Universität Luxemburg in Belval

Die „Cité des Sciences“ bildet das Zentrum des Konversionsprojekts Belval im Südwesten Luxemburgs. Auf einer Fläche von 20 Hektar entsteht ein Universitäts- und Wissenschaftsquartier mit mehr als 20 Gebäuden. Annähernd eine Milliarde Euro wurden für die erste Bauphase veranschlagt – für vielleicht bald 7000 Studierende ...

Text: Wünschmann, Anita, Berlin

    In den 60er Jahren war der Südwesten von Luxemburg stark von der Stahlproduktion geprägt. Die Neubebauung von Belval, steht im Vordergrund, links der Bahnhof Belval Université.
    Foto: Le Fonds Belval/Rol Schleich

    In den 60er Jahren war der Südwesten von Luxemburg stark von der Stahlproduktion geprägt. Die Neubebauung von Belval, steht im Vordergrund, links der Bahnhof Belval Université.

    Foto: Le Fonds Belval/Rol Schleich

    Neue Platzanlage der Cité des Sciences am ehemaligen Hochofen, links das Bankgebäude von Claude Vasconi
    Foto: Rolo Fütterer

    Neue Platzanlage der Cité des Sciences am ehemaligen Hochofen, links das Bankgebäude von Claude Vasconi

    Foto: Rolo Fütterer

    Zahlreiche Wasserbassins ergänzen heute das Bild.
    Foto: Le Fonds Belval

    Zahlreiche Wasserbassins ergänzen heute das Bild.

    Foto: Le Fonds Belval

    Neuer Mehrzweckraum an einem der ehemaligen Hochöfen.
    Foto: Le Fonds Belval

    Neuer Mehrzweckraum an einem der ehemaligen Hochöfen.

    Foto: Le Fonds Belval

    Bei Veranstaltungen werden Boxen als mobile Stände aufgestellt
    Foto: Sebastian Redecke

    Bei Veranstaltungen werden Boxen als mobile Stände aufgestellt

    Foto: Sebastian Redecke

Universität Luxemburg in Belval

Die „Cité des Sciences“ bildet das Zentrum des Konversionsprojekts Belval im Südwesten Luxemburgs. Auf einer Fläche von 20 Hektar entsteht ein Universitäts- und Wissenschaftsquartier mit mehr als 20 Gebäuden. Annähernd eine Milliarde Euro wurden für die erste Bauphase veranschlagt – für vielleicht bald 7000 Studierende ...

