3000 Europäer vor der Stadt



Text: Graf, Sabine, Saarbrücken


    Foto: Jens Willebrand

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Europa wächst weiter, und deswegen benötigte Luxemburg eine zweite Groß-Schule für die Kinder der Mitarbeiter der verschiedenen europäischen Einrichtungen. Die Architekten Michel Petit und Johannes Schilling entwarfen für ein Grundstück außerhalb der Stadt einen Schulcampus mit differenzierter Höhenstaffelung und zentralem Freiraum.
Wenn man die Glaskästen der Bürostadt auf dem Plateau de Kirchberg von Luxemburg hinter sich lässt und in den stadtauswärts treibenden Strom der Pendler auf der Route d’Arlon nach Westen eintaucht, gelangt man schnell in die offene Landschaft. Hier zweigt eine kleine Straße ab, an der im Hintergrund, gestaffelt am Hang, schmale Gebäudebänder auftauchen.
Es ist nicht ungewöhnlich, ein Schulzentrum auf der grünen Wiese am Stadtrand zu bauen, eine Zufahrt anzulegen und Parkplätze und einen Busbahnhof einzurichten. Dennoch, die im Vorjahr zwischen den kleinen Gemeinden Bartringen und Mamer im Umland der Stadt eröffnete Europaschule II ragt aus der Masse dieser Schulzentren hervor, nicht nur wegen der Größe des 237,5-Millionen-Euro-Projekts. Für 3000 Schüler, von der Vorschule bis zum Gymnasium, war zu planen. Hinzu kamen eine Kindertagesstätte mit Krippe und ein Hort für 800 Kinder der Beschäftigten der in Luxemburg ansässigen Institutionen der Europäischen Union. Nichts hätte näher gelegen, als einer solchen Menge mit Masse zu begegnen, und einen Großbau in Form einer architektonisch prägnanten „Lernfestung“ zu errichten. Das aber wäre wohl die falsche Antwort auf die Frage, wie mit der enormen Zahl von Schülern umzugehen sei.
Auf den ersten Blick sehen die Neubauten sehr nüchtern aus, und sie sind weit auf dem insgesamt 15 Hektar großen Grundstück ausgedehnt worden. Sie biedern sich nicht mit kunterbunten Mosaiken, farbenfrohen Fassaden und anderen Kinkerlitzchen an, von denen Architekten glauben, dass sie Kindern und Jugendlichen gefallen. Stattdessen akzentuieren gewaltige Vordächer den Rhythmus der Anlage. Sie geben ihr Kontur und vereinen Form mit Funktion unter einem Dach als Regenschutz.
„Wir wollten keine Schule haben die bunt ist, sondern eine die bunt wird. Die Schüler bringen die Farbe herein“, erklärt Oliver Vess, einer der Projektleiter beim Luxemburger Architekten Michel Petit. Gemeinsam mit dem Kölner Johannes Schilling formierte sich Petit zur ARGE. Sie gewannen vor sechs Jahren den international besetzten Wettbewerb. „Wir waren die einzigen“, erinnert sich Johannes Schilling, „die einen mehrteiligen Entwurf vorlegten.“ Mehrteilig deshalb, weil es unterschiedliche Schultypen sind. Jeder sollte ein einzelnes, in sich abgeschlossenes Gebäude bekommen und – ganz wichtig – formal gut erkennbar sein. Hier, vor der Stadt, ist, anders als im zu klein gewordenen „Stammhaus“ Europaschule I, viel Platz, um in die Fläche zu gehen.
Jeder Schultyp für sich und alle zusammen sind auf eine Idee ausgerichtet, angeführt von dem an höchster Stelle stehenden Verwaltungsgebäude mit Mensa und Festsaal. Das klingt ein wenig so, wie Europa im Idealfall sein sollte. Die sechs Gebäude fügen sich mit Raumfolgen und Übergängen zu einem Ensemble und rahmen den terrassenförmig ins Tal führenden Schulhof. An dessen Ende liegen die Sportanlagen.
