Shigeru Ban in West Chelsea



Text: Mees, Carolin, New York


    Michael Moran

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Das Stadtviertel Chelsea in Manhattan ist im Umbruch begriffen. Neben Galerien entstehen hier entlang der High Line vor allem neue Wohnbauten. Shigeru Ban stapelt Maisonettes übereinander, die sich auf ganzer Höhe öffnen lassen
Die Lagerhallen, Werkstätten und großen Autowaschanlagen von West Chelsea in Manhattan werden bald vergessen sein. Der „Meatpacking District“, die Gegend zwischen der 10th und 11th Avenue (Weststreet/Lincoln Highway) am Hudson River, wandelt sich zu einem Wohn- und Galerienviertel. Man spaziert auf der High Line, in einem auf einer ehemaligen Frachteisenbahntrasse gelegenen öffentlichen Park (Bauwelt 34.2009), und wohnt, wenn man es sich leisten kann, in einem neuen, von bekannten Architekten erbauten Apartmenthaus gleich nebenan. Ein Teil der neuen Wohnbauten halten, was sie versprechen – eines davon sind die Metal Shutter Houses von Shigeru Ban.

West Chelsea, High Line

Das Rückgrat von Chelsea bildete schon lange die High Line, eine seit den 1980er Jahren nicht mehr genutzte, neun Meter erhöht gelegene Trasse: Man geht unter ihr hindurch, um von einer der rund 200 Galerien zur anderen, zu den Geschäften bekannter Modedesigner oder zum Hudson River zu gelangen.
Ende der 1990er Jahre hatten Besitzer von Grundstücken unterhalb der High Line den Abriss der Stahlkonstruktion gefordert, wurden aber von einer Anwohnerinitiative, den Freunden der High Line, gestoppt. Die gemeinnützige Organisation verlangte im Gegenzug, dass die alte Hochbahntrasse mit der auf ihr wild gewachsenen Landschaft zu einem öffentlichen Park umgestaltet werden sollte. Unterstützer der Idee fanden sich schnell, denn es war klar, dass die High Line ein außergewöhnlicher Freiraum sein würde und der Park lokalen Geschäfts- und Grundbesitzern Gewinne einbringen würde. Im Jahr 2002 begann auch die Stadt New York die Freunde der High Line zu unterstützen: Eine Studie hatte bewiesen, dass durch diesen neuen öffentlichen Raum mehr Steuern eingenommen würden, als die Kosten für seine Einrichtung betragen würden. Ein Jahr später wurde ein erster Ideenwettbewerb zur Umnutzung der High Line als öffentlicher Park ausgeschrieben und 2004 der Entwurf von Diller Scofidio + Renfro und den Landschaftsarchitekten James Corner Field Operations für die Realisierung ausgewählt.
Das Stadtplanungsamt nahm die Diskussion um die High Line zum Anlass, um den Bebauungsplan des ehemaligen gewerblichen Bezirks neu in Zonen für kommerzielle Bauten und Wohngebäude zu unterteilen: Der neue „Special West Chelsea District“ hat nun einen höheren Anteil an Wohnbebauung, schützt die Galerienutzung und legt die Umnutzung der High Line als öffentlichen Park fest. Zudem wurde es den Besitzern von Grundstücken neben oder unterhalb der High Line erlaubt, die Rechte zur Entwicklung derselben mit einer höheren Bebauung auf nahegelegene Grundstücke zu übertragen. Die Stadt New York sicherte eine finanzielle Unterstützung von 43,25 Millionen Dollar zu und kaufte die Trasse im Jahr 2005.
Heute gehen Anwohner wie Touristen über einen Steg aus Steinplatten und Holzplanken, der mit den Eisenbahnschienen durch scheinbar wild gewachsene Pflanzbeete führt und in sie übergeht, der verschiedene „Landschaften“, von der Liegewiese bis zum Birkenwäldchen, durchläuft und zusammen mit Aussichtspunkten, Plattformen und Sitzmöglichkeiten die Ausblicke auf den Stadtraum inszeniert. Touristenbusse halten am nördlichen Ende der High Line und nehmen die Besucher am südlichen Zugangspunkt, neben einem im Sommer übervollen Biergarten auf einem alten Parkplatz und dem „The Standard Hotel“, wieder auf. Und ringsum stehen neue mehrstöckige Gebäudekomplexe mit Eigentumsapartments.
Der neue Park bedeutet mehr Einnahmen für alle: für die Stadt New York, für die Bauträger und Architekten und für die Grundstücksbesitzer. Denn zum einen ziehen es angesichts der globalen wirtschaftlichen Lage viele zu Wohlstand gekommene ehemalige Mieter vor, statt Einfamilienhäuser in den Suburbs zu kaufen, eine Eigentumswohnung in der Innenstadt zu besitzen – besonders dann, wenn diese in einem auffallenden, von renommierten Architekten entworfenen Apartmenthaus liegt. Zum anderen steigen die Grundstückspreise rund um einen neuen Park – das hat schon die Anlage des New Yorker Central Parks Ende des 19. Jahrhunderts gezeigt. Vor allem dies hatten viele der Investoren entlang der High Line im Blick. Doch obwohl der neue Park selbst gut besucht ist und die Neubauten durch ihre Architektur versuchen aufzufallen, überzeugen nur wenige von ihnen und stehen zum Teil sogar leer: Wegen der Zonierung des Bebauungsplans, der Maximierung der Wohnfläche sowie des Anspruchs der Gebäude, anders sein zu wollen, sind viele der Wohnungen zu klein, verwinkelt und, sogar für New Yorker Verhältnisse, dem Kaufpreis nicht angemessen ausgestattet.

