U60311

Text: Thein, Florian, Berlin

Foto: Florian Thein

Foto: Florian Thein


Foto: architektei mey

Foto: architektei mey


U60311

Text: Thein, Florian, Berlin

Der in einer ehemaligen Fußgängerunterführung untergebrachte Frankfurter Technoclub U60311 hat seine Türen geschlossen. Die schon seit längerem diskutierte Frage zum Umgang mit seinen abgenutzten, oberirdischen Zugangs­-bauten rückt damit erneut in den Fokus. Neugestaltung, Abriss oder Teilabriss stehen im Raum. Verhandelt wird dabei eine der meistausgezeichnetsten Architekturen der Stadt. Ein Rückblick
Zur Zeit des Glaubens an die autogerechte Stadt entsteht am Frankfurter Rossmarkt eine Fußgängerunterführung. Die unterführte Straße ist jedoch mit wenigen Schritten überquert, die Frankfurter bevorzugen den direkten Weg. Die Ladengeschäfte im Tiefgeschoss werden mangels Kundschaft schon bald wieder aufgegeben. Sozialer Kontrolle entzogen, entwickelt sich die Passage zum ungefügten Angstraum. Die Stadt verschließt wenige Jahre später die Zugänge mit Gerüstbrettern. Das Provisorium hat ein gutes Jahrzehnt Bestand. Erst zu Beginn der Neunziger rückt die Immobilie mit zentraler Innenstadtlage wieder ins öffentliche Bewusstsein, mögliche Umnutzungen werden diskutiert. Ein Technoclub setzt sich schließlich gegen Fahrradgarage und Obdachlosenasyl durch.

1994 beginnen die beauftragten Architekten Bernd Mey und Christian Pantzer mit der Planung für den Club. Das Projekt erweist sich als äußerst komplex – neben der eigentlichen Unterführung zieht sich ein unterirdisches Labyrinth über fünf Geschosse durch den Untergrund. Stromversorgungstrassen der U-Bahn kreuzen, Zugangsrechte, Fluchtwege, Brandschutz und Entrauchung müssen geklärt werden, zeitweise sind fünfzehn verschiedene Ämter involviert. Erst knappe vier Jahre später eröffnet 1998 das „U60311“ – U für Untergrund, 60311 für die Postleitzahl des Standortes. Der Zeitpunkt hätte kaum besser gewählt sein können, passend zur Eröffnung muss eine Institution der Frankfurter Technokultur, die Diskothek „Omen“, ihren Standort in der Junghofstraße räumen. Deren Publikumsmagnet DJ Sven Väth zieht von dort ins „U60“, mit ihm andere, namhafte Kollegen und natürlich die ehemaligen Besucher.

Technoästhetik

Der Club kann sich schnell etablieren und ist mehrfach an der Spitze nationaler wie internationaler Bestenlisten zu finden. Das U60 ist lauter und härter als andere Clubs, der Druck der Bässe im wahrsten Sinne atemraubend. Der spartanische, schwarze Bunker mit der niedrigen Decke, von allem Überflüssigen befreit, bietet eine adäquate, räumliche Entsprechung zum monoton-maschinellen Sound.

Die schnörkellose Härte des Untergrunds vermittelt das Architekturkonzept von Mey und Pantzer auch oberirdisch. Drei der vier ehemaligen Abgänge zur Unterführung sind mit Pavillons überbaut – konsequente Kisten aus Beton, Glas und rauem Holz. Darin verbergen sich Technik und Zugänge zum Club und zur angeschlossenen „U-Bar“. Die Technoästhetik polarisiert von Beginn an. Der rauen Erscheinung ist jedoch auch ein feinfühliger Orts- und Geschichtsbezug eingeschrieben. Die Sockelverkleidung des Zugangspavillons zur Bar besteht aus den Gerüstbrettern, mit denen die Unterführung verschlossen war. Über dem Sockel thront eine Haube aus Glas, mit Fotos des gleichen Brettermotivs bedruckt, abends hinterleuchtet. In aufwendig detaillierter Schlichtheit wird der Glaskörper von filigranen Stahlprofilen gefasst. Beim Technikpavillon, dem Zwilling auf der gegenüber liegenden Seite, dienen die Gerüstbretter als Schalung für den Betonsockel, da­rüber die gleiche Glashaube, bedruckt mit dem fotografierten Holzrelief aus Beton. Mit typologischer Analogie zu den umliegenden Verkaufsvitrinen und Schaufenstern fügen sich die Bauten in die Umgebung ein und kommentieren mit ihrer scheinbar profanen Materialabbildung gleichzeitig deren Konsum­orientierung. Auch der Haupteingang erweist der Geschichte des Ortes Referenz, hinter der Fassade aus Bauglas sind Becher ausgestellt, die auf den ersten Blick an Nasspräparate aus dem Naturkundemuseum erinnern. Es handelt sich um Erdproben aus den frühen Jahren des Frankfurter U-Bahnbaus, die in großen Mengen im Keller der Unterführung lagerten. Der Umgang mit dem Vorgefundenen ist Leitmotiv des Entwurfs und findet große Zustimmung in der Fachwelt, was sich in zahlreichen Preisvergaben äußert. Auch beim 1999 erstmalig ausgelobten Bauweltpreis überzeugt das Projekt die Jury (Bauwelt 1–2.99).

