Diskurs

Wann entsteht die Idee?

Ein Gespräch zwischen zwei Architekten unterschiedlicher Generationen zu den Potentialen eines Klassikers unter den Baustoffen

Ins Gespräch vertieft: Manfred Ortner und Klaus Würschinger.

Was muss ein Klinker können?

Gespräch mit den Architekten Manfred Ortner und Klaus Würschinger
  • Autorin: Brita Köhler
  • Fotos: Fotos: Frank Peterschröder | Stefan Meyer | Stefan Müller

Wir treffen Manfred Ortner und Klaus Würschinger in Berlin im Museum Hamburger Bahnhof zum Interview. Ein neutraler Ort, um mit zwei Architekten aus unterschiedlichen Generationen über das klassische Baumaterial Backstein zu diskutieren. Während das Büro Ortner und Ortner bereits auf zahlreiche Bauten mit Klinkerfassaden zurückblicken kann, ist dieses Feld für das Büro weberwürschinger noch relativ neu. Zuletzt haben sie in Rehau einen historischen Ziegelbau zu einem neuen Ausbildungszentrum erweitert (Bauwelt 28.2010).

Wie kann man mit dem klassischen Material Ziegel experimentieren und zu einer modernen Formensprache gelangen?

Manfred Ortner: Unser Bürogebäude in Frankfurt am Main und das geplante Landesarchiv in Duisburg sprechen eine ganz unterschiedliche Architektursprache. Das versteht sich von selbst, wenn der Ort und die Funktion unterschiedlich sind. Grenzen der Modernität oder des Experiments gibt es für mich beim Material Ziegel nicht. Das Kleinteilige des Materials ist sein Wert und macht geschwungene oder kuppelförmige Gebäude ebenso möglich wie klassische Gebäude.

Klaus Würschinger: Wir haben immense Möglichkeiten, mit dem Material zu arbeiten. Die Lösung liegt in der Reduktion. Die Modernität eines Gebäudes ist nicht einzig von der Fassade abhängig. Es geht um eine Haltung – die Ortsverankerung, Bezüge, die ich aus der Umgebung wahrnehme, sowie inhaltliche, programmatische Themen. Das kann auch einem Gebäude mit klassischen Ziegelelementen ein modernes Erscheinungsbild verleihen.

MO: Ein Gebäude vor Ort zu verankern und mit einer gewissen Subversivität heranzugehen, erscheint mir wichtig, um ihm mehr zu geben als nur diesen raschen, heute selbstverständlichen Rationalismus oder den künstlerisch angehauchten Minimalismus. Zusätzliche Dinge – vorsichtig eingesetzt – können in der Lage sein, ein Gebäude im Gedächtnis zu verankern und Erinnerungswerte zu geben.

KW: Wir sagen „Irritationen“ oder „der zweite Blick“ dazu. Unsere Architektur will den Besucher nicht auf den ersten, sondern auf den zweiten Blick vor die Frage stellen, dass irgendetwas anders ist.

Klaus Würschinger hat den Baustoff Klinker gerade erst für sich entdeckt.

Klaus Würschinger hat den Baustoff Klinker gerade erst für sich entdeckt ...

Wie beeinflussen die unterschiedlichen Ausgangssituationen für Ihre Planungen das Erscheinungsbild und die Materialwahl?

MO: In der Mitte des neu zu bebauenden Schwedter-Carré in Frankfurt am Main wollten wir einen markanten Punkt setzen. Markant, aber mit aller Vorsicht – dazu zählt auch das Material. Wir definieren mit einem roten Ziegel einen roten, homogenen Block. Er steht auf einem kleinen Platz und formuliert somit einen guten Auftritt.

KW: Wir fanden in Rehau einen Ziegelbau aus dem Jahr 1880 vor, der zu einem Ausbildungszentrum umgebaut werden sollte. Der Ort in malerischer Lage an einem kleinen Flussarm ist entscheidend. Zugleich war aber auch das Programm maßgebend – die Auszubildenden werden im Erdgeschoss an Maschinen zu Mechatronikern für die Kunststoffindustrie ausgebildet. Ein zusammenhängender Raum konnte nur über einen Erweiterungsbau realisiert werden. An den Bestand anknüpfend, haben wir uns für die Fortführung des vorhandenen Materials entschieden. Klinker trägt dem Entwurfsgedanken von einem Haus am meisten Rechnung.