Metal Shutter Houses


Ein architektonisch überzeugender neuer Wohnungsbau sind die Metal Shutter Houses, entworfen von Shigeru Ban: Ein zehngeschossiges Apartmentgebäude, vier Grundstücke entfernt von der High Line nahe der Weststreet gelegen – gegenüber befinden sich die drei Galerien des ehemaligen Kölner Galeristen David Zwirner, daneben das IAC-Bürogebäude, entworfen von Frank O. Gehry, und ganz in der Nähe der Wohnturm von Jean Nouvel.

Bauträger Spiritos

Die Galeristen Klemens Gasser und Tanja Grunert hatten im Jahr 2005 beschlossen, beim damals einsetzenden Bauboom mitzumachen und die eingeschossige Industriehalle, in die sie ein paar Jahre zuvor ihre Galerie von Stuttgart aus verlegt hatten, für einen Neubau abreißen zu lassen. Shigeru Ban sollte der Architekt sein. Sie nahmen Kontakt auf mit seinem New Yorker Partner und ehemaligen Studienkollegen Dean Maltz. Dieser holte einen Bekannten, den Bauträger Jeff Spiritos, mit ins Boot. Die Beteiligten kamen überein, dass Gasser & Grunert ihre Galerie ins Erdgeschoss und in einen Teil des Untergeschosses des Neubaus verlegen und ansonsten eine darüber gelegene Eigentumswohnung mit großer Terrasse beziehen. Der Profit durch den Verkauf der restlichen Wohnungen sollte an den Bauträger Spiritos gehen, der im Gegenzug die Kosten für Shigeru Bans Architekturleistungen übernehmen würde. Das Team aus Architekt, Bauträger und Galeristen entwickelte gemeinsam das Konzept: Der Neubau sollte entsprechend der Umgebung einen industriellen Charakter haben, von jeder Wohnung aus einen weiten Blick auf die Stadt ermöglichen, im Inneren hell sein und generell eine Einheit von Innen und Außen herstellen. So kam es zu dem Entschluss, den Wohnungen die Qualität von „Häusern“ zu geben: Jedem Eigentümer sollte Privatheit in einem völlig unabhängigen, aber offenen Raum auf zwei Geschossen geboten werden. Im Gegensatz zu anderen Gebäuden mit Eigentumswohnungen, die oft gemeinsam benutzte, instand gehaltene und somit auch bezahlte Räume wie Flure, Tiefgarage oder Waschräume umfassen, sollten die Bewohner nur für ihre eigene Wohnung zu­ständig sein und sich, wenn überhaupt, in einer kleinen Lobby treffen.

