Architekturfakultät der Cornell-Universität


Architekturlehre im Schaufenster


Text: Mees, Carolin, New York


    Foto: Brett Beyer

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Erst sollte Steven Holl bauen, dann Barkow Leibinger. Nach 12-jähriger Debatte eröffnete Rem Koolhaas vor wenigen Tagen die Erweiterung der Architekturfakultät der Cornell-Universität: Die weit auskragende Box der „Milstein Hall“ von OMA verbindet die Bestandsbauten und fordert eine bislang auf dem Campus ungewohnte Öffentlichkeit ein.
Die Planungsgeschichte des Neubaus begann mit einer Drohung: Das National Architectural Accrediting Board (NAAB), das die Architekturausbildung an US-Universitäten beurteilt, hatte 1997 angekündigt, die School of Arts, Architecture and Planning (AAP) der Cornell-Universität im Ranking abzuwerten – die Einrichtungen seien überfüllt, unzureichend und altmodisch. Dabei ist „Cornell“ im Upstate New York eine der acht Elite-Unis im Nordosten der USA. Eine Herabstufung hätte bedeuten können, dass wohlhabende Familien und anerkannte Professoren andere Einrichtungen vorziehen und der Unterhalt der privat finanzierten Architekturfakultät nicht mehr gesichert gewesen wäre. Die Milsteins, deren Kinder an der Cornell-University studiert hatten, stifteten schließlich im Jahr 2000 zehn Millionen Dollar für den Bau eines neuen Architekturgebäudes, sodass ein Wettbewerb zur Erweiterung des traditionsreichen Ensemles ausgelobt werden konnte.
Die AAP ist mit ihrer 140-jährigen Geschichte eine der ältesten Fakultäten des nahe der Stadt Ithaca auf einem Berg gelegenen Campus. Sie reiht sich entlang der University Avenue auf, die parallel zur Schlucht des Falls Creek verläuft, und grenzt an den „Arts Quad“, einen rechteckigen Park mit altem Baumbestand und diagonaler Wegeführung, der von Universitätsgebäuden umschlossen ist. Zwischen diesen Bauten, die ab dem Ende des 19. Jahrhunderts bis in die siebziger Jahre hin­ein entstanden sind, wird der Blick auf den See Cayuga unten im Tal und auf weitere Campusgebäude oben am Berghang gelenkt. Ein Glockenturm gibt dem Ensemble den Charakter einer Kleinstadt. Die Architekturschule verteilt sich auf die „Sibley Hall“, einen steinernen Bau des Historismus, und die  „Rand Hall“, ein verklinkertes Fabrikgebäude vom Anfang des 20. Jahrhunderts.
Das Hin und Her im Wettbewerb
Unter den Finalisten des Wettbewerbs waren Peter Zumthor, Thom Mayne und die New Yorker Tod Williams und Billie Tsien. Die Entscheidung fiel im Frühjahr 2001 auf Steven Holl: Die „Rand Hall“ sollte gemäß Wettbewerbsvorgabe abgerissen und durch einen siebengeschossigen Kubus mit 6500 Quadratmetern Fläche und einer auf die Schlucht ausgerichteten Glasfassade ersetzt werden. Kosten: 25 Millionen, geplante Fertigstellung 2004. Bereits im Jahr 2002 kündigte die Universität den Vertrag mit Holl. Grund sei die Kontroverse, die der Entwurf unter den Absolventen ausgelöst hatte. In der Folge wurde das Berliner Büro Barkow Leibinger unter vier geladenen Büros – Tod Williams und Billie Tsien, Thom Mayne und Smith Miller + Hawkinson – ausgewählt und mit einem neuen Entwurf beauftragt: Ein langgestrecktes, dreigeschossiges Lofthaus sollte neben der Sibley Hall entstehen – Fertigstellung 2006. Mit einer ähnlich vagen Begründung wie zuvor gegenüber Steven Holl entzog jedoch der 2004 neu gewählte Dekan Moshe Mostafavi dann Barkow Leibinger den Auftrag: Es gäbe keine einstimmige Unterstützung für das Projekt und der Abriss von Rand Hall sei nicht mehr gewünscht. Die offenen Studios in dem Fabrikgebäude wären beliebt, eigentlich benötige man nur zusätzliche Arbeitsräume. Während die Diskussion weiter ging, wurde Rem Koolhaas, der in den siebziger Jahren in Cornell studiert hatte, 2005 als Gastkritiker berufen und kurz darauf OMA mit der Erweiterung beauftragt.
Ein bescheidener Neubau von OMA?