Ging es bei der Wahl des Materials auch darum, historische Bezüge herzustellen?

MO: Dass es sich um ein ehemaliges Industrieareal mit traditionellen Klinkergebäuden handelt, trägt zur Materialwahl bei, aber nicht ausschließlich. Es ist ein sehr kubisches, volumetrisches Gebäude mit tiefen Laibungen. Wir nehmen Einschnitte in das Gebäude vor, die es plastisch werden lassen. Ziegel kommt dieser Plastizität extrem entgegen – je kleinteiliger das Material, umso besser. Wir haben in der Farbe des Klinkers verfugt und die Ziegelfassade in das Foyer hineingezogen, wodurch der Eindruck eines homogenen Blocks gesteigert wird.

„Ziegel stellt eine Speichermasse dar, im energetischen Sinne wie auch als Speicher für atmosphärische Dinge.“
Manfred Ortner
Wie wichtig war es, als ganzheitlicher Gestalter auftreten und individuelle Vorstellungen von Struktur und Farbe des Fassadenmaterials verwirklichen zu können?

MO: Das ist absolut notwendig, wenn wenige Materialien für das Gebäude zu verwenden sowie jegliche Abdeckungen ebenfalls aus Ziegel zu realisieren. Da wir Starcom als homogenes Volumen betrachtet haben, war uns der Einfluss auf die Beschaffenheit des Ziegels, der Fugenmischung oder Vertiefung sehr wichtig. Davon lebt diese Art der Oberfläche. Deswegen sind im Vorfeld diverse Ziegelmuster angefertigt worden, um für das Objekt wirklich die richtigen Rottöne auszuwählen.

Hoher gestalterischer Anspruch kostet Geld. Hat der Bauherr hier mitgeredet?

MO: Jeder Bauherr will Einfluss nehmen und zu Recht auf solchen Entscheidungswegen mitgenommen werden. Überzeugungsarbeit gehört zum Alltagsgeschäft des Architekten. Schwierig wird es, wenn ein Bauherr kurzfristig auf Kosten schielt, die gegen bestimmte Details sprechen würden. Oder wenn es um Laibungen geht – sie bedeuten Raumverlust, sind für uns aber wichtige, plastische und atmosphärische Elemente. Wir müssen den Bauherrn vom Mehrwert überzeugen.

KW: Konkrete Anforderungen sind elementar für die Architektur. Da unser Bauherr in Rehau auf dem Markt der regenerativen Energien vertreten ist, wünschte er, den Altund Erweiterungsbau auf ein Niveau unterhalb der EnEV 2009 zu bringen. Zusätzlich hatten wir es mit Hausschwamm zu tun – am Ende blieben nur vier Fassaden mit 20.000 Injektionsankern versehen stehen. Es galt, den Bauherrn zu überzeugen, nicht alles abzureißen. Wir mussten mit Innendämmung arbeiten, um energetische Ansprüche zu erfüllen. Ein gutes Beispiel für die Ertüchtigung eines alten Klinkerbaus bei gleichzeitigem Erhalt des Erscheinungsbildes.

MO: Wir kämpfen alle mit dem mehrschaligen System. Wir wünschen uns monolithische Volumen – tatsächlich ist der Ziegel heute aber eher eine Oberfläche. Andere Baustoffhersteller, etwa die Glas- oder die Betonindustrie, haben in der Vergangenheit einiges unternommen, um auf die gestiegenen energetischen Anforderungen zu reagieren. Bei der Ziegelindustrie sehe ich in dieser Hinsicht noch große Herausforderungen.

KW: Mittlerweile ist es akzeptiert, dass wir aus konstruktiven oder wärmedämmtechnischen Gründen nur noch mit Vorsatzschalen arbeiten können. Aber wäre es nicht reizvoll, wenn wir Architekten wieder 60 Zentimeter starke Wände bauen könnten, die ihre Vorteile der Speicherkapazität ausspielen könnten? Aber so etwas ginge zu Lasten der Raumflächen, und das ist immer schwer zu vermitteln. Im Moment scheint mir in der Ziegelindustrie die große Materialvielfalt im Vordergrund zu stehen.

