Starkenburg-Gymnasium


Ein zweiter Schulhof


Text: Santifaller, Enrico, Frankfurt am Main


    Foto: Werner Huthmacher

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In Heppenheim an der Bergstraße haben die Stuttgarter Architekten Lamott + Lamott ein Gymnasium des Darmstädter Architekten Reinhold Kargel saniert und erweitert. Um die neue Bibliothek, die in einem skulpturalen Einbau im zweiten Hof steht, organisiert sich der Schulalltag neu.
Mit dem Schuljahr 2005/2006 weitete Hessen das schulische Ganztagsangebot aus. Allenthalben wurden Haupt- und Realschulen sowie Gymnasien mit Mensas, Betreuungsräumen und Bibliotheken ausgestattet. Vom Bund erhielt das Land mehr als 280 Millionen Euro für diesbezügliche Baumaßnahmen, 2012 konnten damit knapp 850 hessische Schulen ihre Schüler über das Mittagessen hinaus betreuen. Eine der umfassendsten Umbaumaßnahmen betraf mit über 20 Millionen Euro das Starkenburg-Gymnasium in Heppenheim, das 1967 nach den Plänen des Architekten Reinhold Kargel errichtet wurde. 2007 schrieb der Kreis den Umbau und die Erweiterung des Gebäudes im VOF-Verfahren aus. Das Büro Lamott + Lamott gewann mit einem Konzept, das die ursprünglichen, später durch An- und Umbauten verunklarten Stärken des Baus herausarbeiten wollte. „Wir orientierten uns“, betont Ansgar Lamott, „an der hohen Qualität des Bestandsbaus und bauten in diesem Sinne weiter.“ Heute harren die Außenanlagen noch ihrer Sanierung – Baubeginn soll im Sommer sein –, doch kann man den Versuch als gelungen bezeichnen. Die Architekten bewiesen hohen Respekt für Kargels Entwurf, korrigierten seine Schwächen und verfeinerten die Ästhetik, sodass die einstige Anmutung durchaus erhalten blieb.
Kubus mit Hohlraum
Als Reinhold Kargel das Starkenburg-Gymnasium plante, war er auf dem Höhepunkt seiner Schaffenskraft. 1961 war nach seinen und Gerhard Schlegels Entwürfen die Paul-Gerhard-Kirche in Mannheim entstanden. Im Jahr darauf holte er einen Preis im Wettbewerb um ein Schulzentrum in Bensheim. Ab 1964 wurde der Anbau des Bremer Focke-Museums eröffnet, für den Heinrich Bartmann und er die Pläne lieferten.
In Heppenheim lag das Grundstück für das Gymnasium in Form eines Drachenvierecks westlich der Bahngleise, in der Stadterweiterung nach dem Zweiten Weltkrieg inmitten von zweigeschossigen Einfamilienhäusern. Die zurückgesetzte vierflügelige Anlage rund um einen Innenhof öffnete sich mit einem Vorplatz nach Osten zur Altstadt und zur Starkenburg. Südlich des Vorplatzes baute Kargel ein Aula-Gebäude mit Turnhalle. Zu seinem Entwurf schrieb er, „die einfache klare Form des Kubus mit dem Hohlraum des Innenhofes“ solle „dem Jugendlichen ... Ruhe und Geborgenheit vermitteln“. Der damalige Schuldirektor bescheinigte dem Bau eine „angemessene Großzügigkeit und eindrucksvolle Zweckmäßigkeit“.
Von all dem war 2007 nicht mehr viel zu sehen. Die Schülerzahl hatte sich fast verdoppelt, von 660 auf 1200; die Zahl der Lehrer war von 41 auf über 90 gestiegen. Der ursprünglich überdachte Pausenbereich unter dem östlichen, auf Stützen gestellten Gebäuderiegel war im Laufe der Zeit durch Unterrichtsräume vollgestellt worden und der breite Haupteingang in dem etwas tieferen westlichen Flügel zu einer schmalen Tür mutiert. Im Westen wurden noch zwei Appendixe angebaut, auf gleiche Raumhöhen und Materialität legte man dabei keinen Wert. Die von Kargel beanspruchte „Ordnung und Klarheit“ war unter dem Druck, alle Raumreserven zu aktivieren, nahezu vollständig verlorengegangen.
Weil der Umbau bei laufendem Schulbetrieb erfolgen sollte, gingen die Architekten in zwei Schritten vor: Zunächst wurde der dreiflügelige Erweiterungsbau errichtet, der U-förmig an den westlichen Riegel anschließt und so Kargels Figur einer einbündigen Raumenfilade um einen Innenhof verdoppelt. Im Anschluss wurde der Bestand renoviert, wobei man das Gebäude bis auf den Rohbau zurückbaute. Das Raumprogramm sah eine ganze Reihe von zusätzlichen Räumen und Funktionen vor. Nicht nur alle Einrichtungen für ein Ganztagsangebot wurden verlangt, sondern auch neue Fachräume für die Naturwissenschaften, eine Mediathek, ein größeres Lehrerzimmer, eine