Biennale Agora in Bordeaux – ein Vorbild?

Mit frischen Ideen voran – und es kamen fast 80.000 Besucher, deutlich mehr als beim letzten Mal. Es gab auch mehr Ausstellungen, Vorträge, Kunstaktionen, interdisziplinäre Lehrveranstaltungen, Baustellenbesuche – und Finanzpartner, die die Architekturbiennale Agora erst möglich machen. Klingt positiv, aber die Debatten waren mager.

Text: Redecke, Sebastian, Berlin

Der Nutzgarten in der Stadt. Installation eines Gartenbaubetriebs aus der Region mit gesundem Hühner­-
stall zur Architekturbiennale Agora. Place de la Bourse, Bordeaux.
Foto: Sebastian Redecke

Der Nutzgarten in der Stadt. Installation eines Gartenbaubetriebs aus der Region mit gesundem Hühner­-
stall zur Architekturbiennale Agora. Place de la Bourse, Bordeaux.

Foto: Sebastian Redecke


Biennale Agora in Bordeaux – ein Vorbild?

Mit frischen Ideen voran – und es kamen fast 80.000 Besucher, deutlich mehr als beim letzten Mal. Es gab auch mehr Ausstellungen, Vorträge, Kunstaktionen, interdisziplinäre Lehrveranstaltungen, Baustellenbesuche – und Finanzpartner, die die Architekturbiennale Agora erst möglich machen. Klingt positiv, aber die Debatten waren mager.

