Die großen Unbekannten – Architektinnen der DDR

Der Blick auf die Baugeschichte der DDR ist auf groteske Weise fokussiert: Einige wenige Männer stehen im Blickpunkt, viele andere, sowohl Frauen wie Män­ner, die an entscheidenden Stellen mitgearbeitet haben, werden nirgends erwähnt. Unsere Autorin zeigt anhand ausgewählter Projekte, welche Architektinnen welche Bauten entwor­fen und ausgeführt haben: Teil einer ungeschriebenen Baugeschichte

Text: Scheffler, Tanja, Dresden

    Besprechung für das Zeiss-Großplanetarium im neuen Ost-Berliner Wohngebiet des Ernst-Thälmann-Parks, mit Architektin Gertrud Schille (stehend), Architekt Gottfried Hein (stehend, r.) sowie Dorothea Krause und Mari-anne Battke vom Bezirksbauamt Berlin (sitzend, v. l.).
    Bild: Zeiss Archiv, Sign. V3671; Gertrud Schille, 1984

    Besprechung für das Zeiss-Großplanetarium im neuen Ost-Berliner Wohngebiet des Ernst-Thälmann-Parks, mit Architektin Gertrud Schille (stehend), Architekt Gottfried Hein (stehend, r.) sowie Dorothea Krause und Mari-anne Battke vom Bezirksbauamt Berlin (sitzend, v. l.).

    Bild: Zeiss Archiv, Sign. V3671; Gertrud Schille, 1984

    Zeiss-Planetarium in Tripolis, Entwurf und Projektleitung: Gertrud Schille, 1981
    Foto: P. Bundermann; Schille, Zeiss Archiv, Sign. V3746

    Zeiss-Planetarium in Tripolis, Entwurf und Projektleitung: Gertrud Schille, 1981

    Foto: P. Bundermann; Schille, Zeiss Archiv, Sign. V3746

    Berlin, städtebauliche Konzeption des Alexanderplatzes, von 1964-70 mitentwickelt durch Dorothea Tscheschner
    Bild: IRS Erkner, Wiss. Sammlungen, C25_33-F002

    Berlin, städtebauliche Konzeption des Alexanderplatzes, von 1964-70 mitentwickelt durch Dorothea Tscheschner

    Bild: IRS Erkner, Wiss. Sammlungen, C25_33-F002

    Iris Dullin-Grund, Stadtarchitektin von Neubrandenburg, auf dem Titelblatt der Zeitschrift „Die Frau von Heute“, 40/1961
    Bild: DAM, Ausstellung „Frau Architekt“

    Iris Dullin-Grund, Stadtarchitektin von Neubrandenburg, auf dem Titelblatt der Zeitschrift „Die Frau von Heute“, 40/1961

    Bild: DAM, Ausstellung „Frau Architekt“

    Bild rechts: Zeiss-Ferien­anlage am Kölpinsee auf Usedom, Entwurf und Projektleitung: Gertrud Schille
    Foto: Kampmann, 1980

    Bild rechts: Zeiss-Ferien­anlage am Kölpinsee auf Usedom, Entwurf und Projektleitung: Gertrud Schille

    Foto: Kampmann, 1980

Die großen Unbekannten – Architektinnen der DDR

Der Blick auf die Baugeschichte der DDR ist auf groteske Weise fokussiert: Einige wenige Männer stehen im Blickpunkt, viele andere, sowohl Frauen wie Män­ner, die an entscheidenden Stellen mitgearbeitet haben, werden nirgends erwähnt. Unsere Autorin zeigt anhand ausgewählter Projekte, welche Architektinnen welche Bauten entwor­fen und ausgeführt haben: Teil einer ungeschriebenen Baugeschichte

