Satellitenstädte


Eine Stadt, neun Städtchen


Text: de Muynck, Bert, Shanghai


    Foto: Arnd Dewald

    Foto: Arnd Dewald

    Abb.: Shanghai New Towns, Harry den Hartog (Hg.), 2010, 010 Publishers, www.010.nl

    Abb.: Shanghai New Towns, Harry den Hartog (Hg.), 2010, 010 Publishers, www.010.nl

Unter dem Schlagwort „One City, Nine Towns“ wurde vor zehn Jahren in Shanghai mit dem Bau von neun Satellitenstädten begonnen. Der Bezug auf vornehmlich europäische Städte sollte ihnen eine exklusive Note verleihen. Mit der Planung wurden renommierte Büros aus den jeweiligen Ländern betraut. Ein erfolgreiches Beispiel städtebaulichen Kulturtransfers?
Architektur und Stadtplanung stecken in einer Identitätskrise. In der Architektur zeigt sie sich beispielhaft in der Sehnsucht nach „Ikonen“; sie hat die letzten Jahrzehnte geprägt. In der Stadtplanung hat die Überschreitung der Fünfzig-Prozent-Schwelle zwischen Land- und Stadtbewohnern im Jahr 2008 klargemacht, dass die bisherigen Strategien nicht für die Zukunft taugen. In europäischen Städten hat diese Entwicklung wenig Auswirkungen. Der Großteil ist bereits gebaut, die Identität somit nur begrenzt veränderbar. In China hingegen sind beide Bereiche eng verbunden; das Wachstum der Stadt liefert zugleich das Alibi dafür, neue Identitäten zu finden. Dafür wird der gesamte Katalog der Architekturgeschichte bemüht.
Ein außergewöhnlicher Fall, in großem Maßstab, ist das Projekt „One City, Nine Towns“. Die Stadt Shanghai hat 2001 beschlossen, beim Bau von neun Satellitenstädten europä­ische und nordamerikanische Vorbilder heranzuziehen. Ein Jahrzehnt später ist Shanghai von einem Kranz pseudo-historischer, pseudo-regionaler und pseudo-europäischer Satelliten umgeben, die von der Metropole aus mit U-Bahnen und über Autobahnen zu erreichen sind. Zu ihnen zählen eine spanische, eine italienische, eine deutsche, eine holländische, eine schwedische und eine englische Stadt. Diese New Towns, mit dem Anspruch entworfen, dass jede Stadt „ihren ganz eigenen und einzigartigen Charakter erhalten soll“, sind inzwischen weltweit bekannt geworden wegen ihrer kopierten Architektur und wegen ihres Leerstands. In China sind sie negative Protagonisten in einer Diskussion über den Import ausländischer Architekturstile.

