Neue Nationalbibliothek


Saudische Verhältnisse


Text: Redecke, Sebastian, Berlin


    Die Bibliothek mit dem neuen Vorplatz, unter dem eine Tiefgarage liegt.
    Foto: Christian Richters

    Die Bibliothek mit dem neuen Vorplatz, unter dem eine Tiefgarage liegt.

    Foto: Christian Richters

    Foto: Christian Richters

    Foto: Christian Richters

Ohne Exporte in alle Welt würde die deutsche Automobilindustrie an Auftragsmangel kranken. Ohne Projekte im Ausland sähe es für viele große deutsche Architekturbüros düster aus. In Riad wird im November die neue Nationalbibliothek von Gerber Architekten eingeweiht. Sie überbauten die alte Bibliothek.
In Riad mit seinen fünf Millionen Einwohnern – 1974 waren es noch weniger als 700.000 – kann man von einem Stadtzentrum, in dem sich Fußgänger bewegen, nicht reden. Eine Ausnahme bilden die Bereiche um die beiden Festungen der früheren kleinen Wüstenstadt, Musmak und Qasr Al Hokm. Viele der wichtigen Bauten der Stadt sind heute in einem Band zwischen der 14-spurigen King Fahd Road und der parallel verlaufenden 8-spurigen Olaya Street zu finden. Kenzo Tange baute hier 1982 das Khairia Center mit der beeindruckenden „blauen Moschee“ King Faisal, ein schräg abgeschnittener Zylinder, der allerdings durch angrenzende Neubauten als Landmarke in der Stadt heute kaum noch präsent ist. Im Jahr 2000 entstand der 267 Meter hohe Al Faisaliah Tower von Normen Foster, ein Wahrzeichen, wichtiger noch, ein Orientierungspunkt, um sich in der Stadt zurechtzufinden. Blickt man vom Turm hinunter, dehnt sich ein Meer aus Häusern, maximal drei Geschosse hoch, und einigen wenigen markanten höheren Bauten bis zum Horizont. Begrünt sind, abgesehen von einigen Parks, nur die Höfe der Häuser, abgeschlossene Bereiche für die Familien, und die hinter Mauern verborgenen Freianlagen der Paläste der Königsfamilie. Dabei fällt der bereits in den frühen fünfziger Jahren entstandene Royal Nasiriyah Palast ins Auge. Andere markante Orientierungspunkte sind Büroblocks, Minarette, Shoppingcenter und das neue Krankenhaus. Als große freie Fläche ist der ehemalige Flughafen der Hauptstadt auszumachen, den die USA als Militärbasis nutzen. Das wichtigste Wahrzeichen ist heute das 302 Meter hohe Kingdom Centre, ein Hochhaus in Form eines langgezogenen Flaschenöffners. Das luxuriöse Büro-, Hotel- und Geschäftscenter, fertiggestellt im Jahr 2002, wurde vom US-amerikanischen Büro Ellerbe Becket (heute AECOM) und dem seit Jahrzehnten mächtigen einheimischen Planungsbüro Omrania & Associates errichtet. Es ist im Besitz des Prinzen al-Walid ibn Talal Al Saud. In der Ferne, im Norden, liegt der neue King Abdullah Financial District mit weiteren Hochhäusern, der zurzeit unter der Regie von Henning Larsen in Bau ist. Das dänische Büro ist schon länger in Riad aktiv und baute u.a. das Außenministerium. Der Financial District ist die größte Baustelle im Land und wird, eine neue Stadtkrone außerhalb des Zentrums bilden.
Bei der Vorgeschichte der Nationalbibliothek von Saudi-Arabien hatte Architekt Eckhard Gerber Glück. Sein Beispiel zeigt, dass man zu einem Großauftrag in einem fernen, politisch und kulturell fremden Land auch per Zufall gelangen kann. Im Verlauf des Projekts muss man dann aber nicht nur über Verhandlungsgeschick und Durchhaltevermögen verfügen, sondern auch offen für andere Formen geschäftlicher Arbeitsbeziehungen sein. Dann lässt es sich mit den Kontaktpersonen vor Ort umsetzen.
Göttingen