Text: Scheffler, Tanja, Dresden

Wenn es um die Planungs- und Baugeschichte der DDR geht, fällt meist sofort ein Name: der des schillernden Stararchitekten Hermann Henselmann. Er bediente mit seinen aufsehenerregenden Entwürfen und seinem ausufernden Lebensstil (Alkohol, Frauen) das Klischee des durchsetzungsstarken Künstlerarchitekten. Ein althergebrachtes Berufsbild, das es jenseits des Stadt- oder Chefarchitektenpostens später in der DDR jedoch kaum noch gab. Denn die meisten der Architekten in den Stadtbauämtern und Projektierungsbüros der Baukombinate arbeiteten in großen Kollek­tiven, bei denen die genauen Tätigkeitsbereiche der einzelnen Akteure von außen kaum zu erkennen waren und für deren Arbeit die Zeitschrift Arch+ in einem gleichnamigen Themenheft 1990 den Begriff der „Architektur ohne Architekten“ geprägt hat (Arch+, Heft 103, April 1990). Dieter Hoffmann-Axthelm schrieb dazu damals: „Die DDR-Bauorganisation hat es fertig gebracht, eine[n] Beruf einzusparen, den des Architekten. … Es ist Apparatarchitektur, wo keine Person Verantwortung übernommen hat. Es regiert nicht nur die Produktionsstraße, sondern auch die Angst, oder das Verbot, sich als Subjekt greifbar zu machen.“
Dieser Begriff „Architektur ohne Architekten“ ist eine fatale Formulierung. Denn er blendet neben der kreativen Leistung beim Entwurf der Typenprojekte auch die Köpfe hinter vielen wichtigen Projekten aus: Architekten beiderlei Geschlechts, die bis heute außerhalb der Fachkreise kaum bekannt sind. In der aktuellen DAM-Ausstellung „Frau Architekt“ (siehe S. 4) werden mit Iris Dullin-Grund, der Stadtarchitektin von Neubrandenburg, und Gertrud Schille, der leitenden Planerin der Auslandsbauabteilung der Zeiss-Werke, zwei charismatische ostdeutsche Protagonistinnen näher vorgestellt. Sie sind jedoch nur Teil einer viel größeren Gruppe von Architektinnen. Daher unternimmt dieser Text – ohne Anspruch auf Vollständigkeit – den Versuch, die wechselnden Linien der Architekturgeschichte der DDR beispielhaft anhand von einzelnen, maßgeblich von Frauen geplanten Bauten und Ensembles näher zu beleuchten.
In den ersten Nachkriegsjahren war in der sowjetischen Besatzungszone das zentrale Thema der Wiederaufbau der zerstörten Städte. Viele der Frauen, die zu diesem Zeitpunkt größere Projekte leiteten, hatten in der Spätphase der Weimarer Republik studiert und stammten aus dem Umfeld des Neuen Bauens. Ludmilla Herzenstein (1906-94) hatte bereits bei Bruno Tauts Berliner Siedlung „Onkel Toms Hütte“ die Bauleitung übernommen. Nach dem Krieg arbeitete sie unter Hans Scharoun im Planungsamt des Magistrats von Berlin am neuen Kollektivplan mit. Dafür untersuchte sie die Bevölkerungsentwicklung, um daraus Planungsgrundlagen für die neuen Wohngebiete ableiten zu können. Später entwarf sie auf der Grundlage von Scharouns Konzept der „Wohnzelle Friedrichshain“ auch die Laubenganghäuser (1949/50) an der heutigen Karl-Marx-Allee und realisierte hier mit ihrem Planungskollektiv der „Heimstätte Berlin“ knapp 200 Wohnungen.
Auf der legendären „Reise nach Moskau“ im Jahr 1950 wurden die führenden ostdeutschen Planer jedoch auf die für den gesamten Ostblock verbindlichen Architekturlinien eingeschworen und mit den „16 Grundsätzen des Städtebaus“ für die DDR neue Leitbilder zur Umgestaltung der Stadtzentren etabliert. Die Bauakademie setzte dafür jahrelang eine historisierende Gestaltung („Nationale Traditionen“) durch, jede moderne oder gar dem Bauhaus nahestehende Architekturhaltung wurde bekämpft. Unter enormem ideologischen Druck wurden viele große Prestigeprojekte begonnen. Die Laubenganghäuser wurden mit einer schnellwachsenden Baumkulisse verdeckt, direkt daneben von einem Kollektiv um Hermann Henselmann, Richard Paulick und Hanns Hopp mit dem ersten neoklassizistischen Bauabschnitt der Stalinallee (heute: Karl-Marx-Allee) die wichtigsten Leitbauten der damaligen Zeit errichtet. Herzenstein übernahm stattdessen die Leitung der Ost-Berliner Abteilung für Wohnstättenplanung, später die Leitung der Stadtplanung in Weißensee und realisierte dort unter anderem die Café-Gaststätte „Milchhäuschen“ am Weißen See.
