Ebertplatz in Köln: Die Qualität durch den Dreck sehen

Der Ebertplatz in Köln ist Zeugnis der 70er-Jahre und ­ein Problem-Ort. Von Zuschütten bis Denkmalschützen reicht die Bandbreite der Verbesserungsvorschläge. Doch ein gangbarer Weg wäre ein anderer.

Text: Winterhager, Uta, Köln

    Foto: Reinhard Matz

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Ebertplatz in Köln: Die Qualität durch den Dreck sehen

Der Ebertplatz in Köln ist Zeugnis der 70er-Jahre und ­ein Problem-Ort. Von Zuschütten bis Denkmalschützen reicht die Bandbreite der Verbesserungsvorschläge. Doch ein gangbarer Weg wäre ein anderer.

Text: Winterhager, Uta, Köln

Während überall der wiederentdeckte Brutalismus gefeiert wird, hat Köln mit dem Brutalismus ein sehr konkretes Problem: den Ebertplatz. Denn der Ebertplatz ist keine jener fotogenen Wahnsinnsarchitekturen, sondern seit der Eröffnung 1977 ein Zeugnis seines Scheiterns. Zumauern oder Zuschütten schlägt die Stadt nun, nach einem Mord im Drogenmilieu, vor. Ernsthaft? Hoffentlich nicht. Aber die Stadt will ein Zeichen setzen. Doch bitte keines, das die Hilflosigkeit auch noch manifestiert!
Dabei hatte es so gut angefangen: Der Ebertplatz entstand um 1880 in einer Folge von Schmuckplätzen und Boulevards auf der Fläche des zur Stadterweiterung niedergelegten Festungsrings. Nach dem Krieg wurde Köln neu gedacht und viele der großzügigen, grünen Flächen dem Verkehr geopfert. Bis es am Ebertplatz so weit war, vergingen Jahrzehnte, inzwischen hatte die Nord-Süd-Fahrt Platz und Ring mit sechsspurigem Verkehr zerschnitten, während untertage der größte U-Bahn-Knotenpunkt der Stadt entstanden war. Mit diesen Rahmenbedingungen sollte auf der rund 8000 Quadratmeter großen Verkehrsinsel ein moderner Platz als Verbindung und Kommunikationspunkt für die anliegenden Veedel entstehen. Doch als der Entwurf des Baudezernenten Werner Baecker umgesetzt wurde, war die Zeit schon darüber hinweggegangen.
Anklänge an die nur einen Kilometer Luftlinie entfernte Domplatte sind deutlich, denn auch Baeckers Lösung bot den Fußgängern einen Schutzraum. Über Tunnel gelangten sie auf die abgesenkte Platzfläche. Der Transitbereich im Westen, der vier Straßen erschließt, wurde als halboffene Ladenpassage gestaltet, im Osten führte eine breite Rampe weiter hinunter zu den U-Bahnen. Dazwischen blieb viel Raum, die Ränder wurden mit Hochbeeten begrünt, etwas außermittig platziert, ersetzte die „Wasserkinetische Plastik“ des Künstlers Wolfgang Göddertz den historischen Springbrunnen. Auch diese neue Stadtlandschaft wurde aus Beton geformt, die Geometrie bis ins Detail vom Sechseck bestimmt.
Brutalistisch nennen das heute die einen und horchen auf, doch unter jenen, die diese Formel nicht kennen, hat der Platz nie Freunde gefunden. Aber es wäre zu einfach zu sagen, die Architektur sei schuld. Schleichend, aber kontinuierlich wurden nicht nur die Qualitäten, sondern auch die Funktionen dieses öffentlichen Raumes ignoriert und vernachlässigt: Ein Drittel der Lampen wurde demontiert, an funktionierende Rolltreppen erinnert sich kaum noch jemand, und der Brunnen ist seit langem trocken. Die dunklen Ecken wurden noch schmutziger und unheimlicher, ungepflegtes Gehölz nimmt die Sicht. Selbstverständlich kann niemand dort unten einen Laden betreiben – auch nicht mietfrei –, und selbstverständlich wurden die Bedingungen für den Drogenhandel irgendwann ideal. Fast fragt man sich, ob es Kalkül war, die absehbare Folge vom Meiden über das Ignorieren bis zum Aufgeben nicht zu stoppen.
