Parkgaragen-Konstruktion wird Wohnungsbau in St. Pölten


Parkgaragen basieren auf einem gut erprobten und überaus simplen Konstruktionssystem. Lässt sich ein solches System für den qualitätvollen Geschosswohnungsbau kapern? Im österreichischen St. Pölten entsteht zur Zeit ein vielversprechendes Pilotprojekt


Text: Geipel, Kaye, Berlin


    Das Architekturbüro ARTEC entwarf die westlichen beiden Riegel mit dem nach Norden angehängten Bau mit einer großen Spielterrasse.
    Visualisierung: SMAQ Projektgemeinschaft

    Das Architekturbüro ARTEC entwarf die westlichen beiden Riegel mit dem nach Norden angehängten Bau mit einer großen Spielterrasse.

    Visualisierung: SMAQ Projektgemeinschaft

    Die Riegel der Architekten Wimmer und Partner haben ein gemustertes Satteldach
    Visualisierung: SMAQ Projektgemeinschaft

    Die Riegel der Architekten Wimmer und Partner haben ein gemustertes Satteldach

    Visualisierung: SMAQ Projektgemeinschaft

    Die Gebäudestruktur ist ähnlich einem Regalsystem mit flexiblen Grundrissenunterschiedlicher Größen ordnungen konfigurierbar. Die gesamte Erschließung einschließlich Treppenhäuser ist extern angeordnet.
    Visualisierung: SMAQ Projektgemeinschaft

    Die Gebäudestruktur ist ähnlich einem Regalsystem mit flexiblen Grundrissenunterschiedlicher Größen ordnungen konfigurierbar. Die gesamte Erschließung einschließlich Treppenhäuser ist extern angeordnet.

    Visualisierung: SMAQ Projektgemeinschaft

    Die hinterlüftete Holzriegelkonstruktion wurde als nichttragende Fertigteil­fassade ausgebildet. Sie besteht aus Dreischichten- Lärchenplatten.

    Die hinterlüftete Holzriegelkonstruktion wurde als nichttragende Fertigteil­fassade ausgebildet. Sie besteht aus Dreischichten- Lärchenplatten.

    Das Wohnbauprojekt in St.Pölten versteht sich als innovationsorientierte Produktentwicklung – ...

    Das Wohnbauprojekt in St.Pölten versteht sich als innovationsorientierte Produktentwicklung – ...

    ... erprobt wird eine multiplizierbare Standardbauweise.

    ... erprobt wird eine multiplizierbare Standardbauweise.

    Die Konstruktion besteht aus dem Stahlträgersystem „Peikko“ mit Stahlbetonstützen, ...

    Die Konstruktion besteht aus dem Stahlträgersystem „Peikko“ mit Stahlbetonstützen, ...

    ... Hohldielendecken, einer Holztafelfassade und Fertigteilschächten.

    ... Hohldielendecken, einer Holztafelfassade und Fertigteilschächten.