Unsere Frauen planen mit
Nur sehr wenige Architektinnen waren an den Prestigebauten dieser Ära beteiligt: In Dresden führte Lorena Johne vom Hochbauprojektierungsbüro mit dem Block C entscheidende Bereiche der Nordseite der als Aufmarsch-achse konzipierten Ernst-Thälmann-Straße (heute: Wilsdruffer Straße) aus; Krista Grunicke arbeitete unter dem Stadtarchitekten Herbert Schneider am Altmarkt mit und realisierte später eigene Projekte wie das neo­barocke „Sonnenhäusel“ im Großen Garten. Den meisten wurden nach der Devise „Unsere Frauen planen mit“ jedoch weniger prestigeträchtige Aufgaben zugeteilt, in der Innenarchitektur, Garten- und Grünflächengestaltung. Auch der Industriebau bot ein breites Betätigungsfeld für Bauinge­nieurinnen und Architektinnen. Frauen durften in dieser Frühphase vor allem rechnen, kalkulieren, projektieren, konstruieren und ausführen, aber kaum entwerfen. Lotte Schildhauer zum Beispiel führte in Berlin unzählige Projekte aus, darunter eine Feuerwache, eine Großgarage, ein Umspannwerk sowie die innovative Spannbetonkonstruktion der Wasch- und Pflegehalle des Busbahnhofs in Weißensee. Annemarie Prütz konstruierte neben Kohlebahnen im Kombinat „Schwarze Pumpe“ auch verschiedene Bauten für den Kraftverkehr und für Werften.
Bis zum Mauerbau 1961 flüchteten nahezu drei Millionen Menschen in den Westen, darunter auch viele Architekten. Daher konnten in dieser Phase immer wieder junge Kollegen nachrücken, auch weibliche. Denn die „Emanzipation der Frau“ gehörte zu den zentralen Themen der sozialistischen Bewegung. Gesellschaftliches Leitbild war dabei die voll berufs­tätige Mutter. Trotzdem wird selbst in Standardwerken wie „Wir Frauen vom Bau“, die eine vermeintlich geradlinige Entwicklung von den „Trümmerfrauen“ zu den ersten Stadtarchitektinnen der DDR aufzeichnen wollen, klar, dass das Gros der Frauen in der zweiten Reihe arbeitete: Viele waren aufgrund der Mehrfachbelastung durch Beruf, Kindererziehung und Haushalt nicht bereit oder aber rein zeitlich gar nicht in der Lage, die für eine Leitungsposition erforderlichen gesellschaftlichen Zusatzaufgaben zu übernehmen.
Neue sozialistische Stadtzentren
Im Zuge der aufkommenden Ostmoderne sollten viele Stadtzentren durch neue bauliche Dominanten akzentuiert werden, entweder mit einzelnen identitätsstiftenden Prestigebauten wie dem Berliner Fernsehturm und dem Leipziger Uni-Hochhaus oder aber mit komplexen, die Stadtsilhouette neu prägenden Hochhausensembles. Sigrid Schaller (*1941) konnte sich direkt nach dem Abschluss ihres Studiums am Entwurf des Thälmannplatzes (heute: Riebeckplatz) in Halle (Saale) beteiligen. Die beiden daraus hervorgegangenen zwanziggeschossigen Hochhäuser ergänzten nicht nur das überlieferte Stadtbild. Sie galten damals, weil dabei das erste Mal im Wohnungsbau der DDR die Stahlskelettbauweise angewandt wurde, auch als konstruktive Innovation. Lange Zeit realisierte Schaller als Projektingenieurin im Bau- und Montagekombinat Chemie dann verschiedene Industriebauten und gehörte später zur lokalen Planungsgruppe für die Altstadterneuerung.
