„Sie schlafen in heiligen Räumen“

Text: Redecke, Sebastian, Berlin

Foto: Dora Strebel

Foto: Dora Strebel


Marcus Bleyl

Marcus Bleyl


„Sie schlafen in heiligen Räumen“

Text: Redecke, Sebastian, Berlin

Helmut Newton schwärmte von dem Hotel Bogota in Berlin. Das 1911 errichtete Gebäude war in früheren Zeiten ein luxuriöses Appartementhaus, in dem sich im vierten Stock das Modefotoatelier von Else Ernestine Neuländer, genannt Yva, befand. Sie war die Lehrmeisterin des 17-jährigen Newton, damals Neustädter. Die bewegte Geschichte des immer wieder umgebauten Hauses ist auch heute noch überall ablesbar. Im Oktober droht dem Hotel die Zwangsräumung.
Soll man sich erneut über den Verlust eines besonders geschichtsträchtigen Ortes am Kurfürstendamm echauffieren? Ist es nicht der Lauf der Zeit, dass Altbauten, wenn sie sich finanziell nicht mehr tragen, umgebaut und einer anderen Aufgabe zugeführt werden? In den letzten zwanzig Jahren sind zahlreiche Kinos, das Café Kranzler und zuletzt das frühere Restaurant Bovril für Luxusboutiquen aufgegeben worden. Auch dem legendären „Maison de France“ von 1950 droht das Aus. Mit der neuen Zeit sind Teile des Boulevards zur Meile des großen Geldes geworden. Wenn die Rendite stimmt, kann sich das Geld plötzlich mit aller Macht an einen bestimmten Ort drängen und massiven Druck auf Immobilien ausüben. Dagegen scheint kein Kraut gewachsen. Das alte Hotel Bogota an der Ecke Schlüterstraße, schräg gegenüber von unserer Redaktion, ist akut von einer Zwangsräumung bedroht. Wir möchten mit dazu beitragen, dass unser Nachbarhaus von 1911 mit dem weithin sichtbaren orangefarbenen Baldachin doch noch eine Chance bekommt, weiterzumachen. Denn das Bogota ist bei weitem nicht nur ein Hotel, sondern ein ganz besonderes Dokument der Zeitgeschichte aus verschiedenen Epochen, ein offenes Haus der Kultur – seit 1976 in den Händen der Hotelierfamilie Steffen Rissmann. Die Bilder in den Salons dokumentieren die Leidenschaft des Sohnes Joachim für die Kunst, vor allem die Fotografie. Er leitet heute das Haus und organisiert Fotoausstellungen, Workshops, Lesungen und Musikabende.
Was ist passiert?
Das Hotel wurde 2005 für 5,2 Millionen Euro verkauft. Der Käufer Thomas Bscher ist seit vielen Jahren auf dem Gebiet der Immobilien-Wertmaximierung tätig und besitzt bereits die Nachbarhäuser am Ku’damm sowie einen anderen pompösen Altbau von 1906 an der Ecke Leibnizstraße. Sie alle wurden in den letzten Jahren komplett (tot)saniert. Nun ist das Hotel Bogota dran. Auf der anderen Seite zahlt der Mieter Joachim Rissmann seit März so gut wie keine Miete mehr, die inkl. Nebenkosten bei rund 56.000 Euro monatlich liegen soll und in den letzten Jahren stetig angehoben worden sei. Angeblich ist es mit den Einnahmen nicht mehr zu schaffen. Hintergrund sind die zahlreichen neuen Hotels in der Stadt, meist Ketten, die kostengünstiger arbeiten können und Standardkomfort bieten. Die Konkurrenz ist sehr hart geworden.  
Geschichte
Nur ein kleiner, sehr verkürzter Einblick: Erst seit 1964 ist das Gebäude ein Hotel. Einst beherbergte es großbürgerliche, bis über 400 Quadratmeter große Wohnungen, meist bewohnt von jüdischen Geschäftsleuten wie dem Kunstsammler Oskar Skaller, der in seinem Salon rauschende Tanzfeste organisierte. Die berühmteste Bewohnerin war die Mode- und Frauenfotografin Yva. In der Nazizeit wurde das Gebäude enteignet, viele Bewohner ereilte ein furchtbares Schicksal. Nachdem die Reichskulturkammer in der Wilhelmstraße ausgebombt war, zog sie in das Haus. Das riesige Büro des NS-Kulturzensors Hans Hinkel ist heute ein Fernsehraum des Hotels. Nach dem Krieg befand sich in dem Gebäude die britische Entnazifizierungskammer für Künstler. Gustaf Gründgens, Heinz Rühmann, Wilhelm Furtwängler und viele andere mussten hier erscheinen, um eine „Unbedenklichkeitsbescheinigung zu erhalten. Nach einer weiteren Zwischennutzung begannen sich in den riesigen Wohnungen Etagenpensionen einzurichten. Im vierten Obergeschoss öffnete das Hotel Bogota. Der zurückgekehrte jüdische Emigrant Heinz Rewald gab ihm den Namen der kolumbianischen Hauptstadt, wo er als Flüchtling gut aufgenommen worden war. Nach und nach nahm das Hotel mit 115 Zimmern das gesamte Gebäude ein. Viele Größen der Theater- und Künstlerwelt steigen hier ab. Auch der Fotograf René Burri zählt zu den Stammgästen und wohnt immer im gleichen Zimmer, zuletzt im April. Im Souterrain des Hotels hatte Eckart Muthesisus (1904–89), Sohn von Hermann Muthesius, sein Büro. Die große Zeit des Architekten fiel in die dreißiger Jahre, als er in Oxford den späteren Maharadscha von Indore kennenlernte. Er entwarf dessen Palast, den er auch ausstattete. 1982 wurde das gesamte Interieur in Monaco versteigert. In einem der Salons des Hotels finden sich u.a. zwei Deckenlampen aus der Zeit. Fotos der luxuriösen Wohnanlage in Indien hängen in einer der Wandelhallen.
Ausblick
Die Zeit drängt. Miete wird nicht gezahlt. Der Eigentümer hat daraufhin dem Hotelier gekündigt und Räumungsklage inkl. Verpfändungsrecht für das Interieur eingereicht. Er will das Haus im großen Stil umbauen – angeblich in den Originalzustand von 1911 versetzen, und es dann wie seine anderen Objekte am Ku’damm vermarkten. Im Erdgeschoss sind Läden und Gastronomie geplant, oben könnte er sich auch ein Hotel vorstellen, aber sicherlich in einer anderen Kategorie und ausgestattet mit dem Üblichen. Es soll also genau das verschwinden, was die Einzigartigkeit des Hotels Bogota ausmacht: ein Interieur mit unmittelbar erlebter Geschichte, das sich durch die Umbauten und Ergänzungen im Laufe der Zeit Überlagernde – und die liebevollen Reparaturen, für die der Hotelier ein Faible hat. Durch dieses authentische Innenleben mit vielen Spuren des Unperfekten genießt das Haus in der Kulturgeschichte der Stadt einen Sonderstatus. Es braucht allerdings auch genügend Hotelgäste, die das sehen, begreifen und zu schätzen wissen. Fragt man Rissmann nach seiner Vision, so blüht er auf: Er träumt von einem „Kulturhaus“, das von einer Stiftung getragen wird. Es wäre weiterhin ein Hotel mit verschiedenen Kultureinrichtungen und evtl. auch mit Büronutzung. Dieser Traum des sympathischen Idealisten wird wohl nie in Erfüllung gehen. Die Profitgier ist stärker. 

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