Biobank des Max-Delbrück-Centrums in Berlin


Dem Neubau von Heide & von Beckerath in Berlin-Buch gelingt die Balance zwischen Funktionsbehälter und Konzeptarchitektur


Text: Brinkmann, Ulrich, Berlin


    Die Biobank des Max-Delbrück-Centrums für Molekulare Medizin liegt inmitten des Forschungscampus Berlin-Buch, nördlich des Berliner Rings.
    Foto: Andrew Alberts

    Die Biobank des Max-Delbrück-Centrums für Molekulare Medizin liegt inmitten des Forschungscampus Berlin-Buch, nördlich des Berliner Rings.

    Foto: Andrew Alberts

    Blick auf die Westecke der Bank. Rechts im Anschnitt das Laborgebäude für Biomedizinische Genomforschung von Staab Architekten aus dem Jahr 2006.
    Foto: Andrew Alberts

    Blick auf die Westecke der Bank. Rechts im Anschnitt das Laborgebäude für Biomedizinische Genomforschung von Staab Architekten aus dem Jahr 2006.

    Foto: Andrew Alberts

    Die Sichtbetonästhetik des Inneren wurde inzwischen zugunsten eines weißen Wandanstrichs aufgegeben.
    Foto: Andrew Alberts

    Die Sichtbetonästhetik des Inneren wurde inzwischen zugunsten eines weißen Wandanstrichs aufgegeben.

    Foto: Andrew Alberts

    Eine an der Außenseite angebrachte Sitzbank unterhalb der Büroräume ...
    Foto: Andrew Alberts

    Eine an der Außenseite angebrachte Sitzbank unterhalb der Büroräume ...

    Foto: Andrew Alberts

    ... dient als ein Treffpunkt für die Mitarbeiter des Campus.
    Foto: Andrew Alberts

    ... dient als ein Treffpunkt für die Mitarbeiter des Campus.