Der Schulkomplex gliedert sich unterhalb des Verwaltungsgebäudes in zwei Zonen mit drei bzw. zwei, meist u-förmigen Gebäuden. Wenn die Eltern es wünschen, können die Kinder vom zweiten Lebensjahr an bis zum Abitur den Campus besuchen. Rechter Hand des großen, zentralen Pausenbereichs befindet sich die Vorschule für Kinder bis sechs Jahre, etwas unterhalb schließt, durch einen begrünten Weg getrennt, die größere Grundschule an. Den Abschluss zur Landschaft bildet, ebenfalls durch einen Weg getrennt, die zweigeschossige Kindertagesstätte mit Serviceeinrichtungen. Links vom Verwaltungsgebäude liegt der große Block des Gymnasiums, dahinter die Sporthalle. Passend für einen Schulkomplex dieser Größenordnung ist dies ein riesiger, in verschiedene Sportfelder unterteilbarer Bau.
Austernschale
„Das architektonische Bild zur Materialität und Farbigkeit hat Ähnlichkeit mit dem Bild einer Austernschale“, erklärt Johannes Schilling zum Entwurfskonzept. „Außen ist sie rau und erdig, wie die Umgebung, innen glatt, hell und farbig changierend, wie Perlmutt.“ Die beiden Luxemburger Büros Teisen & Giesler und F. Nicklas sowie Paczowski und Fritsch führten auf Wunsch des Bauherrn ab Leistungsphase 5 die Vorschule und die Sporthalle bzw. die Kindertagesstätte aus und hatten leider ein gänzlich anderes Konzept. Sie kehrten das von Schilling für die Materialwahl verbindliche Bild der Muschel – außen rau, innen glatt – einfach um. Rauer Sichtbeton im Inneren, das ist wahrlich Old School mit einem Hauch Kraftmeierei. Petit und Schilling setzen dem die Vere­delung einfacher Materialien entgegen, seidenglatter Sichtbeton, blass mokkafarbene Bodenfliesen und weißpigmentierter Eiche. Das gilt auch für die begrünten Innenhöfe und den von den Gebäuden gerahmten, terrassierten Schulhof, den die Landschaftsarchitekten Dutt & Kist ebenso zurückhaltend gestalteten.
In der Europaschule haben die Lehrer ihre eigenen Klassenzimmer – die Schüler kommen zu ihnen. Jede Nationalität erhält eigenen Unterricht, was logistisch eine Herausforderung darstellt. Allein 1600 Gymnasiasten und 1050 Grundschüler sind auf jeweils rund 100 Klassenzimmer zu verteilen.
Die Größe und Schlichtheit animiert, eigene Strategien für den Umgang mit der Architektur zu entwickeln. Da bekleben Kinder in der Ecole Maternelle die Fenster ihres Schulsaals mit großen, selbstgebastelten Blumen als Sichtschutz. Andere nutzen die Filzwände im Schulsaal, die der Dämmung dienen, als Pinnwand. Erste farbige, teils großformatige Wandbilder der Schüler entstehen auf den Betonwänden.
Schule der Schüler
Die Schule ein summender Bienenkorb? Nein, dafür sorgen entsprechende akustischen Maßnahmen. Hier brummt auch keine Klimaanlage, stattdessen speichern die Betonfassaden Wärme, über Lüftungsflügel in den Fenstern werden die Räu-me gekühlt, Jalousien verschatten bei Bedarf. Wann Schatten, wann Licht, wann Luft, darüber entscheiden die Nutzer.
Die Schüler haben ihre Schule angenommen. Sie bevölkern die Flure, die hohe Halle der Mensa mit weißen Stühlen ist belebt und die breiten Sitzelemente vor den Klassenräumen belagert. Von subtil bis kraftvoll reicht das Farbenspiel, das die Reflexion des Lichts auf den in Pastelltönen gestrichenen, vorspringenden Wänden in den langen Fluren erzeugt. Wenn die Sonne durch die getönten Glasflächen fällt, schaffen Farbschatten Räume, als seien sie ein Werk von Daniel Buren.



Fakten
Architekten Petit, Michael, Luxemburg; Schilling, Johannes, Köln
Adresse 23 Boulevard Konrad Adenauer, L-1115 Luxembourg-Kirchberg, Luxemburg ‎


aus Bauwelt 29-30.2013
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