Moschee ohne Minarett


Muss sich eine Moschee heute über Minarette und Kuppeln definieren? Weitgehend unbemerkt von der internationalen Fachwelt arbeitet der australische Architekt Glenn Murcutt seit mehr als zehn Jahren an einem liberalen Gegenmodell, das in einem Vorort von Melbourne seiner Fertigstellung entgegensieht.


Text: Schittich, Christian, München


    Die skulpturale Betonscheibe trägt den Halbmond und führt die Besucher ins Haus ­– anstelle des Minaretts.
    Foto: Tobias Titz

    Die skulpturale Betonscheibe trägt den Halbmond und führt die Besucher ins Haus ­– anstelle des Minaretts.

    Foto: Tobias Titz

    Die 96 Dachlaternen bringen farbiges Licht in den doppelt hohen Gebetsraum.
    Foto: Tobias Titz

    Die 96 Dachlaternen bringen farbiges Licht in den doppelt hohen Gebetsraum.

    Foto: Tobias Titz

    Die 96 Laternen der Decke ...
    Foto: Tobias Titz

    Die 96 Laternen der Decke ...

    Foto: Tobias Titz

    ... wurden mit einem goldenen Farbton gestrichen.
    Foto: Tobias Titz

    ... wurden mit einem goldenen Farbton gestrichen.

    Foto: Tobias Titz

    Die Moschee als ein Teil der flachen, suburbanen Landschaft von Newport.
    Foto: Tobias Titz

    Die Moschee als ein Teil der flachen, suburbanen Landschaft von Newport.

    Foto: Tobias Titz

    Sichtbetonscheiben und das leuchtende Dach prägen den Neubau.
    Foto: Tobias Titz

    Sichtbetonscheiben und das leuchtende Dach prägen den Neubau.

    Foto: Tobias Titz

    Die Kalligraphien im Gebetsraum wurden nicht aufgemalt, sondern in den Sichtbeton geschrieben.
    Foto: Tobias Titz

    Die Kalligraphien im Gebetsraum wurden nicht aufgemalt, sondern in den Sichtbeton geschrieben.

    Foto: Tobias Titz

    Die Decke moduliert das Licht im Innenraum.
    Foto: Tobias Titz

    Die Decke moduliert das Licht im Innenraum.

    Foto: Tobias Titz

    Je nach Tageszeit ...
    Foto: Tobias Titz

    Je nach Tageszeit ...

    Foto: Tobias Titz

    ... bilden sich un­terschiedliche Farben ...
    Foto: Tobias Titz

    ... bilden sich un­terschiedliche Farben ...

    Foto: Tobias Titz

    ... auf Wand und Boden ab.
    Foto: Tobias Titz

    ... auf Wand und Boden ab.

