Stellen Sie sich Moskau vor

Von Wolkenbügel bis Lenin-Mausoleum: Das Design Museum in London breitet ­sieben ikonische Entwürfe der jungen Sowjetunion aus

Text: Schulz, Bernhard, Berlin

    El Lissitzky, Wolkenbügel, Ansicht vom Strastnoy Boulevard, 1925
    Abb.: © Van Abbemuseum

    El Lissitzky, Wolkenbügel, Ansicht vom Strastnoy Boulevard, 1925

    Abb.: © Van Abbemuseum

    Blick ins Innere der „Ausstellungsspirale“ mit dem Kapitel über den Palast der Sowjets von Boris Iofan.
    Foto: Luke Hayes

    Blick ins Innere der „Ausstellungsspirale“ mit dem Kapitel über den Palast der Sowjets von Boris Iofan.

    Foto: Luke Hayes

Stellen Sie sich Moskau vor

Von Wolkenbügel bis Lenin-Mausoleum: Das Design Museum in London breitet ­sieben ikonische Entwürfe der jungen Sowjetunion aus

Text: Schulz, Bernhard, Berlin

Man muss den Titel dieser Ausstellung im Londoner Design Museum wohl wörtlich nehmen: „Imagine Moscow“, stellen Sie sich Moskau vor. Denn es handelt sich um eine Schau, die um ihren Gegenstand kreist, ohne ihn als solchen dingfest zu machen. „Moskau“ dient vielmehr als Oberbegriff für das, was sich gesamtkulturell in der jungen Sowjetunion ereignete. Es geht nicht um eine Darstellung der Architekturentwicklung, sondern es werden sieben Bauten hervorgehoben, an denen sich die politischen und gesellschaftlichen Veränderungen illustrieren lassen. Genauer handelt es sich, mit einer Ausnahme, um Entwürfe, die das Kuratorenteam um Eszter Steierhoffer ausgewählt hat: den „Wolkenbügel“ von El Lissitzky von 1924; das Lenin-Institut von Iwan Leonidow aus dem Jahr 1927; das Sanatorium von Nikolai Sokolow, 1928; das Kommune-Haus von Nikolai Ladowski von 1920; den Wettbewerb für das Gebäude des Volkskommissariats für Schwerindustrie am Roten Platz in Moskau von 1934/36; den Siegerentwurf für den „Palast der Sowjets“ von Boris Iofan (ab 1931); und schließlich als einziges ausgeführtes Gebäude das Lenin-Mausoleum von Alexei Schtschussew.
Die Berliner Kuehn Malvezzi haben die Ausstellungsarchitektur gestaltet. Sie gliedern den Raum durch Stellwände in einer angedeuteten Spirale. Bis auf die Rundform als Innerstes der Spirale bewahren die Stellwände den Charakter des „fließenden Raums“, der von überall Durchblicke erlaubt – damit allerdings auch zu einer optischen Überlagerung führt, die die Betrachtung einzelner Objekte nicht eben erleichtert.
Vielleicht ist das auch intendiert. Die Moskau-Ausstellung zeigt sich als Totalinszenierung. Das ist dem eigentlichen Thema angemessen, der totalen Neuausrichtung des Lebens im Sozialismus; jedenfalls so, wie es in den Utopien der Architekten und Künstler der 20er Jahre angelegt war, bevor das Stalin-Regime seine zugleich monumentale wie kleinbürgerliche Ästhetik über das Land legte. Andererseits lassen sich die einzelnen Etappen der Entwicklung nicht voneinander abgrenzen, von den Kontroversen, die es um Konzepte wie die „Desurbanisierung“ der sowjetischen Industriestädte gegeben hat, ganz zu schweigen.
Und da kommt nun das größte Manko dieser Ausstellung zum Tragen: der Mangel an Origi­nalen zur Architektur. Offenbar war es nicht möglich, Zeichnungen aus dem Staatlichen Architekturmuseum in Moskau zu entleihen. Was die Ausstellung an Originalen zeigt – sie sind hinreißend –, sind Plakate, Keramiken und Porzellane, Fotos und einige schöne Modelle aus Privatsammlungen und westlichen Museen.
Außerdem sind Ausschnitte aus sowjetischen Filmen zu sehen. So aus Dsiga Wertows Klassiker „Mann mit der Kamera“ von 1929, aus dem uto­pischen Spielfilm „Aelita“ von Jakov Protazanow (1924) und aus dem Propagandafilm „Neues Moskau“ von Alexander Medwedkin von 1938. Letzterer zeigt in Tricksequenzen, wie Stalin und sein Moskauer Statthalter Kaganowitsch – der Antreiber des Metro-Baus – sich die sozialistische Hauptstadt vorstellten (und tatsächlich in Teilen auch verwirklichten).
Im Katalog schreibt Kuratorin Steierhoffer, die Exponate zeigten „die Archäologie einer Zukunft, die nie verwirklicht werden konnte“. Derlei ist Reklamelyrik. Denn zum Teil wurden die Utopien verwirklicht, wenn auch nicht auf Dauer, man denke nur an Moissei Ginsburgs „Narkomfin“-Wohnhaus; und überhaupt ergaben die ausgewählten Projekte in der Realität der Sowjetunion kein kohärentes Ganzes: Zwischen dem Kommune-Haus und den riesenhaften Entwürfen für das Schwerindustrie-Kommissariat, liegen die entscheidenden Veränderungen der Sowjetunion, ihres politischen Systems, ihrer Gesellschaft und ihrer Ästhetik. Darüber ist im Katalog zu lesen. Die Ausstellung selbst unterwirft sich ganz dem Sog ihres eleganten Designs.
Fakten
Architekten Lissitzky, El (1890-1941); Iofan, Boris (1891-1976)
aus Bauwelt 9.2017
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