Grundschule am Arnulfpark


Das Prinzip Lernhäuser


Text: Matzig, Katharina, München


    Foto: Florian Holzherr

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Die Architekten Hess Talhof Kusmierz gewannen 2007 den Wettbewerb für den Bau einer Grundschule im Münchner Stadtquartier Arnulfpark. Überzeugen konnten sie vor allem mit ihrem Konzept der Jahrgangshäuser, das sie sich in der Schweiz abguckt hatten.
Nein, es sollte eigentlich nicht vorkommen, das Zitat vom „Raum als drittem Erzieher“, das aus der sogenannten Reggio-Pädagogik stammt. Die Aussage, dass neben dem Lehrer und den Mitschülern auch der Raum eine Bildungsfunktion wahrnimmt, musste schon zu oft herhalten für Schulneubauten und Klassensanierungen, ohne jedoch Konzepte zu beschreiben, die sich tatsächlich vom Prinzip der horizontal gereihten Klassen, vom Frontalunterricht und der zentralen Pausenhalle lösen. Wie auch: Zwar sind in den letzten Jahren viele großartige Schulen entstanden, sinnvoll organisiert, innenräumlich ansprechend, architektonisch anspruchsvoll. Doch selten haben die Baukunstwerke auch wirklich einen neuen pädagogischen Ansatz, der sich räumlich abbildet. Was man den Architekten vielleicht sogar nicht einmal vorwerfen kann.
Jahrgangshäuser
Umso eindrucksvoller, wenn sich ein Büro bei einem Wettbewerb auch auf die Suche nach zeitgemäßen, vielleicht sogar zukunftsweisenden pädagogischen Konzepten macht. Vor al-lem in der Schweiz stießen die Architekten Thomas Hess, Johannes Talhof und Fedor Kusmierz, die im Wettbewerb gemeinsam mit den Landschaftsarchitekten Svea Erdmann und Andreas Kicherer antraten, auf das Prinzip der Jahrgangshäuser. Es erschien ihnen nicht nur sinnvoll, sondern ließ sich auch ausgezeichnet auf dem annähernd dreiecksförmigen Grundstück im Münchner Stadtquartier Arnulfpark umsetzen. Dieses ist Teil des städtebaulichen Entwicklungsgebiets „Zentrale Bahnflächen München“, in dem etwa 1050 Wohneinheiten vor allem für Familien entstanden sind. Die städtebauliche Situation war durchaus schwierig: unweit einer stark befahrenen Straße, in einem Neubaugebiet, das in erster Linie aus gut gemeinter und schlecht gemachter Bauträgerarchitektur besteht.
Gefordert war eine dreizügige Grundschule mit sechsgruppigem Kinderhort, einer Einfachsporthalle und Freisportflächen. Das Münchner Büro entwickelte einen langen Baukörper, der sich in vier Jahrgangshäuser sowie einen abgeschrägten Kopfbau gliedert und sich an die südliche Grundstücksgrenze entlang der Marlene-Dietrich-Straße schmiegt, so dass im Norden ausreichend Platz für Pause und Sport bleibt. Dabei sorgen die Zweigeschossigkeit der Schule und fünf Dachterrassen zwischen den Gebäuden für ausreichend Licht und Sonne. Den Haupteingang in die Schule legte das Team an die Kreuzung Helmholtzstraße, die als kleine Quartiersachse so an Bedeutung gewinnt. Den westlichen Rand des Baugrundstücks besetzt ein schmaler Bau für den Hausmeister. Etwas ganz Besonderes ließen sich die Architekten für die 50 Meter lange Laufbahn einfallen: Die leuchtend grüne Tartanbahn, die durch eine Lärchenholz gerahmte Glasfassade von der innenräumlichen Schulstraße getrennt ist, schoben sie unter das weit auskragende Obergeschoss – bei durchschnittlich 150 Regentagen pro Jahr sicher ein probates Mittel, damit die eh viel zu wenigen Sportstunden nicht öfter als nötig in der Halle stattfinden müssen. Ganz abgesehen davon, dass die grasgrüne Rennstrecke ein toller Pausenbereich ist, der sich dekorativ in den grün gestrichenen Holzwolleplatten auf der Unterseite der auskragenden Stahlbetonkonstruktion zu spiegeln scheint.