Iris Dullin-Grund (*1933) war nach ersten berufspraktischen Tätigkeiten unter Herman Henselmann in Ost-Berlin und Ernst May in Hamburg nach dem gewonnenen Wettbewerb für das Haus der Kultur und Bildung in Neubrandenburg ab 1961 dauerhaft als Architektin dort tätig. 1970 wurde sie Stadtarchitektin und behielt diesen Posten bis zur Wende. Bereits ihr Kulturhochhaus („Kulturfinger“, 1963-65) sorgte für Furore. Später leitete sie die Entwicklung eines neuen Generalbebauungsplans zur Neubebauung der Stadt sowie die Projektierung von mehreren großen Wohngebieten. Dullin-Grund weckte sowohl in den Ost- wie in den Westmedien großes Interesse: Stadtarchitekt war der einflussreichste Posten, den ein praktizierender Architekt in der DDR erreichen konnte. Diese Position erlangten nur wenige Frauen, neben Dullin-Grund in Neubrandenburg unter anderem Helga Hüller in Greifswald sowie Sabine Rohleder in Zwickau.
Dorothea Tscheschner (*1928) arbeite in den 1960er Jahren beim Magistrat von Berlin und war dort als Mitautorin und zeitweilige Leiterin des Kollektivs zur Gestaltung des Stadtzentrums an den städtebaulichen Konzeptionen der Straße Unter den Linden, des Marx-Engels-Platzes, des Alexan­derplatzes und der Leipziger Straße beteiligt. Später beschäftigte sie sich im Berliner Bezirksbauamt vor allem mit der Entwicklung von neuen Typenbauten für die Wohngebiete und ihrer städtebaulichen Anwendung.
Gesellschaftliche Prestigebauten
In der Frühphase der DDR wurden landesweit neue Bildungsbauten und Kulturhäuser geplant. Eva-Maria Hetzer (*1933) projektierte ein Filmtheater in Güstrow, entwarf die Trauerhalle des Waldfriedhofs in Schwerin und war dort auch an einem großen Internats- und Schulkomplex sowie dem mit verschiedenen Freizeitanlagen ausgestatteten Naherholungszentrum in Lankow maßgeblich beteiligt. Claudia Schrader (*1937) arbeitete in Dresden unter Helmut Trauzettel an der Planung von vielen Kindereinrichtungen und Schulbauten mit, wechselte danach als Abteilungsleiterin in das lokale Wohnungsbaukombinat und entwickelte dort ein neues Elemente-Sortiment für den Schulbau. Parallel dazu realisierte ihr Team mit den Wohnbauten am Platz der Einheit (heute: Albertplatz) in der Inneren Neustadt auch ein größeres Ensemble mit neuartigen Ladenzonen. Margarita Stefanenko (*1933) war als Mitarbeiterin und spätere Gruppenleiterin für den Innenausbau in Ost-Berlin an der Projektierung des Hotels „Stadt Berlin“ sowie der Fernsehturmumbauung beteiligt. Später gehörten zu ihren interessantesten Aufgaben die Neugestaltung des Kongressaales im Gebäude des ZK der SED, der Umbau der Parteihochschule „Karl Marx“ sowie die Innenraumgestaltung des neuen Friedrichstadtpalastes.
Die beim VEB Carl Zeiss angestellte Architektin Gertrud Schille (*1940) realisierte zuerst mehrere Baumaßnahmen auf dem Jenaer Firmengelände, eine industrielle Kristallzuchtanlage in Eisenberg sowie eine größere Ferienanlage am Kölpinsee auf Usedom. Ab 1976 war sie die leitende Architektin der damals „Generallieferant für Anlagenexport“ genannten, weltweit agierenden Auslandsbauabteilung. Dabei entwickelte sie eine Vielzahl individuell auf die jeweiligen klimatischen und kulturellen Vorgaben zugeschnittener Konzepte für Observatorien und Planetarien. Ihr Aufgabenfeld reichte von der Standortsuche über den künstlerischen Entwurf bis zur Detailplanung, bei schlüsselfertig ausgeführten Projekten wie dem Planetarium in Tripolis, der Hauptstadt Libyens, teilweise sogar bis zur Bauleitung. Dabei arbeiteten die Zeiss-Werke mit verschiedenen externen General- und Subunternehmern wie Ulrich Müthers Firma „Spezialbetonbau Binz“ zusammen. Auch die grundlegenden Konzepte und Entwürfe für die Planetarien in Wolfsburg sowie dem Ost-Berliner Thälmann-Park stammen von Schille, sie wurden später jedoch von anderen Architekten in teilweise veränderter Form ausgeführt.
