Bürogebäude Amsterdam


Fester Rahmen, lose Boxen: Die großen Glaskuben der neuen Hauptzentrale des Jeanslabels G-Star RAW werden von einem mächtigen Betonbügel gefasst. In der offenen Innenhalle setzt sich die Industrieästhetik fort


Text: Bokern, Anneke, Amsterdam


    Beton, Stahl und Glas prägen den Neubau am Autobahnring im Südosten der Stadt
    Foto: Lesley Weitjes © G-Star RAW

    Beton, Stahl und Glas prägen den Neubau am Autobahnring im Südosten der Stadt

    Foto: Lesley Weitjes © G-Star RAW

    Einfaches Prinzip: zueinander verschobene Glaskuben werden von einem Betonbügel gehalten
    Foto: Lesley Weitjes © G-Star RAW

    Einfaches Prinzip: zueinander verschobene Glaskuben werden von einem Betonbügel gehalten

    Foto: Lesley Weitjes © G-Star RAW

    Gebäudehohe Hangartore schließen die Außenbereich unter dem Betonrahmen und lassen hier den „RAW Space“ entstehen
    Foto: Lesley Weitjes © G-Star RAW

    Gebäudehohe Hangartore schließen die Außenbereich unter dem Betonrahmen und lassen hier den „RAW Space“ entstehen

    Foto: Lesley Weitjes © G-Star RAW

    Entlang der Glasfassade spannen sich die offenen Großraumbüros auf. Unterschiedliche Geschosshöhen schaffen Schichtbezüge und lockern die strenge Struktur auf.
    Foto: Lesley Weitjes © G-Star RAW

    Entlang der Glasfassade spannen sich die offenen Großraumbüros auf. Unterschiedliche Geschosshöhen schaffen Schichtbezüge und lockern die strenge Struktur auf.

    Foto: Lesley Weitjes © G-Star RAW

    Unterschiedliche Geschosshöhen schaffen Schichtbezüge und lockern die strenge Struktur auf.
    Foto: Lesley Weitjes © G-Star RAW

    Unterschiedliche Geschosshöhen schaffen Schichtbezüge und lockern die strenge Struktur auf.

    Foto: Lesley Weitjes © G-Star RAW

Unübersehbar thront der Büroneubau des niederländischen Jeanslabels G-Star RAW neben dem Autobahnring im Südosten Amsterdams. In der Regel nimmt man das Gebäude hier nur wahr, wenn man  mit dem Auto vorbeirauscht – und genau dafür ist es auch entworfen. Der 140 Meter lange Bau besteht aus einer einzigen großen Geste: ein dunkler Betonrahmen, in dem mehrere transparente, vor- und zurückspringende Boxen stehen. Unter dem Rahmen prangt der Firmenname in riesigen Lettern. Als Besucher nähert man sich dem Gebäude in der Regel auch nur mit dem Auto, da es in einem unwirtlichen Gewerbegebiet steht, noch dazu auf einem zwei Geschosse hohen, rundum geschlossenen Betonsockel mit dem Charme einer Gefängnismauer. Den einzigen Kontext bildet die Schnellstraße.
Früher waren die etwa 650 Mitarbeiter der Modefirma über vier Standorte in Amsterdam verteilt. Als das Grundstück am meistbefahrenen Autobahnabschnitt der Niederlande auf den Markt kam, beschloss das Management, alle Abteilungen in einem Neubau an diesem Ort zu vereinen, um die interne Kommunikation zu vereinfachen. Es wurde ein kleines Entwurfsauswahlverfahren durchgeführt, aus dem OMA als Gewinner hervorging. Inspirationsquelle ihres Entwurfs war das Schwarz-Weiß-Foto eines Hangars: Zu sehen ist das Innere der Halle, in der unzählige Angestellte an Schreibtischen um ein im Bau befindliches Flugzeug sitzen. Das Konzept des gemeinschaftlichen Arbeitens in einer überdimensionierten, quasi industriellen Halle mit viel Spielraum haben die Architekten auf das „G-Star RAW“-Büro übertragen.
Der Haupteingang befindet sich auf dem Sockelbau und damit auf Höhe der Autobahn unter einer auskragenden Box, in der Show- und Boardrooms untergebracht sind. Davor erstreckt sich die riesige Betonfläche des VIP-Parkplatzes; Angestellte und Besucher parken weniger prominent in den zwei Parkgeschossen im Sockelbau. Vom Foyer gelangt man in den viergeschossigen Bürobereich der „Kreativen“, der als lichtdurchflutete, offene Raumlandschaft mit in der Höhe verspringenden Geschossböden gestaltet ist.
Während die recht anonyme Rückfassade, an der Teeküchen und Besprechungsräume angeordnet sind, aus vertikalen Aluminiumlamellen und Glasstreifen besteht, ist die zur Schnellstraße gewandte Fassade komplett verglast. Der Bereich zwischen den Boxen und dem Dachrand kann durch Schiebetore, die von einem Hangar-Hersteller geliefert wurden und am Dachüberstand hängen, komplett geschlossen werden. So entsteht der sogenannte „RAW Space“, ein Raum, der für Veranstaltungen, Präsentationen und Partys genutzt werden kann – auch wenn es dort dank der nahen Autobahn recht geräuschvoll zugehen dürfte.

