Brandschutzprüfungen entpuppen sich manchmal als Kaffeesatzleserei

Seit dem verheerenden Brand des 24-geschossigen Wohnhochhauses Grenfell Tower in London hat die Sensibilisierung für Brandschutz auch hierzulande zugenommen. Ein Gespräch mit dem Architekten und Brandschutz­ex­perten Reinhard Eberl-Pacan

Text: Flagner, Beatrix, Berlin

    Reinhard Eberl-Pacan studierte Germanistik und Publizistik, später Architektur. Heute ist er Experte im Brandschutz mit dem Schwerpunkt Holzbau und leitender Redakteur von Bauten+, www.brandwende.com

    Reinhard Eberl-Pacan studierte Germanistik und Publizistik, später Architektur. Heute ist er Experte im Brandschutz mit dem Schwerpunkt Holzbau und leitender Redakteur von Bauten+, www.brandwende.com

    Blick von der Bramley Road auf den ausgebrannten Grenfell Tower
    Foto: Chiral Jon/CC-BY-2.0/Wikimedia Commons

    Blick von der Bramley Road auf den ausgebrannten Grenfell Tower

    Foto: Chiral Jon/CC-BY-2.0/Wikimedia Commons

Brandschutzprüfungen entpuppen sich manchmal als Kaffeesatzleserei

Seit dem verheerenden Brand des 24-geschossigen Wohnhochhauses Grenfell Tower in London hat die Sensibilisierung für Brandschutz auch hierzulande zugenommen. Ein Gespräch mit dem Architekten und Brandschutz­ex­perten Reinhard Eberl-Pacan

