Kleiburg in Amsterdam-Bijlmermeer


Kann der Mies-van-der-Rohe-Preis auch Wohnungsbau? Jurymitglied Peter Cachola Schmal berichtet, warum die Sanierung des Kleiburg-Blocks nicht nur architektonisch besticht, sondern auch für andere Großwohnbauten vorbildlich ist. Ein herausragender 1. Preis.


Text: Cachola Schmal, Peter, Frankfurt am Main


    Knapp 50 Jahre liegt der Bau der einst größten niederländischen Trabantenstadt Bijlmermeer zurück. Die meisten Blocks sind inzwischen abgerissen.
    Foto: Stijn Poelstra

    Knapp 50 Jahre liegt der Bau der einst größten niederländischen Trabantenstadt Bijlmermeer zurück. Die meisten Blocks sind inzwischen abgerissen.

    Foto: Stijn Poelstra

    Bei der Sanierung des Kleiburg-Blocks wurden die außen angeklebten Aufzü­ge der 80er Jahre ins Innere verlegt und die Zugänge der Erschließung vergrößert.
    Foto: Stijn Brakkee

    Bei der Sanierung des Kleiburg-Blocks wurden die außen angeklebten Aufzü­ge der 80er Jahre ins Innere verlegt und die Zugänge der Erschließung vergrößert.

    Foto: Stijn Brakkee

    Große Durchbrüche im Erdgeschoss perforieren die hermetische Wand des Gebäudes. Die Erdgeschosszonen wurden frei geräumt für Treffpunkte und Workshop-Räume.
    Foto: Stijn Brakkee

    Große Durchbrüche im Erdgeschoss perforieren die hermetische Wand des Gebäudes. Die Erdgeschosszonen wurden frei geräumt für Treffpunkte und Workshop-Räume.

    Foto: Stijn Brakkee

    Einer der neuen Eingangsbereiche, die verglast und deutlich vergrößert wurden.
    Foto: Stijn Poelstra

    Einer der neuen Eingangsbereiche, die verglast und deutlich vergrößert wurden.

    Foto: Stijn Poelstra

    Die Strategie der Architekten: die Grundstruktur des Baus entkernen, ursprüngliche Qualitäten der Architektur freilegen und kollektive Nutzungen bündeln.
    Foto: Stijn Brakkee

    Die Strategie der Architekten: die Grundstruktur des Baus entkernen, ursprüngliche Qualitäten der Architektur freilegen und kollektive Nutzungen bündeln.

    Foto: Stijn Brakkee

    Das Vorgehen zeigt Parallelen zu anderen Großwohnungsbau-Sanierungen von Lacaton Vassal in Frankreich.
    Foto: Stijn Brakkee

    Das Vorgehen zeigt Parallelen zu anderen Großwohnungsbau-Sanierungen von Lacaton Vassal in Frankreich.

    Foto: Stijn Brakkee

    Innenaufnahme einer umgebauten Wohneinheit
    Foto: Stijn Brakkee

    Innenaufnahme einer umgebauten Wohneinheit

    Foto: Stijn Brakkee

    Foto: Stijn Brakkee

    Foto: Stijn Brakkee

„Things need to be ordinary and heroic at the same time.“ Dieses Zitat von Peter Smithson beschwörte der Juryvorsitzende Stephen Bates, als die Jury des Mies-Preises 2017 sich auf die Reise zu den fünf Finalisten machte. Wir fanden es eingelöst beim Gewinner, DeFlat Kleiburg in Amsterdam-Bijlmermeer von NL Architects und XVW architectuur, konzipiert von der Projektentwicklergruppe Kondor WesselsVastgoed.
Die Geschichte dieser legendären Trabantenstadt begann vor fast fünfzig Jahren. Von 1969 bis 1971 wurde das Bijlmermeer von dem Stadtplaner Siegfried Nassuth als größte Trabantenstadt der Niederlande für den „neuen Menschen“ errichtet, streng nach Le Corbusiers Doktrin mit getrennten Verkehrsebenen für Mensch und Automobil und mit ausreichend Licht, Luft und Sonne. So wurde eine Vielzahl elfgeschossiger Zeilen in sechseckigen Wabenformationen angeordnet. Trotzdem war „der Bijlmer“ nur schwer vermietbar und stand halbleer. In der Not brachte man dort 1975 schließlich Tausende Flüchtlinge aus der ostindonesischen Provinz Molukken unter, die sich gegen die indonesische Unabhängigkeitsbewegung gestellt hatten und in das Land ihrer Kolonialherren fliehen mussten.

