Riga School of Design


Mit dem Gebäude atmen


Text: Zvirgzdiņš, Artis, Riga


    Foto: Ansis Starks

    Foto: Ansis Starks

    Foto: Ansis Starks

    Foto: Ansis Starks

    Foto: Ansis Starks

    Foto: Ansis Starks

Die Renovierung der einstigen Dritten Rigaischen Kreisschule für die Riga School of Design ist auch ein Demonstrations­projekt für die Aneignung der Holzarchitektur der Stadt. Jenseits von denkmalpflegerischen Dogmen ging es Zaiga Gaile um das atmosphärisch stimmige Verschmelzen von Historie und Gegenwart der Architektur
Der Große Preis der lettischen Architektur ging in diesem Jahr an ein renoviertes Schulgebäude im Zentrum von Riga. Der hölzerne Bau an der heutigen Lacpleša-Straße wurde 1820 als Katharinenschule oder Dritte Rigaische Kreisschule errichtet und dient seit fast zweihundert Jahren ununterbrochen als Bildungsstätte. Seit 1919 ist hier die Schule für Kunst und Kunstgewerbe untergebracht, nach mehrfachem Namenswechsel heißt sie seit dem Jahr 2002 nun Riga School of Design and Art.
Von Kirchen einmal abgesehen, ist dieser Bau mit einer Länge von 40 Metern und einer Tiefe von 12 Metern das größte eingeschossige Holzgebäude im Zentrum der lettischen Hauptstadt; zugleich ist es ein typisches Beispiel für die Holzarchitektur, die in Rigas Vorstädten nach dem großen Brand von 1812 entstand, zumeist nach Stilvorlagen eines im ganzen Zarenreich verbindlichen Katalogs. Das Schulgebäude hat sich ein hohes Maß an Authentizität bewahrt – von der äußeren Gestalt über die Konstruktion bis zu Details: Selbst die originalen Fenster aus dem ersten Viertel des 19. Jahrhunderts sind noch vorhanden. Ein Gebäude mit so vielen gut erhaltenen Einzelheiten ist in Riga eine echte Seltenheit.
Die größte Blütezeit Rigas fiel mit der Belle Époque des alten Europa zusammen. In den fünfzig Jahren vor dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs verfünffachte sich die Bevölkerung der Stadt, und es entstanden nicht nur die wichtigsten öffentlichen Gebäude und die berühmten mehrgeschossigen Jugendstil-Wohnhäuser, Riga wandelte sich auch zur Industriestadt mit Backsteinfabriken und mit Holzhäusern für die Arbeiter – alle bis heute unschätzbare Bestandteile des Stadtbilds und der Identität der lettischen Hauptstadt. Der Weltkrieg und die späteren wirtschaftlichen und politischen Veränderungen verhinderten, dass die ein- oder zweistöckigen Gebäude durch höhergeschossige Gebäude aus Stein oder Beton ersetzt wurden. Heute ist die Mischung aus hoher und niedriger Bebauung ein prägendes Merkmal des Rigaer Stadtbilds, und so sieht es auch im Umfeld der Schule, in der Lacpleša-Straße aus.
Das große bauliche Erbe des Industriezeitalters unterscheidet Riga von den beiden anderen baltischen Hauptstädten Tallinn und Vilnius, in denen der Anteil von Bauten aus den sow­jetischen Jahrzehnten erheblich größer ist. Dieses Erbe trug entscheidend dazu bei, dass lettische Architekten schon längere Zeit Erfahrung und Kenntnisse mit Restaurierung und Renovierung, mit Umbau und Umwandlung sammeln konnten. Am interessantesten sind jene Arbeiten, die Alt und Neu kom­binieren, in denen der Charme des Historischen mit architektonischer Innovation verschmilzt, sich der Respekt vor der Geschichte in raffinierten zeitgenössischen Lösungen widerspiegelt. Die Autorin des Schulprojekts ist ohne Zweifel die führende Architektin auf diesem Gebiet in Lettland.
Zaiga Gaile stammt nicht aus den Zirkeln jener eifrigen Restauratoren, die sich schon in den siebziger Jahren der Erneuerung von Kirchen, Herrenhäusern und Schlössern verschrieben hatten. Sie kam vielmehr von der staatlichen Siedlungsplanung, zog sich dann aber aufs Land zurück, wo sie größeren kreativen Freiraum fand. In den achtziger Jahren war sie Mitglied der Gruppe Maja (Das Haus), einer Vereinigung von Architekten, die auf der Suche nach regionaler Identität an einer Wiederbelebung traditioneller ländlicher Bauformen arbeiteten und sich dabei stark von postmodernen Einflüssen leiten ließen. Nach der Unabhängigkeit des Landes gründete sie ihr eigenes Büro, das sich auf anspruchsvolle Renovierungs- und Umnutzungsprojekte spezialisiert hat.
