größe: das 1972 realisierte Shri Ram Centre in Neu-Delhi von Shivnath Prasad und Mahendra Raj

Foto: Felix Krebs


Wessen Moderne?

Es war ein politischer Angriff auf das Erbe der architektonischen Moderne in Indien: der Abriss der Hall of Industries und der Hall of Nations im Juli 2017. Die Hallen auf dem Messegelände Pragati Maidan in Neu-Delhi, entworfen von Raj Rewal und Mahendra Raj, sind nicht die einzi­gen Gebäude, die dem Rechtsruck unter der hindu-nationalis­tischen Regierung zum Opfer fallen werden. Zeit, um über Indiens Moderne auch aus europäischer Perspektive neu nachzudenken.

Text: Fenk, Anne-Katrin, Berlin

Von Beginn an war das Erbe der indischen Moderne ein schwieriges, doch noch nie war es so gefährdet wie heute. Der Umbau zu einem hindu-nationalistischen Staat geht einher mit einem städtischen Umbau, der sich radikal gegen die Generation der Unabhängigkeit und der architektonischen Moderne richtet. Alte Argumente werden angeführt, um moderne Architektur und modernen Städtebau als westlich zu kritisieren. Vor allem die Projekte der Fünfziger und Sechziger werden als „unindisch“ und – paradoxerweise – als unmodern diffamiert. Zu dieser Wahrnehmung trägt auch der Ausbau des staatlichen Smart-City-Programms bei. Der wissenschaftliche, kulturpolitische und journalistische Freiraum nicht regierungsnaher Insti­tutionen wurde in den letzten Jahren stark eingeschränkt. Auch der unabhängigen Forschung wurde ein Riegel vorgeschoben.
Die Geschichte der indischen Moderne ist eine Geschichte vieler Ankünfte. Bereits zu Beginn des 20. Jahrhundert haben moderne Strömungen zu einem regen Kulturaustausch über die Grenzen hinaus geführt. Das avantgardistische Zentrum der ersten Moderne lag in Shantineketan (Bengal), gelei­tet von dem Philosophen und Literaten Rabindranath Tagore, dem es zu verdanken ist, dass 1922 in Kalkutta die erste und einzige Bauhaus-Ausstellung Indiens stattfand. Die zweite Moderne entfaltete ihre Wirkung nach der Unabhängigkeit. Die Teilung in Indien, Pakistan und Bangladesh und der Umbau zu einer demokratischen Nation zogen eine enorme Bandbreite an architektonischen und städtebaulichen Projekten nach sich. Vor allem der Bau der Stadt Chandigarh löste weltweit Furore aus. Wenig bekannt ist dagegen über die Architekten und Planer, die den Umbruch Indiens mitgestaltet haben oder über die Generation, die das Erbe der Moderne weiterführte. Die wissenschaftliche Betrachtung der indischen Baugeschichte, zumeist aus dem europäischen Raum, verschärft den Diskurs eher als dass sie hilft. Oft beginnt und endet die Aufarbeitung mit Chandigarh und den Namen Le Corbusier und Luis Kahn. Mit dem neuen Pritzker-Preisträger Balkrishna Vithaldas Doshi kommt nun immerhin ein weiterer Name hinzu. Die Architektinnen und Architekten, die keine direkte Linie zu den Größen der westlichen Moderne aufweisen können, bleiben dagegen unsichtbar.

Anschaulich lässt sich das an der Figur des Architekten Achyut Kanvinde nachzeichnen, der in Harvard unter Walter Gropius studierte und bei dessen Frühwerk die Formsprache des Bauhaus ablesbar ist (ATIRA Building, Ahmedabad). Seine späteren, ebenfalls eigenständigen Arbeiten, die er nach den Grundsätzen der Moderne entwickelte, wurden international kaum wahrgenommen. Ähnlich erging es den Architekten Hasmuk Patel und dem Ingenieur Mahendra Raj (siehe Bild: Shri-Ram-Kulturzentrum von Mahendra Raj und Shivanth Prasad). Alleinig ihren Söhnen ist es zu verdanken, dass erstmalig Publikationen zu dem außergewöhnlichen Lebenswerk der beiden Protagonisten vorliegen. Das Ringen um ein Selbstbewusstsein der indischen Moderne wird auch in den ambitionierten Publikationen jener Zeit deutlich. Progressive Zeitschriften wie DESIGN (Patwant Singh) und MARG (Mulk Raj Anand, Otto Königsberger) begleiteten mit kritischen Worten die Werke der Moderne. Beide Zeitschriften sowie zahlreiche Architekten und Planer – Shivnath Prasad, Vina und Piloo Mody, Kuldeep Singh, Arvind Tala­ti, Pravina Mehta und viele weitere – warten auf ihre Wiederentdeckung als wegweisende Akteure. Gerade im hiesigen Feiertaumel des Bauhausjubi­läums stellt sich die Frage: Was würden wir feiern, wenn die Protagonisten der Moderne keine Fürsprecher hätten, wie es sich in Indien darstellt?
Rabindranath Tagore, Vordenker und Vater der indischen Moderne, schrieb 1917: „Vielfalt ist ein eckiges Ding, das mit voller Kraft geschleppt und geschoben werden muss.“ Es bleibt abzuwarten, wie viel Kraft in den kommenden Jahren zur Sicherung des modernen Erbes des Landes aufgebracht wird. Wünschenswert wäre, dass hierzu auch Impulse aus Europa kämen. Es geht um mehr als nur den Verlust von Bauwerken, es geht um den Verlust einer demokratischen Idee von Architektur und Stadt.

Bildstrecke mit Werken der indischen Moderne und des Pritzker-Preisträgers Balkrishna Doshi

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