Die ethnische Konzentration und geringe beiderseitige Integrationsbemühungen führten in der Wirtschaftskrise zu hoher Arbeitslosigkeit und zum sozialen Absturz der Flüchtlinge. Zeitweilig galt Bijlmermeer als der größte Slum Europas, voller Gangs und Drogenkriminalität. 1992 stürzte auch noch ein El Al Frachtflugzeug in einen der Wohnbauten und 43 Menschen starben. Die Politik reagierte, riss große Teile der modernistischen Bebauung ab und ersetzte sie durch konventionel­lere städtebauliche Anordnungen mit geringerer Höhe. Ein verbliebenes halbes S-Element im Originalzustand – das 400 Meter lange Gebäude Kleiburg – sollte schließlich erhalten werden, denn die Betonmoderne wird inzwischen von Teilen der Gesellschaft geschätzt. Inmitten einer idyllischen Parkanlage mit See und aufgeständerter S-Bahn sollte es eine Art „Bijlmermuseum der Moderne“ darstellen. Die Wohnungsbaugesellschaft resignierte ob der Aufgabe und verkaufte das leerstehende Bauwerk für einen Euro, statt es kostspielig zu renovieren.
Über eine Konzeptvergabe kam ein junges Entwicklerkonsortium zum Zug, das gute Erfahrungen mit der Methode „Klusflat“ (Rohbauten zum Selberausbauen) gemacht hatte; es schlug vor, die innovative Methode auch im Riesenmaßstab anzuwenden. Das Ergebnis ist ein reduzierter Sichtbetonbau ohne jegliche visuelle „Auflockerung“, dessen auf den Rohbau zurückgeführte Wohnungen für spottbillige 1200 Euro pro Quadratmeter in kurzer Zeit verkauft wurden. Spekula­tion wurde unterbunden, indem jeder Interessent nur eine Wohnung für den Eigenbedarf kaufen konnte. Der günstige Preis führte zu einer heterogen Mischung der neuen Bewohnerschaft aus Einwanderern und Einheimischen. Mit den Einnahmen wurden Parkdecks entfernt und die Erschließung durch neue großzügige Treppenhäuser verbessert, Aufzüge und Lagerräume in den Kernen eingebaut, die Fassaden renoviert und geschosshoch verglast. Wohnungsgrößen zwischen 50 und 150 Quadratmeter und die vollkommene Freiheit bei der Grundrissgestaltung ermöglichen eine große Bandbreite an Möglichkeiten, von standardisierten Kleinzimmerwohnungen über Lofts bis zu Wohnbüros. Sogar eine zehnköpfige Klostergemeinde hat sich in der Mitte eines Laubenganges niedergelassen, dort wo es am ruhigsten ist.
„Kleiburg hilft uns eine neue Art von Architektur vorzustellen, die auf wandelnde Haushaltsformen und Lebensstile im einundzwanzigsten Jahrhundert reagiert,“ so die Jury. Die Neudefinition von „bezahlbarem Wohnraum“ als Eigentum und nicht zur Miete, für jene, die nicht genug verdienen, um sich eine innerstädtische Wohnung leisten zu können, aber zuviel, um förderungswürdig zu sein, überzeugte beim Besuch vor Ort. Eigentümer üben in der Regel mehr soziale Kontrolle aus als Mieter in Großprojekten. Sogar im früher unbewohnten und eher bedrohlichen Erdgeschoss sorgen zweigeschossige „Reihenhäuser“ mit landesüblich offenen Fenstern ohne Gardinen für Belebung und Sicherheit.
Wir verstehen diesen experimentellen Wohnungsbau als eine radikale Transformation der Moderne. Die damals formulierten großen Versprechen des Städtebaus, wie etwa das Leben in weitläufigen Grünanlagen mit Teichen und Hügeln ohne Verkehr sowie die gute öffentliche Verbindung ins Stadtzentrum sind nach wie vor entscheidende Qualitäten dieser Sanierung. Architektonisch ermöglicht die strukturelle Freiheit der industriellen Konstruktion stützenfreie helle Wohnungen zwischen Laubengängen und Balkonen, die seitlich, nach oben oder unten erweitert werden konnten. NL Architects und XVW architectuur haben durch den Umbau nicht nur ein heruntergekommenes Viertel geheilt, sondern auch eine markante Großsiedlungstypologie der niederländischen 1970er Jahre rehabilitiert.



Fakten
Architekten NL Architects, Amsterdam; XVW architectuur, 's-Hertogenbosch
Adresse Kleiburg, Amsterdam-Zuidoost, Niederlande


aus Bauwelt 17.2017
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