Die langsame Annäherung

Ein Ortsbesuch findet heute bequemerweise mit den öffentlichen Verkehrsmitteln statt. Ich nehme die U-Bahn. Thames Town, Swedish Town und Holland Village liegen alle in der Nähe einer Endhaltestelle: Thames Town im Westen, Swedish Town im Norden und Holland Village im Osten. Vom Bund, der Ansammlung neo-klassischer Gebäude im Stadtzentrum von Shanghai, die Anfang des 20. Jahrhunderts gebaut wurden und heute eine der Touristenattraktionen sind, dauert die Fahrt etwa eine Stunde. So lange braucht man auch vom Eiffelturm nach Paris Disney.
Die Bahn fährt lange unter der Erde. Als sie ans Tageslicht kommt, werde ich von typischen Shanghaier Vororten empfangen: wuchtige Hochhäuser ersetzen hier die ursprünglich ländliche Bebauung. An den Endstationen angekommen erwarte ich, dort die nahegelegenen, von Europa inspirierten architektonischen Errungenschaften auf Plakaten und Werbe­tafeln zu finden, gemeinsam mit dem einen oder anderen Wahrzeichen – kleine Repliken vom Big Ben, des Kolosseums oder einer Windmühle. Doch nichts dergleichen. Da der öffentliche Verkehr im kleineren Maßstab nicht mehr funktioniert, steige ich für das letzte Stück des Weges in ein Taxi.
In den einzelnen Nine Towns bin ich zuallererst überrascht davon, wie klein die meisten von ihnen sind. Studiert man die Berichte in internationalen Medien, die in letzter Zeit zahlreich veröffentlicht wurden, entsteht der Eindruck, alle neun Städte seien riesige Gebiete von zig Quadratkilometern Größe in traditionellen europäischen Baustilen. Doch in der Realität findet sich wenig von dem Bild, das hier gezeichnet wird. Zwar sind die geplanten Einwohner-Zahlen tatsächlich beeindruckend: für Thames Town waren es 10.000 Bewohner, für German Town zwischen 30.000 und 50.000, für Italian und für Spanish Town jeweils 80.000 Einwohner, doch tatsächlich gebaut wurden in den meisten Fällen bisher nur Teilabschnitte. Das liegt vor allem in einer politischen Entscheidung begründet: Nach fünf Jahren, mit Inkrafttreten des 11. Fünf­jahresplans 2006, wurde der Bau der als Pilotprojekte angelegten Städte des „One City, Nine Towns“-Programms auf Eis gelegt, wahrscheinlich aus ökonomischen Überlegungen. Während einige der Satelliten – u.a. die Italian, German und Swedish Town – mitlerweile in den Status sogenannter „Fokusregionen“ aufgerückt sind, kämpfen andere um eine Positon in Shanghais taifunartig ausufernder territorialer Stadtentwicklung. Und alle kämpfen um eine eigene Identität.

Das Typische

Die Suche nach dem Typischen erzeugt beim europäischen Besucher sofort den Impuls, das Vorgefundene mit den Strukturen aus der Heimat zu vergleichen. In Thames Town ist es so still, dass ich unwillkürlich tatsächlich an eine verschlafene englische Kleinstadt denken muss. Und ist es eine Ironie des Zufalls oder Absicht, dass sich Holland Village in der Nähe der Nord-Waigaoqiao-Sonderhandelszone in Pudong befindet, die einer aufgeblasenen Version des Amsterdamer Hafengebiets gleicht? Die holländische „Stadt“ – eigentlich nur ein Platz und eine Straße – erinnert allerdings mehr an die offenen und immer zugigen Flächen, denen man in holländischen Vorstädten begegnet.
In der Architektur rächt sich der vermeintlich sichere Rückgriff auf das Pittoreske, der Kopie fehlen Begründung und Bezug. Zwar sind alle Städte, gemäß der westlichen Vorbilder, fußgängerfreundlich angelegt und unterscheiden sich in Gestaltung, Straßeneinteilung und der Menge öffentlichen Raumes. Doch irgendetwas stimmt nicht mit dem Maßstab, und Stilreinheit sucht man vergebens. Bei näherer Betrachtung beschränken sich die jeweiligen landestypischen Merkmale auf eine Ansammlung zusammengewürfelter Elemente: historische Häuserstile, typische Straßennamen, Rasenflächen, Gärten, Stadtmöbel, Gehsteigtexturen. Die Kirchen, die fast allen der Nine Towns einen europäischen Anstrich geben, kann man zumeist als Attrappen bezeichnen: Bar jeder typologischen Nutzung, sind sie hier Hochzeitsläden, Hotels oder Shoppingcenter.
Städtebaulich geht es – abgesehen von der Dichte und der Orientierung der Häuser – fast schon typisch chinesisch zu. So sind die neuen Wohngebiete, wie in China üblich, als Gated Communities angelegt. Für jedermann zugänglich bleiben oft nur die Einkaufsstraßen –  „in“ Schweden, Italien oder Holland. Der seltene Versuch, hier eine Nutzungsmischung zu etablieren – in German Town z.B. liegen über den Läden Wohnungen –, scheint nicht von Erfolg gekrönt zu sein. Auch die Straßenbreiten brechen das westliche Muster. Chinesische Bauvorschriften schreiben Straßenräume vor, die bei weitem das überschreiten, was wir aus europäischen Städten kennen.