Dabei ist es nicht so, als wäre der Ebertplatz nie im Gespräch gewesen. Ganz offiziell wurde die Umgestaltung im 2008 von AS+P erstellten Masterplan als kurzfristige Maßnahme klassifiziert: Die Unterwelt sollte zugeschüttet werden, um die Fläche wieder als Schmuckplatz und wieder in Insellage zu gestalten. Fast könnte man es Glück nennen, dass sich die Stadt jahrelang mit der Idee einer Tiefgarage verzettelte, die sich jedoch nach einer im Herbst 2015 vorgelegten Studie als unwirtschaftlich erwies. Denn Köln braucht keinen isolierten und prätentiösen Schmuckplatz dieser Dimension, sondern vernetzte öffentliche Räume, die mehr leisten, mehr ermöglichen und mehr aushalten. Nun ist ein Werkstattverfahren für eine langfristige Lösung in Vorbereitung.
Weil aber auch sofort etwas passieren muss und mehr Polizeipräsenz zu wenig Erfolg brachte, schlug die Stadt vor, die Ladenpassage zuzumauern. Dabei übersahen die zuständigen Ämter jedoch die eine wesentliche Qualität, die der Ebertplatz derzeit hat. Hier unten konnte sich in den letzten zehn Jahren eine freie Kunstszene entwickeln. Organisiert im „Brunnen e.V.“ und „Labor e.V.“ mieten sie die Ladenlokale und profitieren von dem unwahrscheinlichen Glück, mitten in der Stadt einen bislang wenig beachteten Ort gefunden zu haben. Für sie sei, so der Künstler und „Labor“-Gründer Michael Nowottny, der Ebertplatz ein wunderschöner, urbaner Ort mit mystischer Ausstrahlung, eine innerstädtische Nische für die Kunst.
Die Künstler waren schon vor den Dealern da, sie zahlen Miete an die Stadt und haben in ihren Galerieräumen, aber auch auf dem Platz davor schon hunderte von Veranstaltungen in verschiedensten Formaten und unterschiedlichen lokalen, aber auch internationalen Kollaborationen durchgeführt. Mit der Kündigung der Mietverträge und der Schließung der Passage vernichtet die Stadt den Kunst- und Kulturstandort Ebertplatz. Eine unkluge Entscheidung, denn die Künstler sind nicht das Problem, vielmehr zeigen sie den Ansatz einer Lösung auf. Architekten, darunter Christian Schaller und Bachmann Badie, rufen zum Weiterbauen auf und legten schon vor Jahren Entwürfe vor, die beweisen, dass die Defizite der Platzgestaltung ohne Zumauern oder Zuschütten, aber mit den Künstlern behoben werden können.
Man müsse nur lernen „die Qualität durch den Dreck zu sehen“, fordert die ehemalige Stadtkonservatorin Hiltrud Kier und setzt sich dafür ein, den Ebertplatz – der einzige Platz dieser Zeit in Köln – als Denkmal zu erhalten. Doch wofür wird dieses Denkmal stehen? Seine offizielle Geschichte ist keine gute, sie handelt von Vernachlässigung und Versagen. Hoffnung findet sich nur zwischen den Zeilen, im Informellen, Ungeplanten, das mit den Künstlern dort eingezogen ist. Hier gilt es anzusetzen, wenn man weiterbauen will – ein Denkmal im konventionellen Sinne kann der Ebertplatz nicht sein.
Zum Bild:
Aus dem Lichthof der U-Bahnpassage ragt ein Baugerüst. Von der oberen Arbeitsplattform schaufelt ein Bauarbeiter unentwegt groben Kies in eine Schuttrutsche. Am Fuß des Gerüsts hat sich ein Kieshaufen gebildet. Passanten der Tiefebene treffen hier auf einen weiteren Arbeiter, der den Kies in einen Trog schippt und ihn mit dem Schrägaufzug wieder nach oben befördert. „Fallen und Steigen“, ein Beitrag des Künstlers Christian Hasucha zum Festival „Kunst Basis Ebertplatz“ im Juli 2017.

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