Die gewundene Straße des Lernens



Text: Gefroi, Claas, Hamburg


    Foto: Hagen Stier

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Eine Sprachheilschule und ein Gymnasium, passt das zusammen? Auf der Hamburger Elbinsel haben bof Architekten noch eine ganze Reihe weiterer Bildungseinrichtungen zu einem offenen Campus zusammengefasst.
Wenn über die Internationale Bauausstellung (IBA) in Hamburg berichtet wird, dann geht es meist um die „Wilhelmsburger Mitte“, wie der Bereich mit der „Bauausstellung in der Bauausstellung“ und der neuen Stadtentwicklungsbehörde eher euphemistisch bezeichnet wird. Das ist bedauerlich, da durch diese Fokussierung in den Medien andere Projekte kaum Aufmerksamkeit bekommen, wie beispielsweise die Aktivitäten der IBA im Bereich der Bildung. Dabei ist die Verbesserung der Bildungssituation von zentraler Bedeutung für die Aufstiegschancen der zumeist sozial benachteiligten Bewohner. Veränderungen sind bitter nötig: Der Anteil von Abiturienten liegt in Wilhelmsburg weit unter dem Hamburger Durchschnitt, und 17 Prozent der Schüler gehen ganz ohne Abschluss von der Schule. Dies zu ändern war denn auch ein Hauptanliegen der zu Anfang des Jahrtausends aufbegehrenden Wilhelmsburger Bürger und wurde, nach einem langen Dialogprozess mit Politik und Verwaltung, im „Weißbuch Wilhelmsburg“ festgeschrieben – ein Papier, das die Ziele für die Entwicklung des Stadtteils absteckte. Die IBA griff Jahre später diese Forderungen auf: Die „Bildungsoffensive Elbinseln“ machte ihrem kämpferischen Titel durchaus Ehre und nahm zahlreiche Projekte und Programme, aber auch acht neue Lernorte in Angriff. Der größte und konzeptionell ambitionierteste ist das nun fertiggestellte „Bildungszentrum Tor zur Welt“ von bof Architekten (Freiraumplanung: Breimann & Bruun). Der Komplex fasst die unterschiedlichsten Bildungs- und Beratungseinrichtungen zusammen: ein Gymnasium, eine Grundschule, eine Sprachheilschule, eine Energiezentrale mit „medialer Geowerkstatt“ sowie ein Multifunktionszentrum mit Café, Aula, Bibliothek, Kantine und Räumen für diverse Beratungseinrichtungen und außerschulische Bildungsträger.
Die Grenzen zwischen Schulformen überwinden
Auch auf prozessualer Ebene wurde Neuland betreten: Um die Grenzen zwischen den einzelnen Schulformen zu überwinden, wurden interdisziplinäre Arbeitsgruppen gebildet, die sich mit pädagogischen und sozialen Konzepten und deren räumlicher Umsetzung beschäftigten. Auch bei der Entwurfsplanung waren die Beteiligten von Anfang an eingebunden – von der Entwicklung einer neuen „Lernkultur“ bis zu ihrer baulichen Realisierung. Der weitgehende partizipative Ansatz war für die Architekten gewöhnungsbedürftig, da sie ihren Entwurfsansatz immer wieder reflektieren und begründen mussten. Bereits der zweistufige Realisierungswettbewerb war mit einer Beteiligung der Bürger verbunden, die im Rahmen einer Ausstellung noch vor der Sitzung des Preisgerichts die Entwürfe schriftlich kommentieren konnten.
Das Ergebnis ist erstaunlich, gelang es doch trotz der vielen Beteiligten ein Sammelsurium zu vermeiden. Das Bildungszentrum besteht aus vier miteinander verbundenen Baukörpern, die sich um eine gemeinsame Mitte, die Agora, gruppieren. Dieser zentrale Freiraum wurde nicht, wie bei Schulhöfen üblich, vom Stadtviertel getrennt, sondern erstreckt sich über eine eigens umgebaute öffentliche Straße und verbindet so die Neubauten mit dem bestehenden Helmut-Schmidt-Gymnasium. Die polygonalen Baukörper nehmen Baufluchten und Strukturen der Umgebung auf, etwa die Blockrandbebauung des westlich angrenzenden gründerzeitlichen „Eisenbahnerviertels“, aber auch städtebauliche Motive der Wohn- und Schulbauten aus der Nachkriegszeit. Die flachen Bauten lassen an ein Angerdorf denken, man fühlt sich geborgen. Die Integration des Bildungszentrums in den Stadtteil – sie erschließt sich sofort. Bedauerlich ist es, dass das Konzept nur im Westteil umgesetzt wurde. Das Geld reichte nicht aus, um auch das Gymnasium östlich der Straße neu zu bauen. Dessen mediokre Schulbauten aus den sechziger und siebziger Jahren wurden lediglich modernisiert und energetisch saniert, eine einheitliche Gestaltung kam nicht zustande.