Während der ersten Überlegungen für den Neubau der King Fahd’s National Library von Saudi-Arabien lag bei der staatlichen Planungsagentur Arriyath Development Authority (ADA) das in Frankreich erschienene Buch von Michel Melot zu den „schönsten Bibliotheksbauten der Welt“ auf dem Tisch. In dem Buch war auch die Staats- und Universitätsbibliothek Göttingen des Architekten (Bauwelt 15.1994) publiziert worden. Die stieß bei den Verantwortlichen auf Interesse. Daraufhin wurde das Büro Gerber 1999 zum Wettbewerb für das Gebäude in Riad eingeladen. Den gewann Mario Botta. Dann entschied sich die ADA jedoch für einen anderen Standort. Man wollte nun doch auf dem Grundstück weiterbauen, auf dem der erste Bau der Bibliothek aus den frühen achtziger Jahren steht. Warum diese Entscheidung so fiel, wurde nicht erläutert. Man kann wohl davon ausgehen, dass einer der vielen Prinzen des saudischen Königshauses dabei eine Rolle spielte. Das Königreich Saudi-Arabien ist eine absolute Monarchie. Der Einfluss der gesamten königlichen Familie auf die Planungen staatlicher Einrichtungen ist groß. Der Neubau für die Nationalbibliothek wurde unter König Fahd ibn Abd al-Aziz in die Wege geleitet, der von 1982 bis kurz vor seinem Tod im Jahr 2005 regierte. Er hat 14 Kinder und an die fünfzig Enkelkinder, alles Prinzen oder Prinzessinnen.
Die Einhausung
Den zweiten Wettbewerb mit zwölf Teilnehmern gewannen 2002 Gerber Architekten. Den Planern war es freigestellt, die alte Bibliothek zu bewahren oder abzureißen. Gerber entschied sich, den Altbau auf kreuzförmigem Grundriss und mit zentraler kleiner Kuppel komplett in den Neubau zu integrieren. Er spricht dabei von „Einhausung“. Zunächst war ein gewaltiger Kubus vorgesehen. Diese Planung wurde dann aber gestoppt, da ein zunächst vorgesehenes Kongresszentrum wieder ausgelagert wurde. Entstanden ist schließlich ein nur fünfgeschossiger quadratischer Bau mit einer Seitenlänge von 140 Metern. Die Kosten lagen bei rund 130 Millionen Euro.
In der nun fertiggestellten aber noch nicht eröffneten Nationalbibliothek befindet sich im ersten Obergeschoss auch der repräsentative Empfangs- und Bürotrakt eines Prinzen, der mit dem Haus verbunden ist. Die Sitzmöbel mit weißem Leder und die teuren Holztische stammen aus Westfalen und kosteten rund 100.000 Euro. Zurzeit stehen Umplanungen an, dem Prinzen waren die Räume zu nüchtern. Er wünscht sich Holztäfelung an den Wänden. Wie bei vielen anderen Staatsbauten in Saudi-Arabien, in denen jeweils einer der zahlreichen Prinzen seine Räume hat, ist zu erwarten, dass sich der Hausherr dort so gut wie nie aufhalten wird. Sie sind eigentlich nur ein Symbol: Die Familie ist überall präsent und nimmt Einfluss.
In Riad gibt es keinen öffentlichen Nahverkehr. Man bewegt sich mit Autos, deren Tanks für wenig Geld gefüllt werden, von einem klimatisierten Quartier – Wohnen, Büro, Schule, Shoppingcenter, Hotel – zum nächsten. Um hin und wieder dieser Welt ein wenig zu entfliehen, fährt man raus aus der Stadt zum Picknicken. Reiche Familien haben dort Zelte und Tiere – Schafe, Kamele, manchmal auch Pferde – die in der Tradition des Lebens in der Wüste versorgt werden.
Die Bibliothek befindet sich an der King Fahd Road, der großen Magistrale der Stadt, in unmittelbarer Nähe des Al Faisaliah Towers. Der Neubau fällt in Riad aus dem Rahmen. Er wurde weder mit getönten Scheiben und Aluverkleidung, noch mit dem üblichen ockerfarbenen Kalksandstein versehen. Das Äußere wird bestimmt durch eine leichte Fassadenkonstruktion aus Segeln, die ein Muster ergeben. Gerbers Göttinger Bibliothek sieht anders aus. Es ist nicht ganz klar, weswegen der Bau so beeindruckt hatte. Vielleicht waren es die großen offenen Ebenen für die Lektüre mit Ausblicken. Der kreuzförmige, mit weißen Marmorplatten verkleidete Bestandsbau beherbergt heute das Magazin der Bibliothek, für den Architekten ist es die „Schatztruhe“.
Tuwaiq Palace
