Ein grundsympathischer Typ

Jan Friedrich erinnert sich etwas wehmütig an einen alten Bekannten

Text: Friedrich, Jan, Berlin


Ein grundsympathischer Typ

Jan Friedrich erinnert sich etwas wehmütig an einen alten Bekannten

Text: Friedrich, Jan, Berlin

Ich habe das dringende Bedürfnis, über einen Bekannten aus vergangenen Zeiten zu sprechen. Über jemanden, der über viele Jahrzehnte, ach was: Jahrhunderte allgegenwärtig war, in letzter Zeit aber kaum mehr gesehen wurde. Inzwischen ist es so weit gekommen, dass im Grunde niemand mehr seinen Namen in den Mund nimmt. Er ist der Onkel, der in jungen Jahren ein toller Hecht war, heute allen in der Fa­milie aber nur noch peinlich ist. Ja, ich möchte vom Fortschritt sprechen. Kürzlich habe ich bemerkt, dass ich ihn zu vermissen beginne. „Wieso denn das?“, fragen Sie sich.
Nun, versuchen wir uns zu erinnern, wer das eigentlich genau war. Früher, als der Fortschritt noch nicht so weit fortgeschritten war, wäre ich dazu an das lange Regal hinter mir gegangen, hätte dort den passenden Band der Brockhaus-Enzyklopädie herausgezogen, um darin nach der präzisen Definition zu suchen. Heute, nachdem der Fortschritt zentnerschwere Nachschlagewerke hat obsolet werden lassen, hacke ich den Begriff mit flinken Fingern in mein Smartphone. „Fortschritt bezeichnet eine – zumeist im positiven Sinne verstandene – Änderung eines Zustandes. Gegenbegriffe sind Rückschritt oder Stillstand. Fortschritt und Innova­tionen begünstigen einander“, spuckt Wikipedia nach kaum einer Sekunde aus. Das war er also, der Fortschritt. Eigentlich ein grundsympathischer Typ. Schade, dass er sich vor einigen Jahren selbst in Misskredit brachte. Weil er sich derart großartig fand, dass er nur noch nervte mit seinem Imponiergehabe und seinem Drang, alle und alles zu dominieren.
Keiner, wirklich keiner würde sich heute mehr als „fortschrittlich“ bezeichnen, würde behaupten ein fortschrittliches Konzept entwickelt zu haben, fortschrittliche Architektur zu bauen, fortschrittliche Städte zu planen – nein, das wäre einfach nur peinlich. Profitiert von der Selbstdemontage des Fortschritts hat, um das Familienbild vom Anfang noch einmal zu bemühen, eine Tante, die bei Wikipedia im letzten Satz der Fortschrittsdefinition Erwähnung findet: die Innovation. Heute sind wir „innovativ“, entwickeln innovative Konzepte, bauen innovative Archi­tektur, planen innovative Städte. Sie verstehen jetzt, warum ich den Fortschritt zu vermissen beginne?

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