Wurstbude

Um das Jahr 2002 rückt eine Welle von Razzien das U60 in der öffentlichen Wahrnehmung zunehmend in ein schlechtes Licht – zu viele Drogen, viel zu junge Gäste. Auch ist die Technokultur als Phänomen der 90er Jahre nicht nur musikalisch im Wandel, 2004 eröffnet Sven Väth den „Cocoon Club“ im Frankfurter Osten mit dem Versuch einer Symbiose aus Techno und Haute cuisine. Die Gestaltung seines neuen Clubs ist organisch, glatt und farbenfroh. Viele ehemalige DJs des U60 arbeiten nun exklusiv für Väth, die Besucherzahlen am Rossmarkt sinken. Um neue Zielgruppen zu erschließen, öffnet sich das Clubkonzept einer breiteren Masse und wird heterogener, was konstante Besucherzahlen sichert, jedoch die einstige Exklusivität und Qualität vermissen lässt. Der Innenraum wird umgestaltet und erhält eine dem Zeitgeschmack geschuldete LED-Decke – im Außenbereich fallen erhaltende Maßnahmen aus. Obwohl dauerhaft und robust konstruiert, verkommen die Pavillons zusehends. Defekte Leuchtmittel werden nicht getauscht, gesprungenes Glas mit Klebeband gesichert, später lieblos mit Metallplatten abgedeckt. Verblassende Beschriftung bröckelt, Graffiti und massive Plakatierung ergänzen die traurige Erscheinung. Man kann es den umliegenden Geschäften nicht Verdenken, dass zur Weihnachtszeit auf ihre Initiative hin eine Folie mit Christbaum- und Engelmotiven das Elend bedeckt. Der ästhetische Tiefpunkt ist erreicht, als der Eingangsbau tagsüber zur Wurstbude umfunktioniert wird.

Ein unfassbares Ereignis in der Nacht zum Ostermontag 2011 spaltet die Szene um das U60 vollends. Mehrere Türsteher schlagen einen Gast derart brutal zusammen, dass dieser einige Tage später im Krankenhaus stirbt. Die Clubbetreiber ziehen sich mit Verweis auf die eingesetzte Drittfirma aus der Verantwortung. Nachdem kein Wort des Bedauerns fällt und schon kurze Zeit später wieder geöffnet wird, meiden viele DJs und langjährige Fans den Club. Die Stadt kündigt umgehend den Mietvertrag und fordert die Schließung. Es folgt ein anderthalbjähriges Katz-und-Maus-Spiel zwischen U60 und Stadt mit zeitweiser Schließung, Insolvenzantrag, Wiedereröffnung, ungeklärten Mietschulden und Verantwortlichkeiten. 2013 wird schließlich die Zwangsräumung angeordnet, seit Mitte Januar sind die Schlösser ausgetauscht, an den Türen klebt das Pfandsiegel des Gerichtsvollziehers.

Bewahren, entstellen, zerstören?

Dass aufgrund des schlechten Zustandes der Pavillons Handlungsbedarf besteht, ist unstrittig. Alternativen zu Abriss oder Umgestaltung scheinen derzeit ausgeschlossen. Sollte bei Neuvermietung, wie vom Liegenschaftsamt angestrebt, eine ähnliche Nutzung in die ehemalige Unterführung ziehen, spräche allerdings wenig dagegen, auch eine Instandsetzung in Erwägung zu ziehen. Bereits seit 2010 gibt es jedoch seitens der Stadt konkrete Vorstellungen einer Neugestaltung.

Die gerade einmal fünfzehn Jahre alte Architektur erlangt mit zahlreichen Auszeichnungen eine Schöpfungshöhe, die ein Urheberrecht der Architekten an ihrem Werk sicherstellt. Das mag mit ein Grund sein, warum Bernd Mey von der Stadt beauftragt ist, die gestalterische Neukonzeptionierung planerisch zu begleiten. Vor Abriss schützt ihre Qualität die Bau­ten allerdings nicht, eine vollständige Zerstörung stellt für den Gesetzgeber grundsätzlich keine Verletzung des Urheberrechts dar.

Wem im derzeitigen Planungsverfahren letztlich die Gestaltungshoheit obliegt, bleibt diffus. Inzwischen sind mehrere Entwürfe und Bauanträge entstanden, ein ähnlich stringentes und durchdachtes Konzept wie das ursprüngliche ist bislang nicht in Sicht. Zu beliebig wirken die oberflächlichen Maßnahmen, die sich auf eine Fassadenverschönerung mit Schichtglas, Gitterrost oder Begrünung beschränken. Grundsätzlich verschließt sich Mey einer Umgestaltung nicht: „Dinge ändern sich nun mal ...“ Den finanziellen Aufwand beurteilt er jedoch kritisch, da „eine Instandsetzung des Vorhandenen natürlich nur den Bruchteil einer Neuplanung kosten würde“. Einen höheren, sechsstelligen Betrag will die Kommune für die Umgestaltung in die Hand nehmen, ein ortsansässiger Juwelier steuert eine unbekannte Summe bei. Dass der Technikpavillon mit dem Betonrelief vor seinem Ladengeschäft abgerissen wird, ist inzwischen beschlossen.
Fakten
Architekten Mey, Bernd, Frankfurt; Pantzer, Christian, Frankfurt
aus Bauwelt 7.2013
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