    Foto: Andrew Alberts

Solch ein Campus ist ein schwieriges Umfeld. Was Architekten und Stadtbauräten wie Ludwig Hoffmann und Martin Wagner in der „Klinikstadt“ Berlin-Buch im äußersten Norden der Hauptstadt vor rund hundert Jahren gleich mehrfach gelang, nämlich mit Gebäuden unterschiedlicher Größe und Bestimmung einen zwanglosen Zusammenhang zu stiften, wird heute nur noch selten prak­tiziert; schon das gelassene Weiterbauen dieser Ensembles, wie es in den 20er, 30er, 50er und 60er Jahren geschah mit Bauten, die nicht allzu viel Aufhebens von sich machen, scheint inzwischen ein aus der Zeit gefallener Ansatz zu sein (Bauwelt 26.1996, 33.2002) – der Objektcharakter der freistehenden Volumen lädt zu gestalterischer Extravaganz geradezu ein. Doch eingerahmt vom nächsten und übernächsten Hingucker wirkt die Entscheidung für ein ausgefallenes Material, eine leuchtende Farbe, eine singuläre Kubatur oder eine besonders lebhafte Fassadengliederung schnell beliebig – eine Falle, in die ein Architekt in Berlin-Buch leicht tappen kann.
Heide & von Beckerath sind es nicht: Die von dem Berliner Büro geplante „Biobank“ auf dem Biomedizinischen Forschungscampus im Süden des Stadtteils hält das Gleichgewicht zwischen Einordnung und Behauptung, zwischen funkelnder Konzeptarchitektur und grauem Container. Man kann sie übersehen, doch zugleich zieht sie den Blick auf sich. Vor allem bei besserem Wet­ter kann ein für die Planungsgeschichte des kleinen Gebäudes wichtiges Element in den Vordergrund treten: die außen umlaufende Sitzbank. Mit ihr wurzelt das Projekt in seiner langen Vorgeschichte.
Vor sieben Jahren suchte ein Wettbewerb nach Lösungen für die Verdopplung der Nutzfläche auf dem „Campus Berlin Buch“. Das Areal ist ein Spiegel der medizinischen Forschung unter wechselnden politischen Bedingungen. Bereits 1910 war das Gelände an der Grenze zu Bran­denburg von Stadtbaurat Ludwig Hoffmann als städtischer Zentralfriedhof angelegt worden, als solcher wurde es aber nie genutzt – stattdessen fand hier in den zwanziger Jahren der Aufbau des Kaiser-Wilhelm-Instituts für Hirnforschung Platz. In DDR-Zeiten wurde die Klinik ausgebaut und firmierte als Robert-Rössle-Klinik für Krebstherapie; außerdem wurden die Zentralinstitute für Molekularbiologie und Krebsforschung der Akademie der Wissenschaften hier angesiedelt. Diese beiden Einrichtungen wurden nach der Wende zum Max-Delbrück-Centrum für molekulare Biologie zusammengelegt, eine Institution, die heute sogar ein eigenes Baubüro mit dem schönen Namen „Abteilung Errichten“ besitzt, welches die Entwicklung des MDC mit archi­tektonischer Ambition betreut. Um das MDC herum sollte, so der bereits Mitte der neunziger Jahre gefasste Plan, ein biomedizinischer Technologiepark entstehen – ein Vorhaben, wel­-ches der damals vorrangige Ausbau des Wissenschaftsparks in Berlin-Adlershof zunächst bremste. Doch nach und nach nahm die Entwicklung auch in Buch Fahrt auf, Neubauten entstanden, Freiflächen schwanden, und so stellte sich die Frage, wie sich der Campus städtebaulich sinnvoll weiterentwickeln sollte.
Heide & von Beckerath belegten den zweiten Rang im Wettbewerb mit einem Entwurfsansatz, der vor allem auf mehr Kommunikationsflächen für die Forscher abzielte, da diese mehr und mehr hinter ihren Rechnern vereinsamen: Ein Viertel der ebenerdigen Gebäudeflächen sollte dafür genutzt werden. Den Masterplan erarbeiteten dann zwar die im Wettbewerb erstplatzierten Architekten Kleyer Koblitz, Heide & von Beckerath aber wurden mit einer Machbarkeitsstudie zu einem neuen Typus von Laborgebäude beauftragt, der eben nicht hochspezialisiert durchgeplant und eben deshalb starr und bei Eröffnung schon veraltet sein sollte, sondern flexibler konstruiert, offener für sich wandelnde Forschungsvorhaben und -teams und mit mehr Flächen für Begegnung und Kommunikation der Wissenschaftler. In dieses Laborgebäude sollte ein Kryotank, also ein tiefkalter Stickstofftank, zur langfristigen Aufbewahrung von Genproben integriert werden. Der Standortsuche dafür schloss sich schließlich ein VOF-Verfahren für den Neubau der Biobank an. Und dieses Mal bekamen Heide & von Beckerath den Zuschlag.
Das kleine Gebäude ist Teil der Kette von Service-Einrichtungen, die der Masterplan von Kleyer Koblitz am Rand des Campus vorsieht, es steht aber auch in der Abfolge der größeren Labor­gebäude an der Hauptachse, und zwar direkt gegenüber dem Gebäude für Medizinische Genomforschung von Staab Architekten. Unmittelbar ins Auge fallen die horizontale Zweiteilung der Fassade in einen unteren Bereich aus Lerchenholz- und einen oberen aus Aluminium­paneelen und zwei umlaufende Horizontalen: eine Krempe oberhalb der Teilung und eine Sitzbank. Deren Schattenwurf lässt das Gebäude scheinbar über dem Boden schweben und verleiht ihm damit eine Schwerelosigkeit, die das tatsächlich hohe Gewicht der im Inneren unter­gebrachten Einlagerboxen mit ihren rund zwei Millionen Proben von rund 40.000 Probanden nicht ahnen lässt. Dort, wo die Sitzbank unterhalb der Fenster der Büroräume verläuft, welche dem Kühlraum, dem eigentlichen Herz des Gebäudes, auf der Südwestseite zugeordnet sind, können sich die Mitarbeiter der Genomforschung zum Erkenntnis- und Erfahrungsaustausch mit den Kollegen niederlassen.
Mit diesen wenigen gestalterischen Haupt­elementen entfaltet das kleine Volumen eine kräf­tige Präsenz. Beim zweiten Hinschauen fallen dann seine „näheren Bestimmungen“ ins Auge: etwa die gegenüber den Alu-Paneelen doppelte Breite der Holzelemente und halbe Breite der Fensterflügel; die unterschiedlichen Türen und Tore, welche die umlaufende Sitzbank mit dreieckigen Aussparungen in Segmente gliedern; den in der Südecke ins Volumen integrierten Außentank, der als einziges Element einen direkten Hinweis auf den eigentlichen Zweck des Gebäudes liefert.
Dieser liegt, wie gesagt, in der kühlen oder besser: sehr kalten Lagerung von Genproben für einen Zeitraum von bis zu 30 Jahren (ein üblicher Zeitraum für Langzeitstudien, für den auch Forschungsgelder bewilligt werden). Minus 160 Grad beträgt die Temperatur in den Kryotanks, und damit die Proben bei der heute möglichen computergesteuerten Entnahme nicht sogleich in der Luftfeuchtigkeit der wärmeren Umgebung vereisen, ist diese auf noch immer recht frische minus 20 Grad heruntergekühlt, so dass keine Feuchtigkeit mehr in der Raumluft enthalten ist. Der Boden musste zur Kälteisolierung schwimmend konstruiert werden. Die wegen der Größe der Tanks erforderliche Höhe des Kühlraums von sechs Metern schafft über den niedrigeren Arbeitsräumen Platz, um die notwendigen Ap­parate der Gebäudetechnik unsichtbar hinter der hohen Attika unterzubringen. Vom Staab-Gebäude gegenüber kann man sie überblicken.



Fakten
Architekten Heide & von Beckerath, Berlin
Adresse Robert-Rössle-Straße 10, 13125 Berlin


aus Bauwelt 12.2017
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