Bremer Landesbank am Domshof


Retrospektiv ist der Bau der Bremer Landesbank von Caruso St John, gewiss. Unser Autor aber hat darin so viele disparate Anspielungen gefunden, dass Freude aufkommt


Text: Elser, Oliver, Frankfurt a. Main


    Platzfassade des Neubaus, links die Bremer Ratskirche Unserer Lieben Frauen.
    Foto: Hélène Binet

    Platzfassade des Neubaus, links die Bremer Ratskirche Unserer Lieben Frauen.

    Foto: Hélène Binet

    Mal gestapelt, mal geschwungen, mal genoppt, mal per­foriert: Die Fassade ist eine Demonstration des ge­-
    stal­terischen Spielraums mit Backstein.
    Foto: Hélène Binet

    Mal gestapelt, mal geschwungen, mal genoppt, mal per­foriert: Die Fassade ist eine Demonstration des ge­-
    stal­terischen Spielraums mit Backstein.

    Foto: Hélène Binet

    Der ganz an die Seite gerückte, aber nicht auf die Eckdiagonale bezogene Haupteingang ist eine der vielen überraschenden ­Lösungen, die Caruso St John für die Bremer Lan­desbank gefunden haben.
    Foto: Hélène Binet

    Der ganz an die Seite gerückte, aber nicht auf die Eckdiagonale bezogene Haupteingang ist eine der vielen überraschenden ­Lösungen, die Caruso St John für die Bremer Lan­desbank gefunden haben.

    Foto: Hélène Binet

    Vielleicht war es in diesem Flur, dass unserem Autor Horst Tappert erschien, um den Mord am Filialleiter
    aufzuklären
    Foto: Hélène Binet

    Vielleicht war es in diesem Flur, dass unserem Autor Horst Tappert erschien, um den Mord am Filialleiter
    aufzuklären

    Foto: Hélène Binet

    Die Cafeteria ganz oben bringt den Swing der 50er Jahre mit Space-Age und Blob-Design zusammen. Man beachte die sich nach unten verjüngenden Betonsäulen.
    Foto: Hélène Binet

    Die Cafeteria ganz oben bringt den Swing der 50er Jahre mit Space-Age und Blob-Design zusammen. Man beachte die sich nach unten verjüngenden Betonsäulen.

    Foto: Hélène Binet

    Die roten und grünen Bodenplatten in der Schalterhal­le leiten den Beginn eines Farbkontrasts ein, der sich durchs gesamte Innere der Landesbank zieht und sich in den Obergeschossen noch verstärkt.
    Foto: Hélène Binet

    Die roten und grünen Bodenplatten in der Schalterhal­le leiten den Beginn eines Farbkontrasts ein, der sich durchs gesamte Innere der Landesbank zieht und sich in den Obergeschossen noch verstärkt.

    Foto: Hélène Binet

    Der Innenhof erinnert an die rationalistische Architek­tur eines O. M. Ungers der 90er Jahre.
    Foto: Hélène Binet

    Der Innenhof erinnert an die rationalistische Architek­tur eines O. M. Ungers der 90er Jahre.

    Foto: Hélène Binet

    Vom Altbaukomplex am Kirchhof Unser Lieben Frauen blieb außer der repräsentativen Natur­steinfassade nur ein Treppenhaus erhalten. An der Nahtstelle von alter und neuer Fassade liegt der Eingang für die Mitarbeiter der Landesbank.
    Foto: Hélène Binet

    Vom Altbaukomplex am Kirchhof Unser Lieben Frauen blieb außer der repräsentativen Natur­steinfassade nur ein Treppenhaus erhalten. An der Nahtstelle von alter und neuer Fassade liegt der Eingang für die Mitarbeiter der Landesbank.

    Foto: Hélène Binet

    Durch den Tunnel und über den Hof erreichen die Mitarbeiter den eigentlichen Haupteingang der Lan­desbank.
    Foto: Hélène Binet

    Durch den Tunnel und über den Hof erreichen die Mitarbeiter den eigentlichen Haupteingang der Lan­desbank.