Die beiden Wiener Architekturbüros ARTEC und Wimmer und Partner kennen sich gut. Im Grundstücksbeirat des Wiener Wohn Fonds beispielsweise, der jedes Bauträgerprojekt, das mit öffentlichen Fördermitteln geplant ist, nach den Kriterien des ,,4-Säulen-Modells“-beurteilt, arbeiteten Bettina Götz von ARTEC und Helmut Wimmer lange zusammen. Beide Büros teilen die Auffassung, dass der neue Wiener Wohnbau konzeptuell stagniert und dass diese Schwäche gerade auch in der konventionellen Bauweise begründet ist. Bei den üblichen GU-Bauträger- Wettbewerben gibt es einen fixierten Preis, was dazu führt, dass die Bauträger dann fast immer mit einer der drei großen Baufirmen zusammenarbeiten. Ergebnis: Es gibt keinerlei Varianz, man verlässt sich auf das, was man kann – realisiert wird immer dieselbe Schottenbauweise mit Stahlbetondecken .
Die gemeinsame Idee der beiden Architekturbüros: über eine Bauweise nachdenken, die mehr Vorfertigung zulässt. Zum Beispiel mit einem Bausystem, mit dem üblicherweise Parkgaragen erstellt werden. Das ergibt mehrgeschossige, offene Hallen, die mit modularen Einbauten gerade auch im Wohnungsbau flexibel zu nutzen sind. Außerdem könnte es eine Antwort auf den aktuellen Trend zu Kleinwohnungen sein. Wenn dieser Trend künftig wieder in eine andere Richtung gehen sollte, ließen sich die Wohnungen problemlos zusammenlegen. Denn auch in Wien werden zurzeit sogenannte Smart-Wohnungen mit nicht mehr als 65 Quadratmeter bei drei Zimmern realisiert. „Eigentlich ein Unding“, so sieht es Bettina Götz, die in Berlin an der Universität der Künste unterrichtet und auch den deutschen Wohnbau gut kennt.
Zusammen mit dem Frankfurter Tragwerksplaner Klaus Bollinger konkretisierten die beiden Büros dann ihre Idee und legten dem gemeinsamen Entwurf ein Bausystem für Parkgaragen der Firma Peikko zugrunde. Die Decks sind 16 Meter breit und üblicherweise wie folgt gegliedert: 5 Meter Parken, 6 Meter Fahrbahn, 5 Meter Parken. Im Schemaschnitt wird deutlich, wie die Architekten dieses Prinzip für ihre Zwecke ummodeln: Die Basis bieten Stahlträger mit aufgelegten Hohldielen, hinter den Stahlbetonstützen verläuft die Fertigteilfassade als hinterlüftete Holzriegelbauweise. Für die Sanitärbereich sind HT-Fertigschächte vorgesehen, im Boden und in der Decke verläuft eine thermische Trennung. Die Abmessungen der thermischen Hülle beträgt in der Tiefe 10,6 Meter. Die Auskragungen der Freiräume verhindern den Brandüberschlag und ermöglichen damit auch die Holzfassade, die als leichte, nicht tragende Bauweise eine geringer dimensionierte Statik erfordert und mit dem Stahlbausystem und den leichten Hohldielen ein geringeres Stützenraster und höhere Spannweiten ermöglicht. Für die Wohnungen bietet die simple Garagenbauweise große räumliche Vorteile: Beim Pilotprojekt in St. Pölten entstand jetzt auf beiden Seiten ein vorgelagerter, fast luxuriös großzügiger Streifen von 2,8 Metern für Frei- und Erschließungsräume, der auf der einen Seite als Laubengang und auf der anderen als Balkon genutzt wird. Das effektive Konstruktionssystem lässt sich je nach örtlichen Bauvorschriften anpassen. Bettina Götz: „Die unteren und oberen Abschlüsse – als die Übergänge im Erdgeschoss und die Dachaufbauten im Obergeschoss – können sinnvollerweise immer anders aussehen. Die architektonische Anpassung eines flexiblen Systems ist das was uns beim Entwerfen wirklich interessiert. Das wollen wir ausreizen: Dreimal haben die beiden Büros mit diesem Vorschlag an Bauträger- Wettbewerben teilgenommen und jedes Mal verloren. Dann klappte es mit einem Direktauftrag in St. Pölten mit der BWS, der Gemeinnützigen Allgemeinen Bau-, Wohn- und Siedlungsgesellschaft aus Wien, die mutig genug ist, dieses Pilotprojekt umzusetzen und dafür auch den couragierten Projektentwickler Robert Korab im Boot hatte.
Auf dem rechteckigen Grundstück das im Norden eine hundekopfartige Erweiterung hat werden zurzeit vier nord-süd-gerichtete Baukörper mit 75 Meter Länge und 16,2 Meter Breite errichtet, ergänzt um einen halben Riegel auf der Nordwestseite. Auf diesem Sonderbaustein befindet sich eine für alle Bewohner offene Dachterrasse. Über Brücken auf derselben Höhe sind die vier Riegel mit dieser Terrasse verbunden. Die beiden Gebäude im Osten, an der Praterstraße haben Regelgeschosse auf vier Decks, im Westen ist die Bauhöhe um ein Geschoss geringer. Auf dem obersten Deck befinden sich zweigeschossige Wohnungen mit Satteldachabschluss. Die beiden zur Straße orientierten Riegel entwarf das Büro Wimmer, die nach Osten anschließenden Bauten wurden von ARTEC entworfen.



Fakten
Architekten SMAQ GmbH, Wien: ARTEC Architekten, wup_wimmerundpartner, raum und kommunikation
Adresse Maximilianstraße 74, A-3100 St.Pölten


aus Bauwelt 28-29.2016
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