Welche Farbe hat der Sozialismus?

Fotografien von Harald Hauswald aus den Jahren 1976 bis 1990 im Leonhardi-Museum Dresden

Text: Scheffler, Tanja, Dresden

1. Mai 1987
Foto: Harald Hauswald

1. Mai 1987

Foto: Harald Hauswald


Welche Farbe hat der Sozialismus?

Fotografien von Harald Hauswald aus den Jahren 1976 bis 1990 im Leonhardi-Museum Dresden

Text: Scheffler, Tanja, Dresden

Eine Maidemonstration, bei der die Fahnenträger vor dem einsetzenden Sturzregen scharenweise die Flucht ergreifen. Eine „Wohnkultur“-Leuchtreklame (für die gleichnamige Konsum-Verkaufsstelle) an einem verfallenen Altbau in Prenzlauer Berg. Drei ältere Herren in der U-Bahn, die mit einer geradezu stoischen Leidensmiene ihren Feierabend einläuten.
Viele von Harald Hauswalds Momentaufnahmen des sozialistischen Alltags gehören heute zu den Klassikern des ostdeutschen Fotorealismus. In der DDR durften die Bilder, die so augenscheinlich den offiziellen Optimismus unterliefen, weder gedruckt noch öffentlich ausgestellt werden. Rund 100 von Hauswalds Arbeiten aus den Jahren 1976 bis 1990 sind zur­zeit im Leonhardi-Museum in Dresden zu sehen.
Schon bald nach Beginn seiner Fotografenlehre wurden dem 1954 in Radebeul geborenen Hauswald die engen Grenzen der DDR-Kunst deutlich. Er brach die Ausbildung ab, tourte als Lebenskünstler, Rockfan und Band-Techniker durchs Land und begann die vielen Facetten des Alltagslebens mit der Kamera zu dokumentieren: Verfall, Depression, aber immer wieder auch die geradezu trotzig-aggressive Aufbruchstimmung der Halbstarken. Im zweiten Anlauf schloss er seine Lehre erfolgreich ab, schlug sich – wie eine ganze Reihe kritischer Künstler und Schriftsteller auch – jahrelang mit Gelegenheitsjobs als Telegrammbote, Heizer oder Restaurator durch und fotografierte parallel dazu „im eigenen Auftrag“ weiter.
Chronist des Niedergangs
Ab 1981 konnte er bei der evangelischen Stephanus-Stiftung in Berlin – quasi im Schutz der Kirche – als Fotograf arbeiten. Hauswald hatte bereits damals das Objektiv am Puls der Zeit. Obwohl er häufig als „Chronist des Niedergangs der DDR“ bezeichnet wird, zeigen seine subtil-tiefgründigen Bilder keine trostlose Endzeitstimmung, sondern fokussieren vielmehr das Lebensgefühl der Menschen, die sich irgendwie arrangiert haben, und die offensichtlichen Widersprüche zwischen Anspruch und Wirklichkeit des SED-Staats. Die Fotografie, sagt Hauswald, sei seine Möglichkeit gewesen, „wenigstens seinen Kopf von dem Gefühl des Eingesperrtseins zu befreien“.
Hauswald pirscht sich mit einem untrüglichen Instinkt für Vielschichtiges an seine Motive heran, um jederzeit das richtige Objektiv griffbereit zu haben, ist er auch heute noch meist mit mehreren Kameras gleichzeitig unterwegs. Immer wieder zeigt sich auf den Fotos sein Sinn fürs (unfreiwillig) Komische, wenn etwa luxuriöse Regierungslimousinen an dem Slogan „Es lebe der Marxismus-Leninismus“ vorbeirauschen oder sichtlich ermattete Rentner unter der Parole „Frieden ist nicht Sein, sondern Tun!“ friedlich in der Sonne dösen. Eine ganze Reihe von Hauswalds Bildern lässt sich explizit als Kritik am System lesen, wenn er beispielsweise bei einer Biergarten-Szene das Rücken-Tattoo eines Lang­haarigen fokussiert: „Nur wenn ich träume bin ich frei“. Die Staatssicherheit bespitzelte ihn zeitweise mit bis zu 35 inoffiziellen Mitarbeitern gleichzeitig. Trotzdem gelang es ihm immer wieder, ganze Fotoserien in die Bundesrepublik zu schmuggeln und dort auch zu veröffentlichen.
Großzügig ausgestattet mit Kodak-Filmen
Die meisten Protagonisten der Ost-Fotografie (auch Hauswalds Kollegen, mit denen er 1990 die Agentur Ostkreuz gründete) haben vor allem Schwarz-Weiß fotografiert. Die erhältlichen ORWO-Farbfilme hatten eine schlechte Bildqualität, und das hochwertigere West-Material konnte man in der DDR nur in einem einzigen Labor entwickeln lassen – in jenem Labor, in dem offizielle Propagandabilder hergestellt wurden. Da westliche Journalisten nur unter Aufsicht durch das Land reisen und fotografieren durften, sind professionelle Farbaufnahmen, die das Alltagsleben dieser Zeit zeigen, rar. Harald Hauswald war ab 1985 dank seiner Bildreportage-Aufträge für verschiedene westdeutsche Zeitschriften (GEO, Stern, Zeitmagazin) großzügig mit Kodak-Filmen ausgestattet und fotografierte jahrelang in Schwarz-Weiß und in Farbe.
Seine jetzt zum ersten Mal ausgestellten farbigen Bildserien sind deshalb besonders interessant. Sie zeigen neben Impressionen vom Lande auch die umtriebige Ost-Berliner Szene: exzessives Party-Treiben, Open-Air-Konzerte in Hinterhöfen, Punks und Hooligans – ein unretuschierter Blick auf lustvoll und individuell ausgelebten DDR-Alltag jenseits des muffigen Klischees. Gleichzeitig verdeutlichen Hauswalds Farbfotos – mit ihren dunkelgrauen Altbaufassaden, hellgrauen Beton-Neubauten und pastelligen Fahrzeugen, akzentuiert durch knallbunte Kunstfaser-Bekleidungsstücke und Uniformteile – auch sehr anschaulich das überschaubare Farbspektrum des Sozialismus.

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