Erinnerungskultur

Das Braun­schweiger Photographiemuseum präsentiert südosteuropäische Reflexionen mit der Kamera

Text: Brosowsky, Bettina Maria, Braunschweig

"Memorial house of the Bulgarian Communist Party, Buzlujda"
© Nikola Mihov

"Memorial house of the Bulgarian Communist Party, Buzlujda"

© Nikola Mihov


Erinnerungskultur

Das Braun­schweiger Photographiemuseum präsentiert südosteuropäische Reflexionen mit der Kamera

Text: Brosowsky, Bettina Maria, Braunschweig

Der Balkan produziere mehr Geschichte, als er selber gebrauchen könne, wird der englische Premier Winston Churchill zitiert. Beim Zerfall des Vielvölkerstaates Jugoslawien nach 1990 bewahrheitete sich diese Befürchtung noch einmal, äußerst brutal und blutreich.
Die neuen Staaten auf dem Terrain Ex-Jugoslawiens stehen heute vor der Aufgabe, unmittelbare und vergangene, widersprüchliche und verdrängte Phasen ihrer Geschichte normativ aufzuarbeiten. Hinzu kommen subjektive Lebenserinnerungen der Menschen. Ein opulentes Ausstellungsprojekt des Goethe-Instituts in Zusammenarbeit mit dem Braunschweiger Museum für Photographie geht Formen der Erinnerungskultur aus elf Ländern Südosteuropas nach, die mit den kameragebundenen Medien Fotografie, Film und Video operieren. Neben einigen der neuen Staaten sind Rumänien, Bulgarien, Griechenland, die Türkei, Zypern und Albanien vertreten; insgesamt werden 23 künstlerische Positionen präsentiert.
Momentan sind die ethnischen Konflikte befriedet, und kontinuierlich treten Staaten der EU bei – Südosteuropa ist wenig im Blickfeld Westeuropas, es sei denn, finanzielle Nöte Griechenlands oder Zyperns fordern die Hilfe der Union. Transferleistungen an diese EU-Mitglieder schüren jedoch auch wieder alte Vorurteile über die gesamte Region, bespielsweise von südländischer Ineffizienz, systemischer Korruption oder der Verweigerung demokratischer Kontrollen. Doch den rechtsstaatlichen Defiziten in vielen dieser Länder scheint sich eine ausgeprägte Fähigkeit zu psychologisierender Reflexion und kreativer Geschichtsverarbeitung entgegen zu stellen, in sehr eigenständigen dokumentarischen Spielarten und narrativen Formen.
Der wohl bekannteste unter den ausgestellten Künstlern ist der Rumäne Iosif Király, Jahrgang 1957, der sowohl ein Architektur- als auch ein Kunststudium absolvierte und in Bukarest Fotografie und Medienkunst lehrt. Während der beklemmenden kommunistischen Diktatur in Rumänien galten seine Fotoarbeiten den eigenen illegalen und geheimen Performances. Király erreichte über anschließende Mail-Art-Aktionen sein dissidentes Publikum. Die Konstruktion abweichender Wirklichkeiten findet man auch in seinen aktuellen fotografischen Untersuchungen wieder. Sie befassen sich mit den Veränderungen im Alltagsleben und im Stadtraum des post-kommunistischen Rumäniens. Királys große Panoramen, „Rekonstruktionen“ betitelt, sind Montagen städtischer und landschaftlicher Situationen, die er über Jahre verfolgt hat und nun zu fragmentierten Zwitterwesen aus Gegenwart und Vergangenheit verschmilzt. Damit dekonstruiert er aber auch den privilegierten Zugang bildgebender Medien in der Geschichtsprotokollierung, eine authentische Verlässlichkeit ist den Resultaten nicht à priori seigen.
Für einen derartigen Gebrauch der Medien scheint Király stilbildend gewirkt zu haben. Nicht nur seine direkten Schüler, von denen einige in der Ausstellung vertreten sind, nutzen abbildende Dokumente nur noch als Ausgangspunkt künstlerischer Installationen und gehen mit ihnen sehr persönlichen Fragestellungen nach. Ein erzählerisch interpretierender Umgang mit den Medien scheint geradezu ein verbindendes Element unter der jüngeren Künstlergeneration Südosteuropas geworden zu sein. Die Kroatin Jelena Blagović beispielsweise inszeniert die bescheidene Habe ihrer Großeltern, darunter auch fremdsprachige westliche Literatur, in alten Schubkästen zu großformatigen Fotos – ihr persönliches „Familiensilber“; sie spricht damit aber auch die kulturelle Orientierung der Region in der Vergangenheit an. Die Serbin Stefana Savić stellt im Reenactment die Lebensgeschichte ihrer Großtante nach, die sich als junge Frau in persönlicher Notlage das Leben nahm. Die Erinnerungen stammen aber nicht aus dem erlebten Geschehen, sondern aus Erzählungen der Familie, sind somit „ererbte Erinnerungen“. Eine Diaschleife bildet dazu die zeittypische, technisch bescheidene Präsentationsform. Der türkische Videokünstler Erhan Muratoğlu wiederum porträtiert eine über 90-jährige Bulgarin, die in die Türkei auswanderte, private Fotos und gesprochene Lebenserinnerungen ergänzen sich.
Aber auch Architekturfotografie ist vertreten. Der Serbe Nikola Radić Lucati zeigt in 40 farbintensiven Fotos unter anderem den baulichen Nachlass einer international ausgerichteten Moderne der Zwischenkriegszeit, während der Bulgare Nikola Mihov in klassisch stillen Schwarz-Weiß-Fotos verfallende Monumente der kommunistischen Ära befragt. Neben vielen Facetten einer für westeuropäische Rezeptionsgewohnheiten mitunter zu sentimentalen Fotografiekunst gibt es somit auch dokumentierende Zugriffe aus kühler Distanz. Allen gemein ist das Gespür um die kulturelle Relevanz des fotografischen Bildes im kollektiven Gedächtnis Südosteuropas.

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