Wohnungsbau – große Neubaugebiete und „Altstadtplatten“
Das zentrale Thema der gesamten DDR-Zeit war allerdings die angestrebte „Lösung der Wohnungsfrage“. Daher arbeiteten durchgängig sehr viele der Frauen in diesem Bereich. Sie planten die Wohnkomplexe und projektierten neue Typenbauten inklusive der dazugehörenden Folgeeinrichtungen. Edith Diehl (*1931) war dabei lange Zeit für die städtebauliche Planung von verschiedenen Ost-Berliner Neubaugebieten verantwortlich (Heinrich-Heine-Straße, Am Tierpark, Salvador-Allende-Straße). Später war sie in Marzahn als „Komplexarchitektin“ des Wohngebiets Am Springpfuhl am größten Bauvorhaben der DDR beteiligt.
Ab den späten 1970er Jahren setzte sich vor allem das Team des späteren Halleschen Stadtarchitekten Wulf Brandstädter intensiv mit den innerstädtischen Aufgaben der Umgestaltung und Erneuerung alter Stadtstrukturen auseinander und entwickelte dabei eine ganze Reihe innovativer, überregional beachteter Konzepte zur Integration modifizierter Plattenbauten in den historischen Stadtkern. Sigrid Schaller übernahm die konkrete Durchgestaltung von „Brunos Warte“ und kreierte dabei mithilfe von variabel in einzelne Gebäude einsetzbaren Turm-, Erker- und Balkonelementen ein Ensemble, das sich schlüssig in die Altstadtbebauung einfügt. Dieses Konzept entwickelte sie später mit den Lückenbauten in der damaligen Klement-Gottwald-Straße (heute: Leipziger Straße) sowie der Neubebauung an der Nordseite des Alten Marktes weiter.
Sigrid Maciaszek (*1935) war als Bauingenieurin ab 1957 an einer Vielzahl von Projekten in Stalinstadt (ab 1961: Eisenhüttenstadt) beteiligt. Nach dem Abschluss eines zusätzlichen Architekturstudiums plante sie die „Wohngruppe Süd“ im VI. Wohnkomplex und begann nach einem kurzen Intermezzo als Stadtarchitektin von Eisenhüttenstadt mit der Arbeit an der Musterplanung zur grundlegenden Umgestaltung des Stadtkerns von Bernau mit Ersatzneubauten. Hier war sie später auch für die konkrete Bauausführung verantwortlich, genauso wie für die Altstadtsanierung in Fürstenwalde, bei der Plattenbauten mit individuell gestalteten Sonderelementen wie Erker, Loggien und Eckverglasungen zum Einsatz kamen. Anschließend erarbeitete sie eine (aufgrund der Wende nicht mehr realisierte) Studie für die Eckbebauung Friedrichstraße / Leipziger Straße in Berlin.
In der Spätphase der DDR hatten viele der Planungskollektive einen sehr hohen Frauenanteil. In die baugeschichtliche Literatur eingegangen sind jedoch fast immer nur die Namen der obersten Baumanager oder Kollektivleiter. Von den 23 Autoren des Hauses der Kultur in Gera waren elf, von den zwölf Architekten des dafür zuständigen Hochbauprojektierungsbüros neun Frauen. Keine einzige taucht im entsprechenden Architekturführer der DDR auf. In Ost-Berlin werden viele der interessanteren Projekte der Honecker-Ära (Friedrichstadtpalast, Friedrichstraße, Thälmann-Park) oft nur pauschal dem „Baustab Gißke“ zugeordnet. Denn Erhardt Gißke war als Direktor der Aufbauleitung „Sondervorhaben der Hauptstadt Berlin“ lange Zeit für die Materialbeschaffung, grundlegende Planung und konkrete Durchsetzung vieler Prestigeprojekte zuständig. Diese Bauten wurden jedoch meist von großen Planungskollektiven realisiert, hinter denen eine ganze Reihe von Architektinnen und Architekten standen, die diese im eigentlichen Sinne entworfen und verantwortlich umgesetzt haben. Deren Geschichte muß noch geschrieben werden. Völlig unabhängig von Gender-Fragen ist es Zeit, hier viel genauer hinzuschauen.

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