Die Fassade mit den Segeln knüpft in gewisser Weise an die Zeltarchitekturen von Frei Otto in Saudi-Arabien an. Eine wirkliche Trouvaille ist dessen Tuwaiq Palace von 1985, der vier Jahre später mit dem Aga Khan Award für Architektur ausgezeichnet wurde. Beim Besuch im acht Kilometer nordwestlich vom Zentrum gelegenen Diplomatic Quarter von Riad bin ich beindruckt von der konzeptionellen Qualität der Bauten, deren Eleganz und dem guten Zustand der Zeltstrukturen, die in einen von Bödeker, Boyer und Wagenfeld gestalteten Park eingebettet sind. Die Zeltdach-Hallen werden für offizielle Veranstaltungen des Königreichs genutzt.
Auch Gerber verspannt für die vier gleichen Seiten der Bibliothek Planen mit Stahlseilen. Diese Planen thematisieren für ihn die Kultur des Verhüllens und machen das Haus kostbar. Die Konstruktion befindet sich weit vor der eigentlichen Fassade, um die Reinigung zu ermöglichen. Doch in den gewölbten dreieckigen Feldern hat sich schon jetzt Sand abgelagert. Nach den berüchtigten Stürmen ist es offensichtlich schwierig, die Fassade des Gebäudes zu pflegen. Gut gelungen ist, dass man im Inneren durch die gewölbten Planen nach Außen schauen kann und doch nahezu vollständig vor der Sonne geschützt ist. In Riad sind Außentemperaturen von bis zu 50 Grad nicht ungewöhnlich, die Räume sind klimatisiert (Schichtlüftung und Fußbodenkühlung). Bei Dunkelheit erstrahlen die weißen Segel in hellem Licht, das ihre besondere Plastizität noch einmal hervor hebt. Bei beiden, damals bei Frei Otto, jetzt bei Eckhard Gerber, ist das Leitthema die Anlehnung an traditionelle Zeltstrukturen. Sie sind mit der fili­granen Textil-Seilkonstruktion in eine moderne Form übersetzt worden. Nach Osten blickt man auf eine neuen, teilweise begrünten Vorplatz. Für diesen zunächst nicht geplanten Vorbereich am neuen Haupteingang, den der Bauherr als nicht wichtig erachtete, hat sich Gerber besonders eingesetzt. Vom Niveau des Platzes an der Olaya Street hebt sich ein Plateau leicht ab, auf dem der Neubau steht. Dessen Erdgeschosszone ist zurückgesetzt und weitgehend verglast. Hier sollen ein Restaurant und Läden einziehen.
Das Kuppel-Problem
Die zentrale Kuppel des Bestandsbaus nimmt man im neuen quadratischen Gebäude weder außen noch innen wahr. Dies ist sicherlich ein Schwachpunkt des Projekts. Obwohl mit großem Aufwand neu gestaltet, ist sie kein architektonischer Blickfang und daher ohne Bedeutung für das Gebäude. Steigt man auf das Dach wird deutlich, dass die dort installierte Haustechnik große Teile der das Haus bekrönenden Haube verdeckt. Die zentrale Halle unterhalb der gläsernen Kuppel hat heute nicht mehr die Bedeutung wie im Altbau. Immerhin fällt viel Licht in den Raum.
Bibliotheken brauchen Büros – aber hier scheinen die Flächen dafür überdimensioniert. Sie wurden alle mit Möbeln bester Qualität aus Europa ausgestattet. Wir erfahren, dass 90 Prozent der berufstätigen Saudis im öffentlichen Dienst arbeiten. Es scheint ein extrem aufgeblähter Apparat zu sein, der bei rasant wachsender Bevölkerung wohl immer noch größer wird. Die Bibliotheksmitarbeiter, die bei meinem Besuch mit dem Einordnen der Bücher beschäftigt sind, scheinen sich extrem viel Zeit zu lassen.
Durch die quadratische Umbauung des kreuzförmigen Altbaus ergeben sich vier Höfe, die unterschiedlich genutzt werden. An der King Fahd Road, wo sich der alte Haupteingang befand, liegt heute das Entree für offizielle Besuche. Der neue Haupteingang wurde auf der gegenüber liegenden Seite angeordnet, wo der freie Platz einen angemessenen Vorbereich bietet. Nach dem Eintritt in die Halle fällt ein merkwürdig um eine Rundstütze herum verlaufender Aufgang mit zwei langen Rolltreppen und ein leider spröde ausgefallener Aufzugsturm ins Auge. Die Wege nach oben sind wichtig, da der Besucher in der Regel gleich in einen der Lesesäle will, die sich auf den flachen Dächern der vier Gebäudeflügel des Altbaus und im dritten Obergeschoss des Neubaus ausbreiten. Alt- und Neubau sind über Brücken miteinander verbunden. Oben