Text: Redecke, Sebastian, Berlin

Bas Smets, der belgische Landschaftsplaner, wurde als Kurator der siebten Biennale gewonnen. Bisher waren alle Kuratoren mit Bauten und Projekten in Bordeaux betraut gewesen und hatten damit bereits eine engere Bindung zur Stadt. Smets’ Thema waren die „Paysages Augmentés“, die Landschaften in der Stadt mit Blick auf die Auswirkungen des Klimawandels. Der Ausstellungsort war wieder der umgenutzte Hangar 14 an der Garonne. Die Halle im Erdgeschoss erhielt durch Smets auf dem Boden ein Raster mit kleinen kreuzförmigen Koordinaten, wie man sie von topogra­fischen Karten kennt. Seine Installation zeigte auf eigens entworfenen Tischen 40 Modelle aller großen Projekte der Stadt, aktuell oder weniger aktuell und schon etwas grau, darunter jede Menge Wohnblöcke und die geplante Brücke Jean-Jacques Bosc von OMA. Damit das Thema „Landschaft“ deutlich wird, gliederte Smets die Halle nicht mit Trennwänden, sondern mit 300 Birken in großen Töpfen, die nach der Biennale im Neubaugebiet Brazza auf der gegenüber liegenden Seite der Garonne eingepflanzt wurden, falls sie die gut zehn Tage mit wenig natürlichem Licht und in schlechter Luft überstanden haben sollten. Smets bezeichnete die grüne Halle als einen Wald, der durch ebenfalls am Boden markierte Wege durchquert wurde. Dazwischen befanden sich kleine Foren für Veranstaltungen, Tischtennisplatten und Holzbaukästen für Kinder.
Im Obergeschoss des Hangars ein anderer Fokus: Keine Projektfülle mit ortsbezogenen Modellen und Plänen, sondern zwei fünfeckige Räume, in denen Videos von Bêka/Lemoine und Christian Barani gezeigt wurden. Mittendrin große Kissen, um bequem liegend gucken zu können. Bêka/Lemoine zeigten unter dem Titel „Homo Urbanus“ auf fünf Bildschirmen gleichzeitig fünf Portraits von urbanen Landschaften, bei denen der Klimawandel Einfluss auf die Gewohnheiten der Bewohner ausübt: Das Leben in eisiger Kälte in Sankt Petersburg, das Kleingewerbe im tropischen Regen von Bogotá, die Nahversorgung mit Essen auf engstem Raum im Stadtgewirr von Seoul. Dazu Eindrücke aus Neapel und Rabat. Christian Barani zeigte Landschaften, die sich durch Menschenhand verändern: Von den brüchigen Bergabhängen in Hongkong über die neuen Gärten von Singapur bis zum drohenden Verlust der Felslandschaften von Hyderabad.
Neben diesen zwei Video-Boxen öffnete sich der große freie Raum des Forums mit dem Podium für die zahlreichen Gesprächsrunden. Ein Verfech­ter regionaler Küche durfte nicht fehlen: Jean-Pierre Xiradakis aus dem Restaurant La Tupina bot für die Besucher im hinteren Teil des Forums einen Mittagstisch an. Thema war die Vielfalt an Tomatensorten vom riesigen, leicht gelblichen „Cœur de Bœuf“ bis zur kleinen karamellisierten „Olivette d’amour“. Damit bei weitem nicht genug. Neben dem Hangar gab es die vielen Außenstellen der Biennale. Zum Beispiel eine eindrucksvolle Ausstellung zur 8-Millionen-Stadt Bogotá in einer alten Kirchenhalle, bei der ein Luftfoto der Stadt mit den umgebenden Anden den gesamten Boden ausfüllte. Man hat sich bis 2038 vorgenommen, eine „Öko-Stadt“ mit Fahrradwegen und neuen Parks zu werden. Eine weitere Ausstellung zeigt die Städte Chiatura und Tskaltubo in Georgien, die während der Zeit der Sow­jetunion gegründet wurden. Im Hof des alten Rathauses wurden die Partnerstädte von Bordeaux, darunter München, gebeten, Schautafeln zum Thema Landschaft und Stadtentwicklung zu liefern. Das Architekturzent­rum „Arc en rêve“ kooperierte mit Ausstellungen, darunter eine Schau der Berliner Landschaftsarchitekten Topotek 1. Design gab es auch, denn dieses gehört zum Biennale-Konzept, u.a. einige Betonsessel im Stadtraum und die Installation von Pablo Reinoso auf dem Wasserspiegel der Place de la Bourse. Gleich gegenüber wurde der Nutzgarten als „Potager gourmand“ in der Stadt geholt. Mit einem Gärtnereibetrieb als Partner wurden ein Hühnerstall und Kisten mit gepflanzten Gurken, Salaten und Kräutern aufgebaut. Ein kleiner Magnet für Passanten.
Transparente Stadtplanung! Die Biennale ist zuvorderst als ein offenes Informationsforum im lokalen Maßstab für die Bewohner zu sehen, vor al­-lem in der Halle des Hangars. Ein Lob für dieses Engagement, das man sich auch für viele deutsche Städte wünscht. Schaut man aber auf die Veranstaltungen, die in ihrer Fülle bei weitem nicht alle zu verfolgen waren, kommen Zweifel auf, denn es gab eigentlich keine Debatten. Wir erfahren von Architekten, dass sie die Auswirkungen des Klimawandels ernst nehmen, und entsprechend zu planen versuchen, von Bauträgern, dass sie sich auch bemühen, und von Künstlern, dass sie die brennenden Zukunftsfragen thematisieren und an die Verantwortlichen appellieren. Wenig erhellend war auch das Zusammentreffen in einer Runde der Kuratoren verschiedener Architekturbiennalen, darunter neben Bordeaux aus Seoul, Buenos Aires und Lyon. Jeder gab sein Statement ab, was eine Biennale leisten soll. Man erfuhr, dass es allein in Frankreich auch in Caen und Orléans Architekturbiennalen gibt und nun sogar Paris eine will. Besonders engagiert zeigte sich nur der Organisator der Biennale von Marokko, die im nächsten Jahr zum ersten Mal in Rabat und ihrer Nachbarstadt Salé stattfinden wird mit dem konkreten Thema einer besseren Verbindung beider Städte. Auch hier keine Diskussion sondern Konsens, dass viele Biennale-Organisationsformen möglich seien. Leider auch ohne wirklichen Reiz war die illustre Runde eingeladener Bürgermeister oder Baubürgermeister aus Rabat, Duala (Kamerum), Bamako (Mali), Sankt Petersburg, Hyderabad, Bogotá und Bilbao. Die Bedeutung und die Auswirkungen des Klimawandels in den jeweiligen Städten sind ihnen bekannt. Mögliche Gegenmaßnahmen entsprechend ihrer Klimaregion wurden meist ohne deutlich erkennbare Strategien vorgetragen. Die tiefen Stahlgestell-Stoffsessel animierten die Zuhörer immer wieder zum kurzen Schlummern.

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