Am renovierten Bau der Schule für Kunst und Gestaltung kommen nun die Gestaltungsprinzipien der Rigaer Architektin besonders klar zum Vorschein. Für sie steht das Atmos­phärische der historischen Gebäude im Vordergrund. Dieses gilt es zu bewahren, auch wenn die alten Bauten an heutige funktionale Erfordernisse und die Bedürfnisse des modernen Lebensstils angepasst werden. Jahrzehntelang stützten sich die Erhaltung und Restaurierung von Baudenkmälern auf die Charta von Venedig (1964), nach deren Regeln im Umgang mit dem historischen Erbe alles, was neu hinzugefügt wird, erkennbar von der Originalsubstanz zu unterscheiden sein solle. Inzwischen hat die Postmoderne ihre Spuren hinterlassen, auch in Denkmalfragen sind die Ansätze pluralistischer geworden. Bei Projekten aus dem Büro Zaiga Gailes ist die Unterscheidung zwischen Alt und Neu nicht immer klar (weshalb auch von Denkmalpflege im engeren Sinne hier keine Rede ist). Die Resultate sind vielleicht nicht so leicht lesbar, dafür wird viel Wert auf eine harmonische Gesamtwirkung gelegt – atmosphärisch eben. Immerhin ergeben sich bei solchen Lösungen mitunter originellere Effekte als bei reinen Neubauten, bei denen es ja nur noch in seltenen Fällen gelingt, eine wirklich neuartige Aussage zu treffen.
Die Wiederherstellung des Schulgebäudes folgte einem schrittweisen, in gewisser Hinsicht intuitiven Prozess. Die Architektin erklärt, dass man bei einem Renovierungsvorhaben nicht alles vorab entwerfen, planen und voraussehen könne; Probleme und Lösungen würden sich zeigen, wenn man den Ort regelmäßig aufsuche, ein Gefühl für ihn entwickele. „Mit dem Gebäude atmen und zuhören, was es will.“ So waren etwa die Holzbohlen nach ihrer Freilegung und Reinigung so schön und so gut erhalten, dass es sich einfach verbot, sie erneut hinter Putz verschwinden zu lassen. Mit der Entscheidung für freiliegende Holzwände war dann aber eine zentrale Weichen-stellung für das gesamte Projekt erfolgt. Nunmehr definieren nackte Holzwände weitgehend das Ambiente der Innenräume. Neu hinzugefügte Elemente und Materialien – zwei Holztreppen, die Fußböden, verglaste Trennwände und neue Oberlichter – sind klar als neuzeitlicher Beitrag erkennbar. Davor war noch die wichtigste funktionale Aufgabe zu lösen: den Grundriss neu zu gestalten und von Umbauten zu säubern, die ein beinahe chaotisches Raumlabyrinth hinterlassen hatten. Bei der Renovierung wurden alle nicht bauzeitlichen Trennwände beseitigt und die ursprünglichen Achsen und Raumfluchten zurückgewonnen.
Worin liegt hier nun das Authentische? Wahrscheinlich wurde das Gebäude nie mit offenliegenden Holzwänden genutzt. Mit ihrem Verputz wirkten die Räume einst sicher ruhiger, aber auch banaler. So könnte man in dem Projekt durchaus eine gewisse Schamlosigkeit erkennen, ein extremes Verfahren, um aus einem eher durchschnittlichen Gebäude seiner Zeit etwas Besonderes, vielleicht sogar einen Fetisch zu machen. Die Räume der renovierten Schule vermitteln den beinahe suggestiven Eindruck von Wärme, Harmonie, menschlicher Nähe. Indem die Innenräume aller Verkleidung entledigt wurden, kann der Bau nun eine ganz eigene Geschichte erzählen. Es ist sicher keine Übertreibung zu behaupten, dass Zaiga Gaile sich hier als Missionarin der Holzarchitektur versteht.
Übersetzung aus dem Englischen: Christian Rochow



Fakten
Architekten Gaile, Zaiga, Riga
Adresse Aleksandra Čaka iela 33 Centra rajons, Rīga, LV-1011 Lettland


aus Bauwelt 33.2014
Artikel als pdf

0 Kommentare


Ihr Kommentar






loading