    Foto: Hélène Binet

    Die Backsteinfassade reizt nicht nur mit ihren handwerklichen Details, sondern auch mit der je nach Licht unterschiedlichen Farbigkeit des Backsteins.
    Foto: Hélène Binet

    Die Backsteinfassade reizt nicht nur mit ihren handwerklichen Details, sondern auch mit der je nach Licht unterschiedlichen Farbigkeit des Backsteins.

    Foto: Hélène Binet

Dieser Text hat eine Vorgeschichte, die im Internet beginnt. In einer Facebook-Gruppe, die den Namen „Postmodernism Appreciation So­ciety“ trägt, reagierte ein Bauwelt-Redakteur mit einem so knappen wie resoluten Urteil auf die Bremer Landesbank: „exzellentes beispiel der ak­tuellen verzuckerung der innenstädte und ein mir unerklärliches beispiel ehemals exzel­lenter architekten“. Peng! Das sind weniger als die berüchtigten 140 Zeichen, die man auf Twit­ter absetzen kann. Kritik im Schnellverfahren, mittlerweile ein präsidiales Format der Durch­sage. Ähnlich reagierte, ebenfalls auf Facebook, die Redaktion der Schweizer Architekturzeit­schrift Werk, Bauen und Wohnen: „Wir stehen etwas ratlos vor den Bildern.“ Antwort: „Aber so baut bei Euch in Zürich doch jeder Dritte, oder?“ Da­raufhin wieder die Schweizer: „Stimmt ein Stück. Aber so krass dann doch wieder nicht.“
Vielleicht sind Sie, liebe Leser, nun froh, eine sauber lektorierte, gestaltete und gedruckte Zeitschrift in der Hand zu halten, statt in den bisweilen bizarren Nebenkammern von Facebook mit krassen Kritikhäppchen behelligt zu werden. Aber dieser kurze Vorspann zeigt doch sehr schön die Fallhöhe, die man bei der Beschäftigung mit der Bremer Landesbank einnimmt. Sicher nicht wenige von Ihnen denken vielleicht gerade dasselbe wie die beiden Facebook-Freunde: Kann es sein, dass Caruso St John, die doch eigentlich zu den spannendsten britischen Architekturbüros zählen, sich in Bremen mit einer Art deutschem Virus infiziert haben, das andernorts zu Schlossreproduktionen führt (Berlin) oder Altstadtattrappen (Frankfurt am Main) auslösen kann? Soll man den Bau etwa ironisch lesen, also als Wiederkehr der Postmoderne – oder ist er schlicht Kitsch, weil hier britische Architekten im Expressionismus der 1920er Jahre schwelgen, noch dazu in dessen Hamburger Spielart à la Fritz Högers Chilehaus, was aber in Bremen leicht wie ein kulturelles Missverständnis wirkt?
Die Lage des Neubaus könnte prominenter nicht sein. Das Grundstück befindet sich am Domshof und ist somit Teil einer Platzanlage, die von den Solitärbauten des Rathauses und der Domkirche St. Petri geprägt wird. Auch die Bremische Bürgerschaft, das Parlament des Stadtstaates, hat in Sichtweite des Domshofes ihren Sitz. Ihr Gebäude am Marktplatz wurde von Wassili Luckhardt zwischen 1961 und 1966 realisiert, damals begleitet von Protesten gegen die zu modern empfundene Haltung des Baus, der mittlerweile mit seinen angedeuteten Giebeln über einer großen Glasfassade als eines der Musterbeispiele für die sensible Einfügung in eine historische Umgebung gilt.
Auch der Vorgängerbau stand für eine mode­rate, versöhnliche Geste gegenüber dem Bestand. Das Bankgebäude der Architekten Gerhard Müller-Menckens und Heinz-Georg Rehberg aus dem Jahr 1972 kann man als soli­de Zweckarchitektur beschreiben. Müller-Menckens war ein Schüler Paul Schmitthenners und Professor an der Bremer Hochschule für Tech­nik. Fast hätte er, und nicht Luckhardt, ein Jahrzehnt zuvor das Parlamentsgebäude errich­tet. Wie Eberhard Syring vom Bremer Zentrum für Baukultur aufgearbeitet hat, tobte zwischen 1959 und 1961 ein erbitterter Architekturstreit, der letztlich zu einer stärkeren Anpassung des ursprünglich kubisch-abstrakten Luckhardt-Entwurfs an seine Umgebung und somit zur Niederlage von Müller-Menckens führte.

