Geschäftsmodell BIM

JSB Architekten aus Stuttgart haben sich auf Building Information Modeling spezialisiert. Der Fokus ihrer Dienstleistung liegt auf der Leistungsphase 5, der Ausführungsplanung. Das Büro entwickelt detaillierte BIM-Modelle für seine Auftraggeber.

Text: Westphal, Tim

    In der 3D-Schnittperspek­tive durch das Atrium des „Kinderhauses am Neckarbogen“ in Heilbronn von Finckh Architekten wird die enorme Informationstiefe deutlich, die sich aus den Daten des BIM-Modells abrufen lässt.
    Abb.: © JSB Architekten

    In der 3D-Schnittperspek­tive durch das Atrium des „Kinderhauses am Neckarbogen“ in Heilbronn von Finckh Architekten wird die enorme Informationstiefe deutlich, die sich aus den Daten des BIM-Modells abrufen lässt.

    Abb.: © JSB Architekten

    Vom Rohbau über den technischen Ausbau bis zum Innenausbau: Alle Fachplanungen sind im „digitalen Gebäudezwilling“ des BIM-Modells zusammengeführt.
    Abb.: © JSB Architekten

    Vom Rohbau über den technischen Ausbau bis zum Innenausbau: Alle Fachplanungen sind im „digitalen Gebäudezwilling“ des BIM-Modells zusammengeführt.

    Abb.: © JSB Architekten

Geschäftsmodell BIM

JSB Architekten aus Stuttgart haben sich auf Building Information Modeling spezialisiert. Der Fokus ihrer Dienstleistung liegt auf der Leistungsphase 5, der Ausführungsplanung. Das Büro entwickelt detaillierte BIM-Modelle für seine Auftraggeber.