Aula sowie Räume für eine Abendschule mit 500 Schülern. Die Architekten nutzten die Gelegenheit, das ganze Gebäude funktional zu überarbeiten. Durch das mit einer Pfosten-Riegel-Konstruktion raumhoch verglaste Erdgeschoss wurde eine Art Straße konzipiert, die von der Gerhart-Hauptmann-Straße über den Vorplatz, unter den ersten Riegel hindurch und über den ersten Innenhof zum wieder verbreiterten Eingang führt. Belebt wird diese „Straße“, deren Boden auch im Inneren aus Gussasphalt besteht, von öffentlichen Funktionen: an der südöstlichen Gebäudeecke der Hausverwalter, im Anschluss die Abendschule, das Café, die Mensa, gegenüber das Lehrerzimmer, die Schulverwaltung und die Elternsprechzimmer. Die Räume für den Kunstunterricht bilden den Abschluss im Erdgeschoss des Westriegels.
Die neue Mitte
Krönung des Erweiterungsbaus ist der zweite, mit einem Glasdach gedeckte Innenhof – Lamott spricht von „neuer Mitte“, „Agora“ und „Forum“ –, der als zentraler Verteiler in die Obergeschosse fungiert. An ihm sind die wichtigsten öffentlichen Funktionen wie Mensa oder Verwaltung angedockt. Der Innenhof öffnet sich nach dem Eingang in eine weite Fläche für Versammlungen, Konzerte oder Theateraufführungen. Zwei Geschosse darüber befindet sich die Mediathek, die aus der Agora eine Art schützende Höhle macht. Sie vermittelt in einem neuen Sinne jene Geborgenheit, von der Kargel 1967 sprach. Die Galerien in den Obergeschossen wirken wie Ränge eines Theaters, wobei im Sonnenlicht die Profile des Glasdaches ein faszinierendes, bisweilen wild gezacktes Schattenspiel auf die regelmäßige Struktur der Galerien zaubern. Die Mediathek, als zweigeschossige Stahlbetonbox ausgebildet, steht auf einem Stahlbetontisch, der auf der Unterseite mit akustisch wirksamen MDF-Platten ausgekleidet ist. Durch ein Leuchtband, mit dem die Box vom Tisch abgesetzt ist, scheint sie über der Agora zu schweben. Während der Betontisch glatt geschalt wurde, fanden beim Sichtbeton der Mediathek unterschiedlich tiefe und breite Bretter Verwendung. Die daraus resultierende unregelmäßige Struktur, die ein wenig an eine Muschelschale erinnert, ist nicht nur originell, sie unterstreicht auch symbolisch das Wertvolle des hier gespeicherten Wissens.
In dieser Wissensbox, die über zwei Brücken erreichbar ist, herrscht eine fast kontemplative Atmosphäre. Dass die Architekten mit MDF für die Tischplatten und Eiche für die Bücherregale die gleichen Materialien wie in den Klassenzimmern einsetzten, trägt zur optischen Beruhigung bei. Im unteren Geschoss stehen Arbeitsplätze für eine Klassenstärke zur Verfügung, das Obergeschoss ist für knapp ein Dutzend Lehrer reserviert. Die Unterrichtsräume wurden bis auf die Smart-Boards, auf die digitale Inhalte projiziert werden können, eher frugal ausgestattet. Immerhin konnten Eichenholz-Fenster eingebaut werden; der Fries um die Akustikplatten an der Decke zeigt, dass auch bei scheinbaren Nebensächlichkeiten Wert auf Gestaltung gelegt wurde. Das Stützenraster des Bestandsbaus wurde für die Erweiterung übernommen, ebenso das Fassadenraster und die Größe der Fensteröffnungen. Die Bandfassade im ersten Innenhof konnte erneuert werden. Den schönen, ganzflächigen Terrazzoboden auch in den Fluren des Erweiterungsbau fortzuschreiben, gab das Budget nicht her. Deshalb ließen die Architekten großformatige Terrazzoplatten verlegen. Das zentrale Treppenhaus im mittleren Riegel konnte ebenfalls in Terrazzo realisiert werden. Auch die Mosaiken, die sich über die ganze Höhe der östlichen Treppenhäuser erstrecken, konnten erhalten werden. Bis auf die Fassaden, die mit einem Wärmedämmverbundsystem und einem braunbeigen Kratzputz versehen wurden, war es den Architekten möglich, die Qualität des Bestandsbaus auch im Detail zu bewahren. Zu hoffen ist, dass auch die Außenanlagen in der von ihnen intendierten Qualität ausgeführt werden. Dies würde dieses äußerst geglückte Beispiel von Weiterbauen vervollständigen.



Fakten
Architekten Lamott + Lamott, Stuttgart; Kargel, Reinhold
Adresse Gerhart Hauptmann Str. 21 64646 Heppenheim


aus Bauwelt 29-30.2013
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