Leere und Transformation

Ihrem Ruf als Geisterstädte werden die Satelliten traurigerweise gerecht. In Swedish Town – einer der „Fokusregionen“, die bis 2020 mindestens 50.000 Einwohner beherbergen soll – finde ich einen Themenpark: verlassen, einen Golfplatz: leer, eine internationale Kunstgalerie: geschlossen, einen Glockenturm: nicht zugänglich und eine Straße im nordischen Stil: desolat. Auch in den meisten anderen Städten gibt es nichts zu tun, nichts einzukaufen, nichts zu essen oder zu trinken. Touristen verirren sich hierher nicht. Außer auf Wachpersonal und Reinigungskräfte trifft man nur auf Brautpaare, die auf der Suche nach der besten Kulisse für ihre Hochzeitsfotos sind.
So unwohl man sich als westlicher Architekt in dieser Kulisse fühlt – eine Parodie war jedenfalls nicht das Ziel der Planer. Hier wurde für die örtliche Bevölkerung gebaut, mit Stil als Marketinganreiz, für die Mittelklasse als Zielgruppe. Als Käufer hatte man jene im Auge, die jeden Tag ins Zentrum von Shanghai pendeln, zu Flughäfen oder Universitäten, in Finanzdistrikte oder Hafengebiete. Die Rechnung ist offensichtlich nicht aufgegangen. Auch, weil hier – obwohl die Entwürfe allesamt von renommierten Planungsbüros aus den jeweils namensgebenden Ländern stammen – weder hochwertige europäische, noch anspruchsvolle oder luxuriöse Mileus entstanden sind. In ihrer Low-Cost-Ausführung sind die Nine Towns die architektonische Entsprechung von Schlagern, Musicals und Operetten. Ein weiterer Grund ihres Scheiterns liegt in der großen Konkurrenz vor Ort: Die neuen Städte wurden nicht selten in der Nähe existierender Zentren errichtet, die bereits gut funktionieren und die Erwartungen der chinesischen Klientel offensichtlich besser erfüllen als die angrenzenden westlich geprägten „Paradiesvögel“. Um Nachfrage vorzutäuschen, sind die Investoren jetzt teilweise dazu übergegangen, ihre Wohnungen selber zu kaufen, nachts wird dort mit beleuchteten Fenstern Leben simuliert, um echte Mieter anzulocken.
Doch man sollte diese Gegenden nicht zu schnell für tot erklären. Nachdem viele von ihnen radikal und dogmatisch gezwungen wurden, eine fremde Vergangenheit darzustellen, versuchen sie gerade herauszufinden, wie sie sich auf die Zukunft einrichten können. Die Transformation hat bereits begonnen. Die Swedish Town von heute ist mehr Chinatown als dass sie zum Beispiel Stockholm wäre, die nordische Szenerie verschwindet langsam unter chinesischen Werbetafeln und Plakaten, Gebäude werden mit chinesischen Dächern, Drachen und Lampions verziert. Die europäisch inspirierten Orte mutieren, bis sie in das passen, was der Markt will. Wenn es heute auch absurd klingen mag, wird es wahrscheinlich ein Dilemma der Zukunft sein, das Typische dieser Gegenden zu erhalten. Das Ergebnis nennt man Fotokonservierung. Die Zukunft ist dann eingerahmt. Buchstäblich.



Fakten
Architekten Kuiper Compagnons, Rotterdam; Atelier Dutch, Almere; Six Degrees Architecture, Melbourne; Corban and Goode, Toronto; Sweco Architects, Stockholm; KTH Urban Planning and Design, Stockholm; Codinachs Architects, Barcelona; Atkins Design Studio, Surrey; Gregotti, Genua; Centro Studio Traffico, Mailand; Ove Arup, Beijing; Ben Wood Studio, Shanghai; Albert Speer & Partner, Frankfurt am Main
Adresse Shanghai, Volkrepublik China


aus Bauwelt 7.2012
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