Text: Flagner, Beatrix, Berlin

Der Brand des Grenfell Towers in London liegt nun schon einige Wochen zurück: Können Sie die Ereignisse zusammenfassen?
Reinhard Eberl-Pacan
Die Ursachen sind inzwischen relativ klar. Bei der energetischen Sanierung des Wohnhochhauses 2016 wurden für die Fassade Alu-Carbon-Platten verwendet. Diese Sandwich-Paneele sind aus Aluminium, die mit einem Dämmstoff gefüllt sind. Diese Dämmstofffüllung gibt es mit nicht brennbaren Stoffen und mit brennbaren. Im Grenfell Tower wurden vermutlich letztere verwendet. Die Kombination aus Aluminium, ein Stoff der Wärme sehr gut leitet, und einem Dämmstoff der aus Erdöl gewonnen wird, kann zu solch einem extremen Brandereignis führen.
In Deutschland ist es verboten, brennbare Baustoffe im Hochhausbau zu verwenden. Gibt es noch andere Gründe, weshalb ein vergleichbarer Fassadenbrand in Deutschland nicht möglich ist?
Der Sicherheitsstandard und die Vorschriften für Hochhäuser sind in Deutschland sehr hoch. Seit den 1980er Jahren gibt es die Richtlinie für Hochhäuser. Dort wird bestimmt, dass nur nicht brennbare Dämmstoffe oder Außenwandbaustoffe verwendet werden dürfen. Nicht in allen Bundesländern ist das klar umgesetzt, aber man kann davon ausgehen, dass sich alle daran halten.
Zusätzlich gibt es in den Vorschriften weitere Sicherheitselemente, etwa den Feuerwehraufzug. Weitere Brandschutzeinrichtungen wie Sprinkleranlagen sind für Hochhäuser mit großflächigen Nutzungseinheiten, z.B. Bürohochhäuser, vorgeschrieben. Sie können Entstehungsbrände eindämmen, jedoch nicht einen sich so schnell ausbreitenden Fassadenbrand wie beim Grenfell Tower.
Würden Sie es als wichtig erachten, dass Wohnhochhäuser innerhalb eines bestimmten Zeitraums eine Brandschutz-Sicherheitsprüfung machen müssen?
Solche Prüfungen sind bei Sonderbauten wie Hochhäusern bereits vorgeschrieben, und sie sind wichtig und richtig. Die Frage ist, wieweit solche Kontrollen tatsächlich durchgeführt werden und wer sie durchführen kann. Bauaufsichten sind damit nach meinen Erfahrungen oft sowohl zeitlich als auch fachlich überfordert. Wenn ich als Brandschützer bei solchen Begehungen hinzugezogen werde, entpuppen sich diese in manchen Fällen als Kaffeesatz-Leserei. Ohne die Einsicht in die Baugenehmigungen, ohne präzise Brandschutznachweise kann man dem Gebäude nicht ansehen, welche Maßnahmen notwendig, erneuerungsbedürftig oder überflüssig sind.
Inwiefern wird die Feuerwehr in den Bauprozess integriert?
Nehmen wir Berlin als Beispiel: da haben wir eine vorbildliche Liste von zehn feuerwehrrelevanten Punkten, zu denen die Feuerwehr im Rahmen der Prüfung des Brandschutznachweises Stellung nehmen kann. Bauteile und Baustoffe sind dabei für die Feuerwehr i.d.R. unerheblich. Bei der Gestaltung von Fluchtwegen – für die Feuerwehr gleichzeitig Angriffswege –, bei den notwendigen Feuerwehrflächen oder bei der Brandmeldetechnik wird sie jedoch hinzugezogen. In anderen Bundesländern ist das nicht genau geregelt.
Sollte der Brandschutz also nicht Ländersache sein, sondern vom Bund geregelt werden?
Ja. Es gibt in Österreich ein gutes Modell, in dem die Brandschutzanforderungen aus der Bauordnung herausgelöst worden sind und in einer technischen Anlage zum Brandschutz zusammengefasst wurden. Diese Anlage wurde dann von den einzelnen Bundesländern beschlossen. Eine solche Regelung würde auch in Deutschland das Bauen vereinfachen und Kosten sparen.
Es gibt also unterschiedliche Regelungen innerhalb Deutschlands, gibt es denn auch unterschiedliche Anforderungen je nach Nutzung eines Hochhauses? Bürohochhäuser sind tagsüber hoch frequentiert, in Wohnhochhäusern können Menschen auch nachts von einem Brand überrascht werden.
Aus dem Baurecht heraus nicht. Im Hochhausbau gibt es unterschiedliche Bauweisen. Hochhäuser in sogenannter Zellenbauweise, die sich für Wohnungen anbietet, führen zu kleineren Nutzungseinheiten und damit zu weniger Anforderungen an die Brandschutztechnik. Bei dieser Bauweise kann bis zu einer Höhe von 60 Metern auf eine Sprinkleranlage verzichtet werden. Hier ist der bauliche Brandschutz besser, da es mehr feuerbeständige Trennwände gibt. Bei einer offeneren Bauweise, die größere Einheiten mit bis zu 400 Quadratmeter erlaubt, müssen deshalb z.B. Sprinkleranlagen eingebaut werden. Bauliche Brandschutzmaßnahmen sind meist beständiger und müssen nicht gewartet werden.
Beschäftigt man sich mit Brandschutz, jongliert man immer wieder mit denselben Begriffen: feuerbeständig, brennbar, normal entflammbar, schwer entflammbar. Wann ist ein Stoff schwer oder normal entflammbar?
Das ist gar nicht einfach zu beantworten. Der Unterschied zwischen normal und schwer entflammbar ist eine Wissenschaft für sich. Es gibt verschiedene Prüfverfahren. Das europäische Prüfverfahren macht die Tests hierzulande nicht einfacher. In Deutschland gibt es fünf unterschiedliche Abstufungen, in Europa 64. Die Ergebnisse dieser Tests werden dann in Baustoffklassifizierungen nach DIN-Norm oder nach EN-Norm verwendet.