angekommen eröffnet sich ihm eine nahezu die gesamte Fläche einnehmende Ebene mit Lesetischen, Regalen und Leseboxen. Auf in den Raum gestellten Kuben für Sanitär- und Technikräume laden kleinere, abgeschirmte Leseecken zum Studieren ein. Über allem schwebt eine weiße Kunststofffolie. Die Dachkonstruktion aus sich überkreuzenden Stahlfachwerkträgern bereitete den Statikern größte Mühe, die Montage zwischen Alt- und Neubau erwies sich als schwierig (Schnitt Seite 28). Heute sieht man davon nichts. Die Konstruktion ist nur zu erahnen, hinter langen Bahnen der Kunststoffmembranen verborgen. Mit diesem Dach wird ein gleichmäßiges blendfreies Licht sichergestellt. Eine vom Bauherrn geforderte, separat zugängliche Bibliothek für Frauen befindet sich im ersten Obergeschoss des Neubautrakts. Andere Bereiche im rahmenden Neubau sind fast ausschließlich der Büronutzung vorbehalten. Sie sind zu den Fassden und zu den Höfen orientiert.
Science Oasis
Gerber Architekten können sich nun auch über saudische Anschlussaufträge freuen. In Bau ist die „Prince Salman Science Oasis“, ein Ausstellungszentrum an einem Wadi im Westen der Stadt, an den sich ein Landschaftsgarten anschließen soll. Das Zentrum will die Zusammenhänge von Themen wie Erde, Wasser, Leben und Ökologie verständlich machen. Unterhalb eines geschwungenen Dachs befinden sich Gebäudewürfel, die von saudischen Firmen (Ölfirma Armaco, der Ölveredeler Sabic, der Baukonzern Bin Laden Group und die Saudi Telecom Company) gesponsert, zu den verschiedenen Themen Ausstellungen anbieten. Zurzeit stocken die Zahlungen allerdings. In das leicht wirkende Dach mit transluzenter Folienverkleidung wird ein mit Triad Berlin gestaltetes Aufwindkraftwerk integriert sein, außerdem ein Trichter zum Sammeln von Regenwasser und Einrichtungen für solare Energiegewinnung. Vor dem Gebäudekomplex ist – als weit sichtbares Erkennungszeichen gedacht – eine gold glänzende Kugel mit 3-D-Kino vorgesehen.
Im Sommer gewann Gerber zudem den Wettbewerb für eine der zentralen Metrostationen, die mit einer unverwechselbaren Architekturgeste gestaltet werden sollen. Das insgesamt 180 Kilometer lange Streckennetz mit sechs Linien und insgesamt 60 Stationen ist allerdings noch nicht in Bau. Die weiteren zentralen Stationen gewannen Zaha Hadid, Snøhetta und das Büro Omrania & Associates. Bei den Bahnen wird es drei Klassen geben: „first“, „family“ und „single class“. Saudi-Arabien ist ein Land mit ausgeprägter Klassengesellschaft und konservativen Strukturen. Rolle und Rechte der Frauen, die nur verschleiert das Haus verlassen und nicht ans Lenkrad eines Autos dürfen, werden selbst in der arabischen Welt als rückständig bezeichnet. In letzter Zeit sind Veränderungen in sehr kleinen Schritten erkennbar.
Auch andere deutsche Planungsbüros sind im Land tätig. So wird in diesem Jahr u.a. der neue blockhafte Bau von Albert Speer & Partner für den Obersten Strafgerichtshof des Königreichs fertig (Foto Seite 1). Speer arbeitet als Berater und Architekt schon sehr lange im Land, baute u.a. Wohnkomplexe und erstellte den Masterplan für das knapp 600 Hektar große Diplomatic Quarter. Eckhart Gerber ist auch bei der U-Bahn-Planung in Dschidda und Mekka im Gespräch. Der Architekt wurde im Oktober 75 Jahre alt (mit neuem Buch und einer Ausstellung im alten Museum Ostwall in Dortmund). An einen Rückzug denkt er wohl noch lange nicht. Seine Passion,  neue Projekte für sein Büro zu akquirieren, ist zu groß. So auch beim Gespräch mit dem Bauherrn der ADA, eher leise und bedacht aber dennoch zäh, das ich in Riad miterleben konnte. 



Fakten
Architekten Gerber Architekten, Dortmund
Adresse King Fahad Public Library, King Fahd Rd, Al Olaya Ar Riyad 12211, Saudi-Arabien


aus Bauwelt 43.2013
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