Popmoderne und Atomtod

Der Brutalismus und seine Bauten im Deutschen Architekturmuseum

Text: Brinkmann, Ulrich, Berlin

    Das überbordende Material der Brutalismus-Ausstellung wurde übersichtlich umden Innenhof des DAM
    herum nach zwölf Weltregio­nen sortiert.

    Foto: Moritz Bernoully

    Das überbordende Material der Brutalismus-Ausstellung wurde übersichtlich umden Innenhof des DAM
    herum nach zwölf Weltregio­nen sortiert.

    Foto: Moritz Bernoully

    Foto: Moritz Bernoully

    Foto: Moritz Bernoully

Popmoderne und Atomtod

Der Brutalismus und seine Bauten im Deutschen Architekturmuseum

Text: Brinkmann, Ulrich, Berlin

Was für eine schöne Schau! Und was für eine gelungene Presseführung! Während des Rundgangs einen Tag vor Eröffnung der Ausstellung „SOS Brutalismus – Rettet die Betonmonster!“ im Deutschen Architekturmuseum (DAM) in Frankfurt am Main entdeckte Kurator Oliver Elser Wolfgang Pehnt in der Reporterschar. Flugs­ ­entspann sich ein spontanes Interview mit dem großen Architekturhistoriker, der als einer der ersten hierzulande über die neue Haltung zur ­Architektur, zu ihrer Materialität, Konstruktion, Bildhaftigkeit und Erzählweise geschrieben ­hatte und nun die vermeintlich lang vergangene Ära durch seine Präsenz lebendig werden ließ.
Was auch zeigte, dass uns die „Betonmonster“, zu deren Schutz und Bewahrung die Ausstellung einen Anstoß liefern will, noch gar nicht so fern sind, wie uns der schnelle Wechsel von Moden und Motiven im Architekturdiskurs, vom Internet ganz zu schweigen, manchmal glau­ben lässt. (Wie legt doch ein Blick über den Main auf die EZB nahe, dass lang vergangen schon der „Dekonstruktivismus“ ist!)
Le Corbusier, die Smithsons, Paul Rudolph ­– welcher Architekturstudent wüsste mit diesen Namen noch etwas anzufangen? Oder kennt gar noch die Leitbauten dieser Suche der Architekten nach einem Ausweg aus den längst zur Formel geronnenen Dogmen des International Style – Stichwort La Tourette, Hunstanton School, Yale University? Andererseits, das weltweite Gewebe hat uns in eine stete Gegenwart von Nachrichten, Ideen, Kommentaren, Bildern geworfen, in ein anhaltendes, niemals endendes Jetzt, das kein Gestern und Morgen mehr kennt.
Der Moment, die Architektur des Brutalismus zu vergegenwärtigen, scheint also günstig, zumal der Schutzbedarf des Menschen, den die massiven Dimensionen brutalistischer Bau­ten zeigen und überhöhen, in der gegenwärtigen ­Lage, eingeklemmt zwischen Umweltkollaps und Atomkrieg, erneut Verbindung zum Zeitgeist aufnimmt. Notwendig aber erscheint eine solche Vergegenwärtigung nicht nur im Netz: Allein in Frankfurt sind in den letzten Jahren drei prominente Beispiele dieser Haltung zerstört worden.
Abriss bzw. Sprengung von Technischem Rathaus, Historischem Museum und AfE-Hochhaus gab denn auch einen Anstoß zu der Ausstellung, und Elser, das Schlitzohr, nutzt die Gelegenheit, seine „Betonmonster“ auch dem nicht fachlich erzogenen Publikum mit einer Charmeoffensive sondergleichen unterzujubeln. Was bietet die Schau nicht alles auf! Dass Architekturausstellen eine schwierige Disziplin ist, vergisst man leicht über ihren haptischen und visuellen Reizen.
Ich sage nur: Modelle. Modelle in Pappe, Modelle in Beton, Modelle aus dem 3D-Drucker. Große Modelle, kleine Modelle. Gebäudemodelle, Schnittmodelle, Detailmodelle. Gebaut von Studenten der TU Kaiserslautern, die dafür ihre Semesterferien geopfert haben. Dann: Fotos. Neue Fotos, alte Fotos, große Fotos, kleine Fotos. Ansichtskarten von brutalistischen, halbbrutalistischen und zeitgleichen Bauten aus aller Welt, geschickt ans DAM. Zeitgenössische Zitate aus dem Spiegel. Knappe, aber instruktive Texte und Geschichten; Informationen zum aktuellen Status – Frontberichte einer Baugeschichte im Angesicht von Abrissbaggern. Geschwind kann man sich hier vertiefen, verlieren aber wird sich niemand: Das überbordende Material dieser weltumspannenden Ära wurde so übersichtlich wie nachvollziehbar um den Innenhof der Un­gers’schen Konzeptarchitektur herum nach zwölf Weltregionen geordnet. Und alles beginnt mit einer Flasche Champagner. Brut, natürlich.
Auf ins DAM also, und danach Augen auf, um dieBetonmonster in der Heimat aufzuspüren. Unter dem Hashtag #Betonperlen lassen sich Fotos von ihnen online stellen; Bilder der Frankfurter ­All­tagsmonster geleiten den Besucher im DAM schon jetzt hinaus zur Suche. Denn die Fragen, die diese Ausstellung aufwirft (und die zum Teil schon Reyner Banham in seinem Abgesang auf den Brutalismus 1966 gestellt hat), lassen sich am besten sowieso vor jedem einzelnen Objekt diskutieren: Ethik oder Ästhetik? Hypertroph oder ausdrucksstark? Abrisskandidat oder Baudenkmal? Entweder-oder oder Sowohl-als-auch?

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