Drei Zuggurte

Damit der Neubau auf den ersten Blick „Chelsea-typisch“ sei, schlug Shigeru Ban vor, die gleichen metallenen Rollläden zu verwenden, die üblicherweise bei Industriegebäuden, Geschäften und Galerien in New York zum Schutz gegen Vandalismus vor Tore und Fenster gezogen werden. Da es sich in diesem Fall um die Straßenfassade eines Wohngebäudes handelte, musste diese, um den Baubestimmungen zu entsprechen, bis zu 50 Prozent offen sein. Um dieser Vorschrift Rechnung zu tragen, ließ der Architekt spezielle Rollläden aus Lochblech anfertigen, die auch dann, wenn sie geschlossen sind, als bis zu 63 Prozent offen gelten. Damit gelang es ihm, das Bauamt zu überzeugen.
Die hinter den Rollläden gelegene südliche und auch die nördliche Fassade ist mit raumhohen Fenstern versehen, die jeweils als ein horizontal zweigeteiltes, per Motor gesteuer­-
tes Falt-Tor funktionieren: Das System ist einem stählernen Scheunentor in Minnesota nachempfunden, das aus Einzelteilen besteht, die bisher nur in der Industrie verwendet werden. Zusammen mit der Verriegelung, dem Motor und den drei Zuggurten, die es bewegen, wiegt das Tor 2,7 Tonnen. Das Tor braucht 30 Sekunden, um sich einzufalten oder zu öffnen – schnell genug für das Bauamt.
Die einzelnen Wohneinheiten können durch das Ein­rollen der Metallläden und das Hochfahren der Fenster-Tore komplett zum Außenraum geöffnet werden. Das Haus unterteilt sich in Zonen verschiedener Privatheit. Es ist im Inneren in Schichten gedacht, was ihm einen sehr offenen, eher japa­nischen (Bauwelt 42–43.1995) denn amerikanischen Charakter verleiht.
Bei der Seitenfassade zu Frank O. Gehrys IAC-Bürogebäude im Westen waren nur einige wenige kleine Fensteröffnungen erlaubt. Um den Charakter einer Brandwand zu überhöhen und gleichzeitig das Gebäude zu einem Volumen zu vereinheitlichen, wurde die Fassade durchgehend mit gelöchertem Metallblech, ähnlich dem der Rollläden, verkleidet.
Das von Shigeru Ban bebaute Grundstück war nur 427 Quadratmeter groß. Der Architekt unterteilte die Grundfläche, um in jedem Geschoss neben den Fluchttreppen und dem Aufzug jeweils eine größere und eine kleinere Wohnung zu erhalten. Die Metal Shutter Houses bestehen aus sieben Eigentumswohnungen und einem Penthouse. Ein typisches Geschoss besteht aus zwei Wohneinheiten, von denen jede ein­zelne doppelstöckig und von Nord nach Süd ausgerichtet ist. Eine Ausnahme bilden das fünfte und sechste Geschoss, die von nur einer Wohneinheit belegt sind, sowie das Penthouse, das entsprechend Bebauungsplan im Grundriss rund neun Meter zurückspringt.
Die Türen des Aufzugs öffnen sich direkt in die jeweilige Wohnung, wo man zuerst den offenen Wohnbereich mit Kü­che betritt, der die gesamte Tiefe des Gebäudes einnimmt. Die Beleuchtung ist in die Betondecke eingelassen. Unter dem durchgehenden hellen Holzboden aus Eiche liegt eine Fußbodenheizung. Die ineinander übergehenden Räume können mittels Schiebetüren getrennt werden, ihre Deckenhöhe beträgt mindestens drei Meter.
Bei der Fertigstellung im Jahr 2010 waren angeblich alle Eigentumswohnungen verkauft. Der Verkauf des Penthouses mit großer Dachterrasse gestaltete sich jedoch schwierig. Es wurde komplett umgebaut und im Sommer 2011 für sage und schreibe 13,5 Millionen Dollar anstatt der anfangs gelisteten 2,5 Millionen Dollar verkauft! Ob diese Meldung stimmt, lässt sich nicht nachprüfen.

Fazit

Die Metall Shutter Houses bilden eine Art vertikale Siedlung von eigenständigen, offenen und großzügigen Wohneinheiten, die von einem Penthouse überragt werden. Die von den Bewohnern unterschiedlich geöffneten Metallrollläden unterstützen den Eindruck von individuell bewohnten Einheiten und stellen gleichzeitig den Zusammenhang zu den typischen Industriegebäuden in Chelsea her: Man wohnt in einem unabhängigen Wohnraum aus einfachen, industriellen Materialien, der wegen der raumhohen Fenster-Tore eher an einen Lagerraum als an ein Loft erinnert.
Das Team um Shigeru Ban hat mit den Metal Shutter Houses einen neuen Wohnungstyp der Luxusklasse für New York gefunden, für eine Stadt, die in der Entwicklung ihrer Wohngebäude eher langsam ist: Noch Jahrzehnte nach dem Zweiten Weltkrieg schafften es private Bauträger, wohlhabende Bewohner in verklinkerte Gebäude mit eher kleinen Wohnungen und niedriger Deckenhöhe zu locken. Erst Ende des letzten Jahrhunderts begannen sie dann verstärkt, industrielle Lofts in SoHo und Tribeca zu Wohnungen umzuwandeln und weckten damit das Interesse der Öffentlichkeit an geräumigen Apartments mit hohen Decken und großen Fenstern.
Heute investieren die Bauträger vermehrt in neuen Wohnungsbau in der Innenstadt und engagieren namenhafte Archi­tekten, um auch Eigentumswohnungen verkaufen oder vermieten zu können, die abseits der bekannten Gegenden liegen. Sie haben erkannt, dass kleine, standardmäßig vertikal gestapelte Wohnungen nicht mehr angesagt sind: Man will lieber individuell proportionierte Räume, Licht, Aussicht und dazu möglichst noch ein Schwimmbad, ein Fitnessstudio sowie private Entertainmentbereiche. Architekten und Bauträger versuchen also neue Standards zu setzen, doch nur sehr wenige von ihnen legen wie Shigeru Ban Wert auf einen so mutigen Grundriss, der aber trotzdem gut funktioniert und ausbaufähig ist.  



Fakten
Architekten Shigeru Ban und Dean Maltz, Tokio/New York
aus Bauwelt 3.2012
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