    Foto: Tobias Titz

Glenn Murcutt repräsentiert die Architektur Australiens wie kein anderer. Es sind eher kleine Wohnhäuser, zugeschnitten auf die Bedürfnisse ihrer Bewohner, dem Klima angepasst und einfühlsam eingebettet in die weite Landschaft Australiens, mit denen man den renommiertesten Architekten des Landes (und Pritzker-Preisträger von 2002) in Verbindung bringt. Große Projekte lehnt er üblicherweise ab. Wenn Murcutt einen Auftrag annimmt, dann kümmert er sich hundertprozentig darum, entwickelt jedes auch noch so kleine Detail selbst. So fertigte er auch für das islamische Zentrum in Newport hunderte von Skizzen an, die – eindrucksvoll präsentiert – Anfang 2017 in der Ausstellung „Architecture of Faith“ in Melbourne zu sehen waren. Doch auch zu diesem Projekt, das dem Architekten mittlerweile ans Herz gewachsen ist und das er schon heute als eines seiner liebsten und wichtigsten bezeichnet, ließ sich Murcutt seinerzeit nicht ohne Weiteres überreden. Zwar kam die muslimische Gemeinde, die sich überwiegend aus libanesischen Immigranten zusammensetzt, von Anfang an mit dem Wunsch nach einer zeitgemäßen australischen Moschee auf ihn zu. Sie will einen Ort, der in die Zukunft gerichtet ist und mit dem sich auch ihre jungen, bereits im Land geborenen Mitglieder identifizieren können. Doch dem Architekten ist durchaus bewusst, dass auch in Australien, ähnlich wie in vielen westlich geprägten Ländern, der Bau von islamischen Glaubenseinrichtungen üblicherweise von großer Skepsis, wenn nicht sogar offenen Protesten begleitet wird. Schließlich aber faszinierte ihn die Idee, mit seiner Architektur dazu beizutragen, „den Islam in einer an sich antiislamisch eingestellten Gesellschaft zu verankern“. Deshalb bestand er von Beginn an darauf, nicht nur eine moderne, sondern auch eine möglichst offene und transparente Moschee zu entwerfen. Darüber hinaus verlangte er nach einem örtlichen Partnerarchitekten, der Erfahrung in dieser Bauaufgabe hat. Dieser fand sich schließlich in Hakan Elevli, einem türkischstämmigen Austra­-­lier, der im Kindesalter als Immigrant nach Melbourne kam und heute dort ein erfolgreiches Architekturbüro führt.
Zusammen mit Elevli analysierte Murcutt vor Beginn seines Entwurfs, welche Merkmale ein islamisches Gotteshaus aufweisen muss und stellte zu seiner eigenen Überraschung fest, dass im Koran eigentlich nur die Ausrichtung der Gebetswand nach Mekka vorgeschrieben ist. Alles andere ist verzichtbar. Mit einer bewundernswerten Radikalität gingen die Architekten da­ran, Überflüssiges zu eliminieren, auch wenn vieles davon für konservative Muslime scheinbar unumstößlich zu einer Moschee gehört. Allen voran sind das die so beliebten Minarette und Kuppeln, die früher durchaus wichtige Funktionen hatten. Denn vom Minarett aus wurde traditionell zum Gebet gerufen, während die Kuppel den Schall und damit das Wort des Imam im Inneren zu verbreiten half. Durch die Einführung von Mi­krofon und Lautsprecher sind aber beide ihrer eigentlichen Aufgaben beraubt. Murcutt und Elevli verzichteten konsequenterweise für ihren Neubau in Newport bei Melbourne darauf. Stattdessen entwickeln sie ein eindrucksvolles und sehr lebendiges Dach aus 96 dreieckförmige Oberlichtern, deren Längsseite jeweils mit einer in Grün, Gelb, Rot oder Blau eingefärbten Schei­be verglast sind – in Farben also, die im Islam eine besondere Bedeutung haben. So sind die nach Norden ausgerichteten Gläser grün und stehen für die Natur und somit für das Leben. Nach Süden sind sie blau und versinnbildlichen Himmel und Wasser und damit die Unendlichkeit, nach Westen rot, das steht für Blut und Stärke. Der Osten ist gelb und symbolisiert das Paradies.
Bereits auf der Baustelle führen diese Farben im Inneren zu bunten, leuchtenden Mustern an der Decke, gleichzeitig tauchen sie als funkelnde Reflexe auf dem Fußboden auf. Das nimmt dem gesamten Raum die Schwere, noch zwischen Baugerüsten zeigt sich eine ungemeine Fröhlichkeit. Ebenso beeindruckend aber ist die für ein islamisches Gotteshaus ungewöhnliche Offenheit und Transparenz. Glenn Murcutt verzichtet soweit wie möglich auf abgrenzende Mauern. Das gilt für den mit Wasserbecken ausgestatteten Garten ebenso wie für die große Gebetshalle. Diese ist im Erdgeschoss auf der Zugangsseite sogar vollkommen durchlässig, im Obergeschoss – dem Platz für die Frauen – ist sie durch Glasschwerte und schräggestellte Metalllamellen vor Einblicken geschützt.

Baustelle mit Eigenleistung

Gerade diese Offenheit trägt wesentlich zur Akzeptanz und Integration des islamischen Zentrums bei. Während anderswo in der westlichen Welt neue Moscheen Anfeindungen ausgesetzt sind, zeigt die örtliche Bevölkerung in Newport bereits jetzt große Anteilnahme und Interesse am Baufortschritt. Das von Murcutt, Elevli und der sehr liberalen Glaubensgemeinde entwickelte Konzept, eine Moschee zu schaffen, die integriert statt auszugrenzen, scheint aufzugehen. Dass sich die Realisierung trotzdem so lange hinzieht, liegt vor allem an den bescheidenen finanziellen Möglichkeiten der Gemeinde. Mit großem Engagement und Hingabe erbringen deren Mitglieder seit Jahren zahlreiche Bauleistungen in Eigenarbeit. Der Rest wird überwiegend durch Spenden finanziert. Immer wieder muss die Baustelle ruhen, bis neue Sponsoren gefunden sind. Wenn am Ende aber alles gut läuft, kann das islamische Gemeindezentrum schon in Kürze vollständig eröffnet werden.



Fakten
Architekten Murcutt, Glenn, Melbourne; Elevli, Hakan, Melbourne
Adresse 23/31 Blenheim Rd, Newport VIC 3015, Australien


aus Bauwelt 21.2017
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