Mittlerweile war das Budget mit 40 Millionen Dollar nahezu verdoppelt, die Fläche dagegen um ein Drittel auf 4400 Qua­dratmeter reduziert worden – für Rem Koolhaas, wie er kurz nach der Beauftragung gegenüber der New York Times sagte, eine „Übung in bescheidener, diskreter Intervention“. OMA schlug vor, eine aufgeständerte Box zwischen Rand Hall und Sibley Hall zu setzen und über die University Avenue hinweg auf die Foundry auszurichten, einem kleinen Holzhaus auf der anderen Straßenseite, sodass die Gebäude durch einen überdachten Außenraum verbunden seien. Sofort wurde auch dieser Vorschlag attackiert: Der Entwurf würde sich nicht in das städtebauliche Gefüge einordnen, die Sicht auf die Nachbargebäude vermindern und mit der Auskragung die historische Fassade der Gießerei verdecken. Der Neubau wäre zudem zu teuer und das goldene LEED-Zertifikat, nicht das silberne, sollte angestrebt werden. Im Stadtplanungsamt von Ithaca diskutierte man ebenfalls: Hat eine private Architekturfakultät das Recht, ein Gebäude über einer öffentlichen Straße zu bauen? Sollte man es erlauben, dass die „Rückseite“ des ehrwürdigen Arts Quad aufgewertet wird – und das ausgerechnet durch die Bezugnahme auf ein hölzernes Nebengebäude?
Es brauchte einen weiteren Personalwechsel und erneuten Druck von der Ratingagentur, bis der neue Dekan Kent Kleinman schließlich 2008, trotz einsetzender Weltwirtschaftskrise, den Neubau beauftragte. Die Universität kaufte der Stadt das zu überbauende Teilstück der University Avenue für zwei Millionen Dollar ab – mit der Auflage, die Straße zu sanieren und beim Bau die Durchgangshöhe für LKWs zu beachten. Im Jahr 2009 begann OMA mit dem Neubau, dem man zum Andenken an den inzwischen verstorbenen Stifter den Namen „Milstein Hall“ gab.
Endlich gebaut: die Milstein Hall
Ein Auditorium mit 253 Sitzplätzen, eine Galerie, eine knapp 500 Quadratmeter große Halle für Präsentationen („The Dome“), eine Eingangslobby und ein offener Arbeitsraum für 200 Studierende sind heute in Milstein Hall untergebracht. Das Hauptelement des Neubaus ist der offene Studioraum in der aufgeständerten Box, die 14 Meter über die University Avenue auskragt und jeweils an die zweiten Geschosse von Sibley Hall und Rand Hall anschließt.
Die Box wird durch vier weißlackierte Durchlaufträger aus Stahl zur Platte ausgesteift, die das offene Studio im Inneren strukturieren und die Studenten hinter ihren halbhohen Stellwänden aus Filz in Gruppen unterteilen. 41 Oberlichter im begrünten Dach stellen den Bezug zum Himmel her, sodass im Zusammenspiel mit dem hellen Betonboden und den ehemaligen Außenfassaden der Altbauten die Atmosphäre eines geschützten Außenraums entsteht. Das weitläufige Studio könnte allerdings auch ein Großraumbüro sein, mit gemeinschaftlich genutzten Druckern und Kopierern und einem zentralen Raum für Präsentationen.
Nach außen ist die Box verglast, nur die Decken- und Bodenplatten sind mit vertikal gestreiften, grauen Marmorplatten verkleidet. Unterhalb des Studios erhebt sich der Betonboden des Außenraums zu einer Bodenwelle, die durch die gewölbte Betondecke des darunter liegenden Kritik-Raums gebildet wird, der expressiv von unten nach oben durchgedrückt ist. Neben diesem höhlenartigen, in Beton gefassten „Critique Space“ liegt das Auditorium, vom dem aus in Zukunft der Blick in einen versunkenen Garten fallen soll. Seitlich daneben befindet sich die von Studenten betriebene Galerie. Hinter der Galerie sollte in Richtung Westen ein unterirdisches Parkhaus mit darüberliegender Landschaftsgestaltung anschließen, das aus Kostengründenbislang nicht realisiert wurde.
Von der offenen Eingangslobby aus sind die Schichten des Gebäudes ablesbar. Von dort aus betritt man über einen skulpturalen Betonsteg das Auditorium oder über eine Treppe das Studio im Obergeschoss: Alle Räume sind einzusehen und einzuhören, Kritik, Präsentation und Lehre wird öffentlich, für alle zugänglich, kann sich nicht verstecken.
Öffentlichkeit durch Architektur
Der Neubau fordert Öffentlichkeit ein und will die Architekturlehre an der Cornell-Universität beeinflussen. An offene Kritik und an eine Überprüfung der Leistung ist der alternde Lehrkörper bislang nicht gewöhnt – doch genau dies wird von der jüngeren Generation verlangt. Gleichzeitig agieren die Studierenden im Großraumstudio wie in einem Schaufenster: Sie müssen sich ähnlich präsentieren und Stellung nehmen, wie es von ihnen später auch im Beruf erwartet wird. Ganz anders ist dagegen der öffentliche Raum unter der auskragenden Box, mit seinem leicht dunklen, verengten Durchgang zum Parkplatz, mit den großen halbrunden Pollern, mit den schrägen Fahrradständern und der Bushaltestelle: Hier wird jeder auf sich selbst zurück geworfen und ein urbaner Raum hergestellt, der in Ithaca sonst selten ist.



Fakten
Architekten OMA, New York
Adresse 300 Day Hall, Ithaca, NY, Vereinigte Staaten


aus Bauwelt 39-40.2011
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