Die Bremer Landesbank und der erhaltenswürdigere Bestand

Die Frage drängt sich auf, warum der noch nicht einmal vierzigjährige Sitz der Bremer Landesbank durch einen Wettbewerb im Jahr 2011 für abbruchreif erklärt wurde. Es hätte zehn Jahre gedauert, den Bestand zu sanieren, erklärt der Vertreter der Bank, und macht außerdem deutlich, dass sich der Vorstand gerne von der spröden Nachkriegsmoderne verabschieden wollte. Beibehalten wurde hingegen ein angrenzendes, ebenfalls von der Landesbank genutztes Bürohaus des Berliner Architekten Wilhelm Martens aus dem Jahr 1896, erweitert 1908 und nochmals 1921 durch das Bremer Büro Behrens & Neumark. Es wurde im Zuge des Umbaus bis auf ein denkmalgeschütztes Treppenhaus komplett entkernt. Wie es das Schicksal so will, geriet die Bremer Landesbank just in den Monaten der Fertigstellung ihres Neubaus aufgrund fauler Schiffskredite in eine Krise und wurde wenige Wochen nach der Eröffnung an die Norddeutsche Landesbank (NORD/LB) verkauft. Der Hauptsitz in Bremen soll aber erhalten bleiben.
Die Jury zum Neubau war mit Andreas Hild, Heinz Tesar und Peter Wilson prominent und pluralistisch besetzt. Von einer klaren Richtungsentscheidung durch die Vorauswahl der Juro­ren kann also nicht die Rede sein. Auf den zweiten Platz gelangte der Entwurf von Max Dudler, der in Bremen bereits mit einem markanten Bürogebäude vertreten ist (Bauwelt 7.2015) und ak­tuell den Platz am Hauptbahnhof bebaut.

