Evangelische Akademie in Frankfurt am Main


Ein schwebendes Glashaus? Am Römer? Mit dem Umbau eines Brückengebäudes liefern Meixner Schlüter Wendt Architekten ihren eigenen Beitrag zur neuen Frankfurter Altstadt


Text: Kleilein, Doris, Berlin


    Das ehemalige Gemeindehaus vor ...

    Das ehemalige Gemeindehaus vor ...

    ... und nach dem Umbau zur Akademie.
    Foto: Christoph Kraneburg

    ... und nach dem Umbau zur Akademie.

    Foto: Christoph Kraneburg

    Transformation vom Brückenbauwerk zum schwebenden Sattel­dachhaus
    Zeichnungen: Architekten

    Transformation vom Brückenbauwerk zum schwebenden Sattel­dachhaus

    Zeichnungen: Architekten

    Der hohe Saal im 2. Obergeschoss...
    Foto: Christoph Kraneburg

    Der hohe Saal im 2. Obergeschoss...

    Foto: Christoph Kraneburg

    ... und der neue Saal unter dem Satteldach.
    Foto: Christoph Kraneburg

    ... und der neue Saal unter dem Satteldach.

    Foto: Christoph Kraneburg

    Übergang zum Treppenhaus
    Foto: Christoph Kraneburg

    Übergang zum Treppenhaus

    Foto: Christoph Kraneburg

    Fassadendetail
    Foto: Christoph Kraneburg

    Fassadendetail

    Foto: Christoph Kraneburg

Wir befinden uns im Jahre 2017 n. Chr. Die Frankfurter Altstadt ist von Rekonstruktionsfreunden besetzt. Die ganze Altstadt? Nein! Ein kleines Projekt …“ Ähnlich wie der berühmteste Comic-Prolog der Welt könnte auch dieser Beitrag beginnen. Doch ganz so schwarz-weiß ist die Angelegenheit nicht. Und sie entbehrt auch nicht eines gewissen Humors.
Direkt gegenüber der brav-biederen Stirn­seite des neuen Historischen Museums von LRO, dessen Basaltsockel fest auf dem Pflaster steht, hängt seit kurzem ein Glashaus. Spaziergängern, die bergab vom Römer zum Main laufen, mag es vielleicht aufgefallen sein, dass die wild bedruckte Glasfassade nicht so ganz in das neue Bild der Altstadt passt. Oder doch? Anwohner kennen das Brückenbauwerk schon lange, wenn auch in anderer Form: Ende der Fünfziger Jahre erbaut, diente es der evangelischen Paulusgemeinde als Gemeindehaus. Das schlichte Ensemble mit dem zeittypischen Luftgeschoss wurde über die Alte Mainzer Gasse gebaut und hat mehr gemein mit den rückwärtig angrenzenden Wohnriegeln der Nachkriegs­­zeit als mit den Schaufassaden am Römerberg. Zumindest bis vor kurzem.
Die Paulusgemeinde schrumpfte, das Gemeindehaus wurde seltener bespielt, zudem standen Renovierungsarbeiten an. Um die Toplage besser zu nutzen, beschloss die Evangelische Kirche einen Neuanfang: Die Gemeinde zog in ein kleineres Haus und der „Römer 9“ wurde für einen öffentlichkeitswirksamen Nutzer, die Evangelische Akademie, umgebaut und erweitert. Ein offenes Haus für Tagungen, Vorträge und Ausstellungen war gewünscht. Mit dem Umbau beauftragte man die Frankfurter Architekten Meixner Schlüter Wendt. Bereits 2005 wurde der innere Umbau fertiggestellt, im Mai 2017 schließlich der 2. Bauabschnitt mit der neuen Außenhülle.

Ein gebauter Kommentar

Nahezu unbemerkt, im Windschatten der Rekonstruktionsdebatte, ist ein Haus wie ein gebauter Kommentar entstanden: Glas statt Stein, Schweben statt Lasten, exponierte statt verkleidete Tragstruktur. Im Prinzip ein archetypisches Satteldachhaus, nur zu nackt geraten, zu transparent, zu abgehoben. Eine Provokation? Um zu verstehen, wie das Volumen entstanden ist, muss man die innere Organisation betrachten. Der Mittelteil des Gebäudes, dort, wo sich hinter den Fünfziger-Jahre-Fenstern bereits zwei gestapelte Säle befanden, wurde aufgestockt, und so das Raumprogramm um einen dritten Veranstaltungsraum erweitert. Der neue Saal fand unter einem steilen Satteldach Platz und wird über die Treppenhäuser im Nord- und Südflügel beidseitig erschlossen. Von allen Sälen aus hat man großartige Blicke: auf der einen Seite die Altstadt, auf der anderen die City mit ihren Hochhäusern. Ein neues Foyer und Nebenräume entstanden im Erdgeschoss des Nordflügels, ebenso wurde die Pfarrwohnung zu Büros umgebaut.
Die Innenräume sind in Schwarz und Weiß gehalten und bilden einen angemessenen Rahmen für die Aktivitäten der Akademie. Das schlichte Tragwerk der Fünfziger Jahre wurde sichtbar weitergeführt, sodass ein gewisser Charme erhalten blieb. Opulent sind die Raumproportionen – und die thermische Hülle, die Bestand und Aufstockung miteinander verschmelzen lässt. An der Hülle haben die Architekten sich ausgetobt: Die Glasflächen sind bedruckt mit Rauten und Kreuzen, die aus der Fünfziger-Jahre-Fassade des Nachbarhauses zur Rechten abgeleitet sind, andererseits aber auch an das Fachwerk des Hauses Wertheym zur Linken (erbaut 1812) erinnern und – on top – vage Assoziationen zur christlichen Symbolik wecken. Der Mustermix wird ergänzt durch eine Konturierung von First, Traufe und Schneefang, was den abstrakten Glaskörper dann doch wieder zum Haus macht.
Hätte man an anderer Stelle eine solche Fassade entworfen? Wahrscheinlich nicht. Die Architekten, die sich aus den Wettbewerben zur neuen Altstadt herausgehalten haben, konnten der Versuchung nicht widerstehen, das Vokabular der Rekonstruktionsfreunde zu verfremden – und geben ihnen damit vielleicht etwas mehr Aufmerksamkeit als nötig. Aber schmunzeln muss man schon, wenn man unter dem Haus abtaucht und die Altstadt hinter sich lässt.



Fakten
Architekten Meixner Schlüter Wendt Architekten, Frankfurt am Main
Adresse Römerberg 9 60311 Frankfurt am Main


aus Bauwelt 16.2017
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