Zum freundlichen Erscheinungsbild der Neubauten tragen die fein detaillierten Fassaden bei: Die öffentlichen Bereiche des Erdgeschosses sind bodentief verglast, die oberen Geschosse betonen mit Fensterbändern und einer Schalung aus grau lasiertem Lärchenholz die Horizontale. Das Fassadenmaterial Holz, für Hamburger Augen immer noch ungewohnt, ist dem Nachhaltigkeitsansatz der IBA geschuldet, fügt sich aber zurückhaltend in den Kontext ein. Mit Farbflächen haben die Architekten hier und da Akzente in diesen ruhigen Fassaden gesetzt: Die Wetterschutzgitter der Lüftungsgeräte neben den Fenstern der Klassenräume sind farbig abgesetzt, ebenso einzelne Glasfelder und die Gebäudeeingänge. Die Farben unterscheiden sich je nach Gebäude und finden sich auch im Inneren wieder, was die Orientierung erleichtert.
Auf die Gemeinschaft bedacht
Den städtebaulichen Auftakt des Areals im Süden macht das „Torhaus“, ein Multifunktionszentrum, das mit seinen zahlreichen Einrichtungen und Angeboten dem ganzen Stadtteil of-fen steht. Die exponierte Lage ist der Bedeutung dieses gemein schaftlichen Bereiches für Kinder und Erwachsene durchaus angemessen. Langgestreckte Glasfronten, bunte Pendelleuchten und gemütliche Sofas zeigen an: Hier geht es offen und zwanglos zu, man kann auch einfach auf einen Kaffee vorbeikommen und ein paar Broschüren mitnehmen. Ausgehend von diesem „Herz“ zieht sich im Erdgeschoss die „Straße des Lernens“ durch den gesamten Neubaubereich des Bildungskomplexes und verbindet so das „Torhaus“ mit der Beobachtungsstufe des Helmut-Schmidt-Gymnasiums, der Elbinselschule und dem Regionalen Bildungs- und Beratungszentrum. Dort, wo diese „Straße“ als eigenständiger Baukörper zwischen den Schulbauten heraustritt, wurde das Flachdach als Terrasse gestaltet, auf der die Kinder in den Pausen toben oder den weiten Blick genießen können. So ergibt sich das Bild eigenstän-diger Häuser, die dennoch in einem Gesamtzusammenhang stehen.
Das Innere der neuen Schulgebäude zeigt eine große Offenheit und Multifunktionalität: Die Flure mit ihren Aufweitungen und als Unikate angefertigten Bänken, Tischen und Lie-gen sind Orte für das Lernen, Präsentieren und Spielen. In die von Oberlichtern bekrönten Haupttreppen aus Sichtbeton sind gepolsterte Sitznischen eingelassen, in denen es sich herrlich verkrümeln und tratschen lässt. Die Klassenräume mit ihren großen, tief heruntergezogenen Fenstern wirken nach außen und zu den Fluren hell und freundlich und sind mittels Rollregalen flexibel für Differenzierungsbereiche abtrennbar. Viel Wert wurde auf eine gute Akustik gelegt: Ungefärbte Holzwolle-Deckenelemente und Pinnwände wirken als Schallabsorber. Sorgsam und auf die Gemeinschaft bedacht wurden auch die weiteren Räume gestaltet: In der Bibliothek stehen eigens angefertigte Regale, Tische und Stühle, die Dreifeld-Sporthalle hat eine Zuschauergalerie. Der große Gemeinschaftsbereich für Mensa und Aula bietet Platz für bis zu 600 Personen und ist mit einer flexiblen Bühne ausgestattet. Der angenehm hohe Raum wird geprägt durch riesige farbige Pendelleuchten, für die die Architekten sehr kämpfen mussten, da man ein beständiges Einstauben fürchtete.
Hinzu kommt das, was man nicht sieht: Um den Nachhaltigkeitsanforderungen der Internationalen Bauausstellung zu genügen, wurden die Neubauten in Passivhaus-Standard mit einer mechanischen Lüftungsanlage mit Wärmerückgewinnung errichtet. In den Klassen sind dezentrale Lüftungs-geräte installiert, die flexibel auf die Nutzung der Räume reagieren können. Wärme wird mittels einer Pellet-Holzfeuerungsanlage sowie Solarkollektoren erzeugt, die geschickt in die Flachdächer integriert wurden. Der Lohn der energietechnischen Bemühungen ist der DGNB-Gold-Standard als Vorzertifikat.
Bildung für Kinder und für Erwachsene
Dieser Schulkomplex ist für einen Ort wie Wilhelmsburg sehr wichtig. Hier wird Bildung neu definiert: Formale und nonformale Bildungs-, Weiterbildungs- und Beratungsangebote für Kinder, Jugendliche und Erwachsene sind an einem Ort gebündelt, so dass sie sich ergänzen und beeinflussen können. Die Räume lassen kontinuierliche Bildungsgänge und individualisierte Lernformen über alle Institutionsgrenzen hinweg zu. Und noch dazu ist dies wirtschaftlich, denn durch die räumliche Nähe können Gemeinschaftsräume wie Aulen, die Mensa oder die Sporthalle von allen Institutionen gleichermaßen genutzt werden. Die Wege sind kurz. Das „Bildungszen-trum Tor zur Welt“ ist ein Schulkomplex, der Schule machen wird. 



Fakten
Architekten bof architekten, Hamburg
Adresse Krieterstr. 5 21109 Hamburg


aus Bauwelt 29-30.2013
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