Während sich Manfred Ortner schon seit vielen Jahren mit dem Baustoff auseinandersetzt.

... während sich Manfred Ortner schon seit vielen Jahren mit dem Baustoff auseinandersetzt.

Worin sehen Sie die Vorteile des Baumaterials Ziegel?

KW: Uns geht es darum, Geschichte fortzuschreiben – wir nennen es „gefühlvolles Weiterbauen“. Der Ziegel ist geeignet, Plastizität zu erreichen und eine Geschichte zu erzählen. In Rehau war die Expressivität des Beton-Rohbaus zunächst größer. Aber mit Blick auf die Ursprungsidee, weniger effekthascherisch, aber sensibel weiter zu bauen, waren wir mit dem Ergebnis sehr zufrieden. Das Ziegelformat ermöglichte es uns, den Altbau nicht historisierend zu zitieren, sondern mit neuen Elementen wie den losgelösten Fensterstürzen zu gestalten. Für das Material Ziegel sprechen die Langlebigkeit, die Solidität und vor allem das Altern in Würde.

MO: Ziegel hat eine ausgesprochen warme Ausstrahlung. Ziegel stellt eine Speichermasse dar, sowohl im energetischen Sinne, als auch als Speicher einer Atmosphäre. Architektur – so gut und sauber sie gelöst sein mag, ist eigentlich verloren, wenn sie es nicht schafft, eine eigene Stimmung zu erzeugen. Ziegel ist in der Lage, diese Qualitäten nach außen hin abzubilden.

KW: Dem Baustoff wird traditionell großes Vertrauen entgegen gebracht. Über die Materialqualität von Klinker müssen wir mit Bauherren kaum diskutieren, die steht für die meisten fest. Wir möchten sie vielmehr von der Langlebigkeit überzeugen. Nicht viele denken über den Zeitraum von fünfzig Jahren nach, sondern treffen kurzfristige Entscheidungen. Eine große Stärke ist die Prägnanz und der Wiedererkennungswert von Ziegelbauten.

„Grenzen der Modernität oder des Experiments gibt es für mich beim Material Ziegel nicht.“
Manfred Ortner
Welche Projekte würden Sie gerne im Material Klinker umsetzen?

MO: Wir hoffen, dass das Landesarchiv in Duisburg so gebaut wird, wie wir es geplant haben. Ein altes Speichergebäude aus Ziegel, das wir mit einem Turm krönen. Das gesamte Archivgebäude hat kaum Fenster, diese werden mit einer neuen Ziegelschicht zugemauert. Diese gigantische Skulptur ist etwas, wo der Ziegel in seiner Plastizität und Haptik seine Stärken ausspielt.

KW: Wir beschäftigen uns erst seit relativ kurzer Zeit mit dem Thema Klinkerbauten. Angesichts der Räumlichkeiten hier im Hamburger Bahnhof, in denen wir uns heute befinden, würden wir gerne einmal ein Museum aus Ziegel bauen.


Klaus Würschinger

1967 geboren in Neustadt a.d. Waldnaab | Studium Bauingenieurwesen FH Augsburg und Ingenieurarchitektur University of Westminster London | Seit 1997 Mitinhaber von weberwürschinger Architekten in Berlin. Das Büro verantwortet den Umbau der Hauptverwaltung sowie die weltweite Corporate Architecture der REHAU AG.

www.weberwuerschinger.com


Manfred Ortner

1943 geboren in Linz | Studium der Malerei und Kunsterziehung Akademie der bildenden Künste Wien | 1971 – 87 Atelier Haus-Rucker-Co in Düsseldorf mit Günter Zamp Kelp und Laurids Ortner. Seit 1987 Architekturbüro mit Standorten in Wien, Linz, seit 1994 in Berlin, 2006 in Köln und 2009 in Rostov am Don | Professor für Entwerfen Architekturfakultät FH Potsdam.

www.ortner.at

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