Zwischen Hobby und Stadtplanung

Urbane Landwirtschaft

Text: Mees, Carolin, New York

Foto: Christa Müller

Foto: Christa Müller


Zwischen Hobby und Stadtplanung

Urbane Landwirtschaft

Text: Mees, Carolin, New York

Von urbaner Landwirtschaft versprechen sich viele eine soziale, ökonomische und ökologische Erneuerung ihrer Städte. Offen ist, wie sich Architekten und Stadtplaner zu den zahlreicher werdenden Initiativen positionieren.
Urbane Landwirtschaft ist kein neues Thema. Seit der Indus­trialisierung des Agrarsektors ist Landwirtschaft kein relevanter Bestandteil der Stadtplanung. Zugleich wurde die Nahrungsmittelproduktion in der Stadt als Mittel gegen soziale, ökonomische und ökologische Krisen diskutiert und prak­ti­ziert. Seit kurzem ist das Interesse am urbanen Gärtnern und am lokalen Anbau von Obst und Gemüse wiedererwacht. Die Diskussionen um die Folgen des Klimawandels, vor allem aber um Armut und Segregation in den Städten haben ganz unterschiedliche Projekte hervorgebracht: Dachfarmen auf Indus­triegebäuden, Gemeinschaftsgärten auf Brachen, hydroponische Pflanzenzucht in Wohngebäuden, um nur einige zu nen-
nen. Die Motivationen der Akteure sind heterogen: Wohnumfeldverbesserung, Geschäftsmodell oder Sozialarbeit. Im Stadtraum erscheinen diese Interventionen oft spontan, ohne einem Plan zu folgen, ohne sich an Bauvorschriften zu halten, von den Behörden bestenfalls geduldet.
Selbsternannte Gartenaktivisten kümmern sich meist we-nig darum, ob ihre Konzepte zu Ende gedacht sind. Sie fangen irgendwo an, die Stadt nach ihren Vorstellungen umzubauen, Räume zu besetzen. Gartenarbeit erscheint dabei als ein Mittel, auf das sich unterschiedlichste Beteiligte einigen können. Aber intensiver Gemüseanbau in der Stadt ist komplex, erfordert landwirtschaftlich-technisches Knowhow, Kenntnisse der Gruppenführung und Kompetenz zur Moderation unterschiedlicher Bedürfnisse von Nachbarn, Grund- und Hauseigentümern – Aspekte, die auch Architekten und Stadtplanern vertraut sein dürften. Dennoch gibt es Vorbehalte unter den Planern. Die mangelnde ästhetische Einbindung in den städtebaulichen Kontext wird von ihnen als ebenso kritisch und fragwürdig angesehen wie die Quasi-Privatisierung von städtischem Grund. Benötigen spontane Prozesse eine Struktur, um sich weiterzuentwickeln? Wie könnten diese Grass-Roots-Aktivitäten vor Ort in die Stadtplanung integriert werden? Sollen Räume in der Stadt für informelles Gärtnern freigehalten oder gar bereitgestellt werden? Wie dauerhaft wären sie anzulegen? Welchen Regeln müssten die gärtnernden Stadtbewohner folgen? Noch gibt es mehr Fragen als Antworten. Das liegt auch daran, dass das Interesse von Bauträgern und Stadtplanungsämtern an urbaner Landwirtschaft nur langsam erwacht und erst wenige Architekturfakultäten sich systematisch damit beschäftigen. Visionäre Konzepte sind zwar erwünscht, aber die Grundlagen werden selten unterrichtet.
Kann die urbane Landwirtschaft zu einem infrastrukturellen Bestandteil von Gebäuden und Quartieren und damit zu einer Planungsaufgabe der Architekten werden? Bis heute finden sich nur wenige von Architekturbüros realisierte Konzepte. Daher wird das Thema auf der Bild- und Planebene noch durch informelle Gärten und Kunstinstallationen, Wettbewerbsbeiträge und Laien-Entwürfe geprägt, was Ästheten und Technokraten gleichermaßen abschreckt. Doch der Anteil von realisierten Entwürfen und die Gewohnheit im Umgang mit dem Thema nehmen zu, wie beispielsweise die steigende Anzahl von kommerziellen Dachfarmen in New York zeigt. Und spätestens dann, wenn kurze Wege zwischen Produzenten und Verbrauchern ökonomisch bedeutsamer werden, wird hier eine neue Nachfrage entstehen. Warum also nicht bereits heute das Dach als künftige Erwerbsanbaufläche einplanen?

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