Caruso St. John: Aktivierte Vorbilder

Für Adam Caruso und Peter St John ist die Bremer Landesbank das erste realisierte Projekt in Deutschland. Dass Caruso der Nachfolger Hans Kollhoffs auf einem der prestigeträchtigsten und einflussreichsten Lehrstühle der ETH Zürich ist, verführt leicht dazu, hier einen Flirt mit der steinernen Berliner Architektur der Nachwendejahre zu vermuten. Allerdings zeigen andere aktuelle Entwürfe der Londoner Architekten, beispielsweise für die „Neue Historische Mitte“ in Köln (2016), keinen Ziegel-Expressionismus, sondern sind vom Vokabular der 1960er Jahre bestimmt, ja haben sogar eine gewisse Nähe zu dem abgerissenen Bremer Müller-Menckens-Bau. Im typisch deutschen Freund-Feind-Denken, das die Architekturdiskussionen der vergangenen Jahrzehnte durchtränkt, aber selten befruchtet hat, lassen sich Caruso St John nicht einsortieren. Ihre Entwürfe sind zwar zunehmend stärker „retro“, aber springen in den jeweiligen Referenz-Epochen munter hin und her. Dazu passt, dass Adam Caruso seit seiner Berufung an die ETH eine beeindruckende Reihe von Publikationen über Architekten von der vermeintlich konser­vativeren Seite der Moderne vorgelegt hat: Ferdinand Pouillon, Mario Asnago und Claudio Vender sowie zuletzt Rudolf Schwarz wurden nicht nur historisch analysiert, sondern auch als Entwurfsvorbilder aktiviert.
Die Bremer Landesbank verleitet dazu, sich lange an der Fassade aufzuhalten. Sie besteht aus Klinker aus dem niedersächsischen Uelsen in 64 unterschiedlichen Formen, die vor Ort gemauert wurden. Lediglich die Fensterbrüstungen sind Betonfertigteile. Auf Bleche konnte verzichtet werden. Blickt man an den rund geschwungenen Lisenen hinauf, die nach oben hin schmaler werden, dann wackeln die einzelnen Ziegellagen gegeneinander. Die hellen Steine hingegen, die gestapelt sind wie ein Turm aus Kaplasteinen im Kinderzimmer, stehen sauber lotrecht aufeinander. Aus diesen unterschiedlichen Welten, der organischen und der geometrischen, bezieht die Fassade ihren Reiz. Sie ist kein Lehrstück über das tektonische Bauen mit Industrieprodukten, sondern eine handwerkliche Bravourleistung. Nur die beiden Staffelgeschosse wirken, als wäre ihre hellgraue Verkleidung aus Keramik auf einem sehr viel bescheideneren Niveau der Planung stehengeblieben und dämpfen so den Gesamteindruck.
Der Innenausbau der Bank gleicht das wieder aus – auf unerwartete Weise. In der Schalterhalle herrscht zunächst noch eine gepflegte Gediegenheit. Hier sind die Klinker weiß glasiert. Das gewaltige Rundbogenportal stülpt sich wie ein Trichter ins Innere. Auf dem Boden sind weiße, rote und grüne Werksteinplatten in einem Gittermuster verlegt. Rot und grün, dieses Farbsche-ma steigert sich auf dem weiteren Weg durch das Haus zu so kräftigen Kontrasten, wie man es in einer erkennbar um Seriosität bemühten Bank nicht erwartet hätte. Und zwar sowohl in den Kundenbereichen als auch in den Bürogeschossen. Maximal 500 Mitarbeiter hätten Platz, derzeit sind es rund 350. Um Licht in den tiefen Baublock zu bringen, wurde ein im Grundriss länglicher, an den kurzen Seiten gerundeter Innenhof geschaffen, der 17 auf 34 Meter misst. Er ist von der Straße aus tagsüber frei zugänglich. Hier betreten die Mitarbeiter das Gebäude. Angeblich verbringen einige in dieser Thermohaut-Arena ihre Mittagspause. Der Weg in die Büros führt vom Eingang über Aufzüge oder ein hervorragend detailliertes Treppenhaus mit Sichtbetonwänden und Fertigteiltreppen. Der Sichtbeton zieht sich entlang dieses Treppenhauses durch alle Büroebenen. Tritt man ein, ist die Decke zunächst purer Beton. Darauf sind in den Büros Kästen mit Lampen und Entlüftungseinlässen gesetzt. Die abgehängten Decken über den Gängen beginnen erst nach einigen Metern. Die so entstehenden Foyerzonen verdanken dem Sichtbeton, dass sich die übliche Büroflur-Tristesse hier nicht einstellt. Die Farben tragen dazu bei: Der Spannteppich nimmt den Rot-Grün-Kontrast des Foyers sehr kräftig wieder auf. Die geschwungenen Wände sind teilweise tief-dunkelgrün. Im Zusammenspiel mit dunkel gebeizter Eiche und einer abgehängten Decke aus offe­-nen Metallrastergittern entsteht eine Höhlenhaftigkeit, die bis ins Detail aus den westdeutschen 1970er Jahren zu entstammen scheint. Horst Tappert alias Derrick könnte jederzeit um die Ecke biegen, um den Mord am Filialleiter auf­zuklären.
Die Kantine im obersten Geschoss hingegen ist aus Elementen der fünfziger Jahre, aus Space Age- und Blobformen in Gipskarton collagiert. Die Betonstützen werden nach oben breiter, obwohl die reine Lehre das Gegenteil verlangt. Hier zeigt sich nochmals der entkrampfte Zugriff der Architekten auf die Baugeschichte. Die Landesbank ist eben kein Manifest der schlecht gelaunten Zivilisationskritik, wie sie uns die einschlägigen deutschen Kollegen präsentieren – hier sprühen noch Funken, weil der Schatz an Traditionen so üppig ist, dass viel Disparates auf einmal in diesen Bau gepackt wird, statt abgeklärt ewige Wahrheiten zu verkünden.



Fakten
Architekten Caruso St John, London
Adresse Domshof 26, 28195 Bremen


aus Bauwelt 5.2017
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