Wie sehen denn diese Prüfverfahren genau aus? Wie wird das Verhalten der Materialien simuliert? Lässt sich das „Ganzheitliche“ rea­litätsnah darstellen?
Das ist ganz wichtig. In Deutschland gibt es den Brandschachttest und einen Fassadentest. Verschiedene Baustoffe werden dabei, je nach späterer Verwendung, auf unterschiedliche Weise geprüft. Auf der europäischen Ebene gibt es den „Single-Burning-Item-Test“ (SBI). Die Tests sind ähnlich aufgebaut: Der Prüfkörper wird über eine Flamme gehängt. Nachdem der Prüfköper für eine bestimmte Zeit von unten beflammt wurde, muss ein Mindestrest des Körpers übrigbleiben.
Nun gibt es einen kleinen Unterschied: In den deutschen Tests befindet sich unter dem Prüfkörper ein Sieb, in europäischen Tests ein Auffangbecken. Wird z.B. Expandiertes Polystyrol (EPS) – besser bekannt unter dem Markennamen Styropor – im Brandschacht getestet, schmilzt es, und das Öl läuft über ein Gitter weg. Beim SBI-Test sammelt es sich am Boden und führt zu einer zusätzlichen Brandlast. EPS besteht daher den deutschen Test, aber nicht den europäischen. Das dort angesammelte heiße Öl führt dazu, dass der komplette Prüfkörper wegschmilzt und kein Rest übrigbleibt.
Ein weiterer Unterschied: In Deutschland dürfen Baustoffe, die als schwer entflammbar eingestuft werden, nicht glimmen. Hier besteht die Gefahr, dass ein erneuter Brand entfacht werden kann. EPS kann per se nicht glimmen, kann also im Umkehrschluss – und das ist schwer nachvollziehbar – als „schwer entflammbar“ eingestuft werden. An dieser Regelung ist problematisch, dass Wärmedämmverbundsysteme (WDVS) auf Basis natürlicher Baustoffe wie Holzwolle in Deutschland meist nicht als schwer entflammbar eingestuft werden können, da sie glimmen.
Gibt es einen natürlichen, schwer entflammbaren Dämmstoff?
Zunächst einmal gibt es unterschiedliche Kategorien: Es gibt anorganische und organische Stoffe: zu ersteren gehören z.B. Mineralwolle, Perlite oder Blähbeton und sie sind meist nicht brennbar. Organische Stoffe wie Holzwolle, Stroh, Hanf, Kork, aber auch Polystyrol, sind dagegen brennbar. Dabei wird jedoch nicht nach ökologischen oder nachhaltigen Eigenschaften unterschieden. Nichtbrennbare Stoffe wie Mineralwolle oder Schaumglas bergen oft ökologische oder technische Risiken. Deswegen wäre ich vorsichtig, ob diese Stoff in den Massen eingesetzt werden können wie derzeit Polystyrol. Holz ist als Baumaterial brandschutztechnisch durchaus positiv zu bewerten. In Baden-Württemberg und Hamburg ist das Bauen mit Holz bis zur Hochhausgrenze erlaubt worden. Berlin wird da sicherlich auch bald nachziehen, in der Stadt dominieren Gebäude mit mittlerer Höhe.
Sie halten die Diskussion über das Verbot von brennbaren Baustoffen bei Gebäuden mit mittlerer Höhe für falsch?
Ja, ich persönlich halte die Diskussion für falsch und finde die Staffelung gut. Bei Gebäuden mit niedriger Höhe, also mit zwei bis drei Geschossen, dürfen normal entflammbare Baustoffe zur Fassadendämmung eingesetzt werden, mit mittlerer Höhe , fünf bis sechs Geschosse – also das typische Berliner Mietshaus –, schwer entflammbare Baustoffe. Bei Hochhäusern müssen es dann nicht brennbare Baustoffe sein. Häuser mit mittlerer Höhe haben gute Flucht- und Löschmöglichkeiten. Wäre hier der Einsatz von schwer entflammbaren Stoffen nicht mehr möglich, bekämen viele Stoffe Schwierigkeiten mit ihren Zulassungen, und man könnte natürliche Baustoffe wie Stroh, Hanf, Holzstoffe oder andere organische Recyclingstoffe nicht mehr verwenden und weiterentwickeln.
„Nicht Brennbar“ klingt im ersten Moment wie ein Zauberwort: „Was für ein toller Brandschutz!“ Wenn man jedoch nur noch nicht brennbare Materialien verwendet, fühlen wir uns dann noch wohl? Allein aus ökologischen Gründen brauchen wir auch organische, d.h. brennbare Stoffe. Man kann mit brennbaren Baustoffen genauso sicher bauen wie mit nicht brennbaren, es gilt dann einfach eine erhöhte Sorgfalt in Planung, Ausführung und Überwachung – aber die sollte es ohnehin geben.
Abschließend gefragt: Was müssen oder können Architekten und Ingenieure hierzulande aus dem Fall des Grenfell Tower in London lernen?
Augen auf! Beim Grenfell Tower ist vermutlich innerhalb des Planungsprozesses viel schiefgegangen. Die Bauherren haben sich gegen eine komplett nicht brennbare Fassade entschieden. In solchen Fällen muss der Architekt zu seiner Verantwortung stehen und vielleicht sogar aus dem Vertrag ausscheiden.
Die Sensibilisierung für Brandschutz hat in den letzten Jahren zugenommen. Dadurch hat die Sicherheit von Gebäuden einen höheren Stellenwert gewonnen. Der Brandschutz kann noch besser werden, wenn sich in allen Bundesländern das sogenannte Vier-Augen-Prinzip – ähnlich wie in der Statik – durchsetzt: Verfasser und Prüfer von Brandschutznachweisen sorgen gemeinsam für sichere und wirtschaftliche Gebäude.
Fakten
Architekten Eberl-Pacan, Reinhard, Berlin
aus Bauwelt 17.2017
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