Doch es war wohl nicht das schicke Grün, das die Jury im Jahr 2007 überzeugte. Ebenso wenig wie das hübsche Rosa, in dem der dichte, überdimensionale Holzpfostenzaun gestrichen ist, der an der Marlene-Dietrich-Straße für die Standfestigkeit des Ballfangzauns sorgt und den gesamten Baukörper luftig umschließt, als wolle er ihn vor dem belanglosen Gegenüber schützen. Es war weder die gekonnte Skulpturalität des Sichtbetonbaus, der statt nach Beton brut nach Beton joueur aussieht, noch die Großzügigkeit und Helligkeit, die im Inneren der Schule entstanden ist. Es war vor allem das Konzept der Jahrgangshäuser, das für preiswürdig und umsetzungswert befunden wurde: Bau- und Schulreferat der Stadt München erkannten das Potenzial, das entstehen kann, wenn Schüler in kompakten, identitätsstiftenden Gemeinschaften lernen können; wenn nicht jede Klasse Jahr für Jahr durch die Schule vagabundiert, sondern sich für mehrere Schuljahre in einem Klassenzimmer einrichten kann; wenn es nicht nur die eine, große, gemeinsame Pausenhalle gibt, sondern jeder Klasse zusätzlich ein intimer und individuell gestaltbarer Außenbereich zugeteilt wird, der sowohl für den Unterricht als auch als Freizeitraum genutzt werden kann; wenn Frontalunterricht nicht mehr als eine Möglichkeit unter vielen ist, der Kinderhort Platz im Jahrgangshaus findet und Flure keine Fluchtwege sein müssen, sondern als erweiterte Unterrichtsfläche, als Ausstellungsbereich und natürlich auch als Garderobe genutzt werden können.
Lernhäuser
Die Rektorin der Grundschule war nicht in die Planung einbezogen – doch auch ihr passt die räumliche Struktur ins pädagogische Konzept. Sie besetzte jedoch die vier Häuser nicht jeweils mit einer Klassenstufe, sondern mischte die Jahrgangsstufen, damit die Schüler voneinander lernen. Aus den Jahrgangshäusern sind inzwischen sogenannte Lernhäuser geworden. Alle diese Häuser liegen im Obergeschoss der Schule, über den gemeinschaftlich genutzten Räumen wie Musik- und Werkzimmern, der Küche, der Pausenhalle und der Turnhalle. Diese liegt im Untergeschoss und ist vom Erdgeschoss an zwei Seiten einzusehen. Die Klassen orientieren sich nach Westen, sie werden ebenso wie die gegenüberliegenden Horträume durch einen zentralen Flur erschlossen. Auch er muss nicht als Fluchtweg dienen, weil diese Funktion von den Freitreppen erfüllt wird, die in den Pausenhof führen. Jedes Lernhaus verfügt zudem über einen eigenen Sanitärkern, eine Dachterrasse sowie eine Schrankwand für Lehrmittel. Das Lehrerzimmer und die Verwaltung sind im Kopfbau untergebracht.
Drei Lehrer hat also ein Schulkind: Lehrer, Mitschüler und den Raum. Der Gedanke mit den Lernhäusern macht Schule. Im Mai lobte die Stadt München einen Realisierungswettbewerb zur Errichtung von vier Grundschulen in modularer Bauweise aus. Im Auslobungstext wird explizit das „Lernhauskonzept“ gefordert: „Das Münchner Lernhauskonzept erfüllt die Ansprüche an ein flexibles und multifunktionales Standardraumprogramm. Stehen ausschließlich Klassenzimmer zur Verfügung, ist es kaum möglich, alle Varianten moderner Arbeits- und Unterrichtsformen auszuschöpfen und interdisziplinäres Lernen, sowie fächer- oder klassenübergreifende Projekte zu optimieren und mit möglichst großer Effizienz durchzuführen.“



Fakten
Architekten Hess Talhof Kusmierz, München
Adresse Marlene-Dietrich-Straße 51, 80636 München ‎


aus Bauwelt 29-30.2013
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