Jacques Tati im Innenraum

Auch beinahe alle Wände im Gebäude sind aus Glas. An mehreren Stellen befinden sich Lufträume, so dass sich Blicke bis zu hundert Meter durch das Gebäude eröffnen. Nur eine Handvoll Mitarbeiter verfügt über ein separates Büro. Die Großraumbüros dienen der Interaktion zwischen den verschiedenen Kreativabteilungen. Die weniger repräsentativen Funktionen, darunter die Buchhaltung, sind in den oberen Geschossen, im vergleichsweise geschlossenen, mit einem Fensterband versehenen Betonrahmen untergebracht. In dessen Flanken liegen Treppenhäuser und Toiletten, im Sockel befinden sich, neben der Parkgarage, alle Funktionen, die kein Tageslicht benötigen, wie etwa das Fotostudio und das Archiv.
Die im Innenraum verwendeten Materialien sind ähnlich reduziert, wie OMA sie in zeitgleich entstandenen Projekten für De Rotterdam und das Timmerhuis verwendet hat: viel Glas, Stahl und Sichtbeton. Darüber hinaus ergänzen dunkelbraune Filzbespannung an den Aufzugsschächten, weißer Epoxidharzboden in den Verwaltungsbüros und recycelte Aluminiumplatten als Bodenbelag in den Kreativbüros und Showrooms die Innenausstattung. Die Materialauswahl passt sowohl zur gradlinigen Gesamtform des Baus als auch zum Branding von G-Star RAW: Das Label charakterisiert sich, wie sein Name schon sagt, gerne als roh, industriell und ungefiltert.
Im Inneren weist der Bau eine verblüffende Ähnlichkeit mit den Büro-Interieurs in Jacques Tatis Filmklassiker Playtime auf – bis hin zu den metallenen Bodenplatten. Was bei Tati jedoch als Persiflage auf eine eiskalte, nüchterne Moderne gemeint ist, funktioniert bei G-Star erstaunlich gut: Die Neutralität des Interieurs bildet eine ideale Projektionsfläche für die weitgehend textilen und farbigen Produkte der Modefirma. Eine weitere Reminiszenz an die Moderne stellen die im Gebäude verteilten Möbelnachbauten Jean Prouvés dar, die G-Star gemeinsam mit Vitra entwickelte.
Genau wie die Prouvé-Möbel, ist letztlich auch das Firmengebäude ein Cross-over-Projekt, von G-Star und OMA. Das Gebäude steht im Dienst des Marken-Images. Die Industrieästhetik des gesamten Bürokomplexes zieht sich stringend durch alle Bereiche des Gebäudes und lässt mit dem RAW-Space, dem riesigen VIP-Parkplatz, den großzügigen Verkehrsflächen sowie den offenen Arbeitsbereichen das Branding der Modefirma zur Raumfunktion werden.



Fakten
Architekten OMA, Rotterdam
Adresse Joan Muyskenweg 39, 1114 AN Amsterdam-Duivendrecht, Niederlande


aus Bauwelt 8.2016
Artikel als pdf

0 Kommentare


Ihr Kommentar






loading