Text: Wünschmann, Anita, Berlin

2001 gewann Jo Coenen den von der Entwicklungsgesellschaft Agora ausgeschriebenen städtebaulichen Realisierungswettbewerb für das 120 Hektar umfassende  Konversionsgebiet Belval West (Bauwelt 10.2002). Rolo Fütterer, damals noch im Büro Coenen tätig, heute Geschäftsführer des Planungsbüros MARS, wurde mit der Projektleitung betraut.
Belval, das „schöne Tal“, wächst auf Grundlage dieser Planung sowohl von seinen Rändern her als auch in seiner Mitte zu einem funktionsdurchmischten urbanen Gebilde heran. Seine Potenziale sind die Nähe zur Hauptstadt, die landschaftliche Umgebung, die identitätsstiftende Industriegeschichte und vor allem die großregionale Lage. Zurzeit macht das Projekt allerdings noch immer den Eindruck eines Flickenteppichs mit ausgefransten Randlagen.
Erst 2005 wurde beschlossen, dass für die Reanimierung der Region im Süden Luxemburgs die Universität als Herzstück in die Cité des Sciences implantiert werden sollte. Sie erstreckt sich auf der einstigen Hochofenterrasse. An das Areal angegliedert sind das Wohn- und Büroquartier Square Mile, der Park Belval mit Grünanlagen und Belval Nord, ein von Wiesen eingefasstes Wohngebiet mit lockerer Bebauung.
Die ersten Vorstellungen sahen für Belval noch eine horizontale Stadtstruktur vor. Eingebettet in die flachen Hügel, sollte der Masterplan monofunktionale Bebauung und breite Achsen vermeiden – Fehler, wie sie auf dem Luxemburger Plateau de Kirchberg (Bauwelt 7.2006) gemacht wurden. Eine der Vorgaben war die funktionsdurchmischte, fußläufige Stadt. Die größte Distanz zwischen Lehre, Forschen, Arbeiten und Wohnen sollte nie mehr als 20 Minuten Fußweg betragen. Der Masterplan formuliert ein integratives Zusammenspiel auf dichtem Raum. Blockbebauungen und offene Raumstrukturen, Plätze und Blickachsen verknüpfen die verschiedenen Bereiche. Ein Mobilitätskonzept mit 60 Prozent öffentlichem Nahverkehr und 40 Prozent Individualverkehr stellt für Luxemburger Verhältnisse ein Traditionssprung dar.
Heute wird am Prestigeprojekt des Großherzogtums emsig gebaut und Neues wird eilig in Besitz genommen. Das Universitätsgebäude, die Maison du Savoir, wurde im September letzten Jahres mit den Forschungszentren „Maison des Sciences Humaines“ und der „Maison de l’Innovation“ eingeweiht. Ende 2017 wird die „Maison du Livre“ folgen.
Die 2003 gegründete, erste Luxemburger Universität hat jetzt in Belval ihren Hauptstandort und mit der Maison du Savoir ein weithin sichtbares Zeichen. 83 Metern hoch bildet sie mit den Doppeltürmen der Hochöfen und mit der von Claude Vasconi & Jean Petit bereits 2008 auf das verlassene Gelände – man könnte sagen – geklotzten Bankzentrale Dexia-BIL (Banque Internationale Luxembourg) einen Dreiklang.
Das Raster der früheren Industrieanlagen, das den technologischen Abläufen geschuldet war, bestimmte die Gestaltentwicklung des neuen Quartiers. Es ist sowohl eingeschriebenes Erinnerungsmuster als auch strukturgebend für die neue Erschließung. Den denkmalgeschützten Hochöfen, heute von Ingo Maurer ebenso betont sachlich wie spektakulär illuminiert, kommt dabei die Funktion der Stadtkrone zu. Rund um die Hochöfen bilden Module für Forschung und Kultur, halböffentliche und öffentliche Räumen, bepflanzte Wasserbecken von Michel Desvigne, die sich über die gesamte Hochofenterrasse verteilen, quasi auf Tuchfühlung an die industriellen Relikte gebaute Gebäude wie etwa das Institutsgebäude für Biomedizin, eine dichte Stadtstruktur.  Auf einer Mittelachse schiebt sich die zukünftige Bibliothek, deren Kubatur durch das Hallenvolumen der einstiegen Möllerei definiert ist, in den urbanen Raum, der durch verschiedene Höhenniveaus an Spannung gewinnt.
Der Dialog mit den industriellen Relikten findet auf unterschiedlichen Ebenen  statt. Neben den monumentalen Hochöfen gehören morbide Einzelgebäude wie die Gebläsehalle dazu. Sie bleiben als Reserveareale erhalten und sind mit ihrer Materialität und Wucht ebenso beredt wie etwa skurrile Kleinrelikte, deren kontrollierter Verfall sinnstiftend inszeniert wurde. Ein Beispiel dafür sind zwölf  rudimentäre Betonsockel auf dem Place de l’Académie. Hier schließen eine Shoppingmall mit Kinocenter, ein Hotel, Restaurants und Wohnblöcke an. Die Cité des Sciences lebt vom Wechsel ineinander verschachtelter Plätze,   betont schmaler, nur im tangentialen Bereich breiter Straßen und teilweise auch überdachter Fußwege. Auf der gesamten  Hochofenterrasse wurden schmale, anthrazitfarbene Backsteine hochkant verlegt, um die ideelle Einheit des Areals zu betonen.  Die Fakultäts- und Forschungseinrichtungen wie auch die Industrierelikte wirken durch die betonte Horizontale als wären sie illusionistisch auf einer Bühne positioniert. Abgesehen vom Rot des Bankhauses bestimmen Graublau, Violettgrau, Anthrazit  und Goldocker im Kontext mit Rost, Stahl und dem Steingrau der einstigen Roheisen- und Stahlproduktion das Farbspektrum auf dem Areal.

Adresse 2, l'Université L-4365, Avenue de l'Universite, Esch-sur-Alzette, Luxemburg


aus Bauwelt 5.2016
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