Text: Westphal, Tim

Bereits vom Studium kennen sich Sirri El Jundi, Daniel Schrade und Jan Baumeister. Mehrere Jahre Berufserfahrung, verschiedene Arbeitsschwerpunkte und die gemeinsame Leidenschaft für digitale Planungsmethoden bewogen sie 2016 zur Gründung des gemeinsamen Büros JSB Architekten. Das Arbeiten mit BIM ist dabei nicht nur Mittel zum Zweck, sondern stellt die Basis ihres Geschäftsmodells und eine Abgrenzung zu anderen Architekturbüros dar.
Anders als klassische Büros, die sämtliche Leistungsphasen anbieten, setzen JSB mit ihrer Dienstleistung erst nach der Baugenehmigungsplanung an. Das noch junge Architekturbüro hat damit eine Marktlücke besetzt. Dabei steht außer Frage, dass mittelfristig der Großteil der Architekturprojekte international und in Deutschland vom Entwurf bis zur Realisierung BIM-basiert geplant werden und dass auch aktuell noch distanzierte Kollegen den Nutzen der Methode erkennen.
Dieser Arbeitsansatz bietet nicht nur für die Planungspartner von JSB, sondern ebenso für andere Architekten neue Chancen. Letztere können sich auf die Leistungsphasen 1 bis 4 konzentrieren, ihren Entwurf konventionell in 2D oder3D vorplanen und nach der Baugenehmigung durch JSB in eine BIM-Planung überführen lassen. Auf den ersten Blick ist dies ein Bruch in der Durchgängigkeit der Prozesse, denn das BIM-Modell wird von JSB komplett neu aufgebaut.
Doch bietet dieses Vorgehen die Möglichkeit, nach der Genehmigungsphase eine ganzheitliche Planung zu forcieren und kollaborativ zu arbeiten. Fehlplanungen und damit einhergehende Terminverzögerungen lassen sich auf diese Weise rechtzeitig vermeiden, um zu einem Ergebnis zu gelangen, das hochwertiger und wirtschaftlicher ist, als es möglicherweise mit einer konventionellen CAD-Planung der Fall gewesen wäre. „Indem wir uns auf die Ausführungsplanung konzentrieren, werden unsere Mitarbeiter in diesem Segment schnell zu guten Planern, und die Fehlerquote sinkt erheblich. Gleichwohl ist die Arbeit durch die Verschiedenartigkeit an Projekten nicht langweilig“, so die Erfahrung der Partner einhellig. Und der Erfolg gibt JSB recht: Nur 15 Monate nach der Gründung arbeitet das Büro mit 12 Mitarbeitern an 16 Projekten mit einem Volumen von 2 bis 33 Millionen Euro bei einer BGF von 2500 bis 25.000 Quadratmetern.
Der digitale Gebäudezwilling
Ihre Arbeitsweise lässt sich gut am Beispiel des Kinderhauses am Neckarbogen in Heilbronn erklären. Der Entwurf stammt von Finckh Architekten aus Stuttgart, einem Architekturbüro der alten Schule. JSB Architekten erhielten von ihnen neben DWG-Dateien von Grundrissen, Schnitten und Ansichten zusätzlich dreidimensionale Handskizzen ausgewählter Details. Vom Bauherrn, der Stadtsiedlung Heilbronn GmbH, kam der Auftrag, im Zuge der Ausführungsplanung alle Dokumente in ein BIM-Modell zu überführen.
Nach dem einheitlichen Standard des Büros, in dem bereits viele Arbeitsschritte automatisiert sind – so etwa die Plankopferstellung oder die konsistente Übernahme von Änderungen in alle Zeichnungen – wurde das neue Projekt angelegt, bevor im nächsten Schritt mit der Sichtung und dem Einlesen der Pläne begonnen und der Rohbau in der BIM-Software Archicad modelliert wurde. „Für unsere Arbeit in Leistungsphase 5 erwies sich das als optimal, da das BIM-Modell aus der Arbeitsweise und mit der prozesshaften Denkweise eines Architekten entwickelt wurde“, erläutert Sirri El Jundi, der, IT-affin, bereits viel Erfahrungen mit den gängigen Programmen am Markt gesammelt und sie stets kritisch auf ihre Alltagstauglichkeit durchleuchtet hat.
Analog zu den einzelnen Werkplanungsphasen, wie sie bei einem Generalunternehmer verankert sind, arbeiten sich die Projektarchitekten nach der Basismodellierung immer weiter in die Tiefe. Dabei nutzen sie eine Nomenklatur von WP1 bis WP3 (Werkplanung 1 bis Werkplanung 3). In WP 1, sozusagen in der Basismodellierung, wird der Rohbau anhand der Planungsgrundlage modelliert und mit den vorhandenen Informationen zu Bauteilen und Elementen ergänzt. Darunter werden beispielsweise Fenster und Türen auf der Basis von Standardobjekten erstellt und mit den gewollten Attributen versehen sowie Sonderbauteile entwurfsgerecht angepasst. Anschließend übergeben die Architekten das Modell an den Statiker und den TGA-Fachplaner.
Diese können auf der Basis des Grundmodells ihre Planungen einarbeiten und kollisionsfrei abstimmen (WP 2). Der Architekt übernimmt an dieser Stelle die Koordination und fügt alle Daten in seinem BIM-Modell zusammen. Auf diese Wei­se entsteht ein konsistentes und verlässliches Modell des Gebäudes, und JSB behalten stets den Überblick über Arbeitsphasen, Planungsstände und potenzielle Problempunkte. Diese ganzheitliche Arbeitsweise aller Beteilig-ten ist aus Sicht der Architekten essenziell und eng mit dem „Open BIM“-Gedanken verknüpft: Die Planungspartner können mit ihren eigenen Werkzeugen, Hard- und Softwarelösungen planen und dank des IFC-Austauschformats ihre BIM-Teilmodelle in das Gesamtmodell einspielen. In der WP 3, der Ausbauphase, werden anschließend alle ausbaurelevanten Informationen zu Materialien und Oberflächen in die Planung aufgenommen.
Wieviel Info soll es wirklich sein?
Der Erfolg von JSB hängt entscheidend von der wirtschaftlichen und effizienten Arbeitsweise des Büros ab. Hierbei spielt der „Level of Development“ (LOD) eine große Rolle innerhalb des Planungsprozesses. Es bedeutet, dass der Grad der Informationstiefe im Vorfeld gemeinsam mit dem Auftraggeber festgelegt wird. Dadurch werden die Aufwende für jeden planbar und die Vergütung der Leistungen transparent. In regelmäßigen Abständen finden Besprechungen mit allen Projektbeteiligten am Modell statt. Hier wird festgelegt, welche möglichen Problempunkte detaillierter auszuarbeiten sind.
Notwendige Details lassen sich zeitnah und bedarfsgerecht erstellen. „Auf Verdacht“ im Vorfeld entwickelte Details oder unnötige Änderungen an von der Überarbeitung unberührten Bauteilen werden so vermieden. Viele konkrete Fragestellungen lassen sich über mobile Endgeräte mit den ausführenden Firmen auch direkt auf der Baustelle anhand des Modells klären, und diese Änderungen aktualisieren sich automatisch. JSB nutzen sie genauso wie ihre Bauleiter oder Bauherren. Dank dieser im Baustelleneinsatz noch recht neuen Hilfsmittel behalten die Projektarchitekten stets den Überblick, und alle Abstimmungen laufen koordiniert ab. Hinzu kommt die direkte Serveranbindung vom Gerät aus: Korrekturen oder Anmerkungen, die am Tablet auf der Baustelle eingefügt wurden, erscheinen sofort im Modell und damit in der Folge in allen Plänen.
Die beschriebene Arbeitsweise und die dahinterstehenden Workflows beim Umgang mit BIM sind noch die Ausnahme. In den meisten deutschen Architekturbüros wird es voraussichtlich noch einige Jahre dauern, bis sie sich etablieren.Wenn dieser Prozess abgeschlossen ist, wollen die Stuttgarter Architekten erneut einen Schritt voraus sein. In ihrer Forschungs- und Entwicklungsabteilung prüfen und bündeln unter anderem Anforderungen ihrer Kunden und werten Feedbackbögen für ihr eigenes Qualitätsmanagement aus. Das ist wichtig, um die internenund externen Arbeitsprozesse kontinuierlich zu optimieren, zeitintensive Arbeitsschritte zu automatisieren und sich strategisch weiterzuentwickeln.
Das Idealbild des Architekten, bei dem erneut alle Fäden zusammenlaufen, unterstützt grundsätzlich die Arbeit mit der BIM-Methode, stellt SirriEl Jundi heraus: „Digitale Planungsmethoden erfordern allerdings eine andere Herangehensweise an die Projekte. Man muss sich öffnen und sehr viel stärker mit den Planungsbeteiligten kooperieren, anstatt mit ihnen zu konkurrieren.“
Fakten
Architekten JSB Architekten, Stuttgart
aus Bauwelt 25.2017
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